Blindes Verstehen

 

In Joseph Lamberts Graphic Novel „Sprechende Hände“, die gerade bei Egmont als Hardcover-Band erschienen ist, geht es um die bis zum Äußersten strapazierte Hauslehrerin Annie Sullivan, die nach einer schwierigen, verstörenden Kindheit versucht, der taubblinden Helen Keller das Fingeralphabet beizubringen, damit das sechsjährige Mädchen sich mit seiner Umwelt verständigen kann.

Wie die beiden Frauen Ende des 19. Jahrhunderts im eigenwilligen Süden der USA miteinander und mit dem Rest ihrer Welt um jedes Fitzelchen Fortschritt ringen, hat Lambert in einer beeindruckenden Geschichte über das Leben mit Behinderung, aber viel mehr noch über Verstehen und Verständnis umgesetzt. Dabei nutzt er geschickt die visuellen Stilmittel des Comics, um Helens eingeschränkte Weltsicht und ihr hart erkämpftes Auftauchen aus der Finsternis zu veranschaulichen. Auch zeigt Lambert, wie sich im familiären sowie im pädagogischen und akademischen Umfeld von Annie und Helen immer wieder diverse Hindernisse und Störfaktoren auftun, die im Anhang des Comics als biografische und historische Tatsachen erläutert werden.

Denn „Sprechende Hände“ schöpft wie Arthur Penns Filmdrama „Licht im Dunkel“ (1962) aus der realen Lebensgeschichte der beiden Frauen und aus Kellers autobiografischem Roman „Mein Weg aus dem Dunkel“. Zudem gibt es diverse Sachbücher über diesen Fall, etwa die aktuellste Auflage von Helen E. Waites „Öffne mir das Tor zur Welt. Das Leben der taubblinden Helen Keller und ihrer Lehrerin Anne Sullivan“, die im Februar 2015 im Verlag Freies Geistesleben veröffentlicht wurde.

„Sprechende Hände“ indes brachte dem 1984 in Kansas geborenen Lambert, der am Center for Cartoon Studies studiert hat, 2013 völlig zurecht einen Eisner Award ein, den er sich in der Kategorie für Comics nach wahren Begebenheiten damals allerdings mit Frank Youngs und David Laskys Panel-Portrait der Country-Musiker-Familie Carter teilen musste.

 

Joseph Lambert: Sprechende Hände. Egmont Graphic Novel, Köln 2015. 96 Seiten, € 19,99

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