PRINCESS UGG – Die Prinzessin mit der Axt

Es gibt tolle Fantasy in Comic-Form, die Mädels und Jungs – und Frauen und Männer – gleichermaßen lesen und genießen können. All-Age-Unisex-Fantasy, wenn man einen Begriff finden möchte. Die vom Briten Luke Pearson inszenierten „Hilda“-Abenteuer zum Beispiel, die mühelos zwischen Tove Janssons Mumins und den Anime-Märchen des Studio Ghibli pendeln. Das klassische, mangaeske „Elfquest“-Epos der Amerikaner Wendy und Richard Pini, das derzeit in Sammelbandform neu aufgelegt wird. Oder die französische Alben-Serie „Die Legende der Drachenritter“ von Ange und Co., worin Frauen zeigen, dass sie Lindwürmer mindestens so gut erschlagen können wie ihre männlichen Kollegen.

Wer nicht genug von dieser Fantasy für alle Geschlechter und Altersklassen bekommt, sollte mal einen Blick über den großen Teich werfen. Neben den fantastischen „Lumberjanes“ lockt da derzeit nämlich die gerne übersehene Perle „Princess Ugg“, die neue Serie von Ted Naifeh, der schon die wunderbaren All-Age-Comics „Courtney Crumrin“ und „Polly und die Piraten“ schrieb und zeichnete und mit Fantasy-Autorin Holly Black zudem „Feenland“ umsetzte.

„Princess Ugg“, von dem aktuell zwei US-Sammelbände bei Oni Press vorliegen, ist eine klassische Aschenputtel-Geschichte. Na ja, fast. Die junge Barbarin Ülga ist eine Prinzessin, okay. Aber sie entstammt dem Gebirgs-Königreich Grimmeria (Anleihen an Cimmeria, die Heimat von Robert E. Howards Conan, sind definitiv kein Zufall) und einem Volk, dessen Frauen noch wildere Krieger sind als die Männer und wie selbstverständlich gegen die Riesen kämpfen. Wollmammuts und Zottelponys werden mühelos auf die eisigen Schlachtfelder geritten, und selbst junge Mädchen schwingen Äxte und Schwerter wie der Teufel. Fernab ihrer Heimat in den Bergen, auf der Prinzessinnenschule im Stadtstaat Atraesca, bringt das Ülga zunächst herzlich wenig. Ganz im Gegenteil. Sie ist die Wilde, die Außenseiterin, die Versagerin, das Monster mit dem Killerinstinkt, das Einhörner kurzerhand braten würde und keinerlei Verständnis für Diplomatie und Schick besitzt – Prinzessin Ugg eben. Doch nach und nach, sozusagen in bester Disney/Pixar-Manier, entdecken die anderen Mädchen Ülgas Stärken und Qualitäten, während Ülga herausfindet, dass es am Besten ist, sie selbst zu sein …

Ted Naifeh, der sich zuletzt auch in der Welt von Batman herumtrieb, hat da einen richtig guten Fantasy-Comic geschaffen, den er durch Aquarell-Sequenzen zusätzlich aufwertet. Eine charmante Gute-Laune-Lektüre für Conan-Fans, deren Töchter und Söhne – und jeden, der perfekt sitzende Geschichten mag, die leicht wirken und doch große Tiefe und Reife erreichen. Einzig an den Dialekt muss man sich im englischen Original gewöhnen, der ein wenig klingt, als hätte Walter Simonson seine „Thor“-Saga auf Texanisch oder Schottisch verfasst.

Eine deutsche Ausgabe von „Princess Ugg“ wäre genauso wünschenswert wie eine Neuveröffentlichung von Mr. Naifehs „Courtney Crumrin“ – die US-Neuauflage liegt sogar in Farbe vor.

Ted Naifeh: Princess Ugg Vol 1 & 2. Oni Press, Portland 2014/2015. je 120 Seiten, je $ 15,99