RED SKIN – Freie Liebe dank Hammer und Sichel

Sowjetunion, 1977. Spesnaz-Agentin Vera Jelnikowa ist jung, erfolgreich und lebensfroh. Sie freut sich auf das Kind, dass in ihrer Kommune erwartet wird. Denn freie Liebe ist eines der wenigen Dinge, die Vera noch mehr Freude bereiten als Leibesertüchtigung und Wodka. Doch ihre Genossen haben andere Pläne für den wohlgeformten Wirbewlind. Vera soll unter einem Decknamen nach Kalifornien reisen. Denn dort entsteht ein Nachahmer-Kult um den faschistisch motivierten Serienmörder „Zimmermann“, dem die Traditionalisten des Landes dabei nacheifern, alle Schwulen, Lesben und „sonstige Perverse auszurotten“. Aber Veras Mission soll auch der Sowjet-Propaganda dienen. Der Zimmermann bedient sich der Popularität von Superhelden aus Comicheften, mit seinem Kostüm und seiner Geheimidentität. Vera soll als mit Hammer und Sichel bewaffnete Superhelden-Antwort der UdSSR namens „Red Skin“ nun beweisen, dass es nichts gibt, das der Kommunismus nicht besser könnte…

Xavier Dorison hat mit „Red Skin“ eine herrliche Persiflage auf die unzähligen Agentengeschichten des kalten Krieges geschaffen. Irgendwo zwischen der augenzwinkernden Frivolität eines „Austin Powers“ und der grotesken Härte von Mark Millars „Kick-Ass“ begeistert der erste Band vor allem durch die dekorative Retro-Optik, mit der Star-Zeichner Terry Dodson (X-Men, Avengers, Star Wars) die üppige Pinup-Heldin inszeniert.

Trotz aller erotischen Anspielungen und weit geschwungenen Kurven ist Vera aber keine männerverschlingende Nymphomanin und verkommt „Red Skin“ auch nicht zur plumpen Fleischbeschau. Die wehrhafte Heldin steht zwar zu ihrer Freude an der Sexualität, transportiert das aber mit einer so unbeschwerten Naivität, dass sie sich jederzeit fernab von stereotypen Silikon-Vamps aus Superhelden-Comics befindet.

Das Vera nichts anderes als den Kommunismus und die Planwirtschaft kennt, sorgt für zahlreiche sehr amüsante Situationen, deren schrulliger Humor immer wieder an die Kulturschock-Komödien der achtziger Jahre erinnert, wie etwa dem „Prinz aus Zamunda“ oder „Crocodile Dundee“. Die starken Kontraste zwischen harter, fanatisch motivierter Gewalt und diesem charmantem Humor sorgen für ein sehr spezielles Lesevergnügen, dem hoffentlich viele weitere Bände voll herrlicher Retro-Klischees folgen werden.

Eine Leseprobe gibt es hier.

Xavier Dorison, Terry Dodson: Red Skin Bd.1 – Welcome to America. Splitter, Bielefeld 2015. 64 Seiten. 14,80 Euro