Was von Durden übrigblieb – „Fight Club 2“

„Seht ihn euch an. Heutzutage nennt er sich Sebastian.“ So lauten die ersten Worte in „Fight Club 2“, der exklusiven Comicfortsetzung, für die Bestseller-Autor Chuck Palahniuk noch einmal zu den Anfängen seiner Karriere zurückgekehrt ist. Die Hauptfigur blieb damals im weltberühmten Vorgänger noch namenlos, war doch schließlich der gesamte Erzählapparat darauf ausgerichtet, diese gespaltene Persönlichkeit ihres Ichs zu überführen. Mit den bekannten drastischen Folgen. Nun heißt er also Sebastian. Den Kniff, sowohl uns als auch seine Figur mit der unbequemen Wahrheit zu überraschen, die uns zuvor mit vielen Tricks nur entstellt vorgegaukelt wurde, schenkt sich Palahniuk bereits mit dem ersten Bild. Im Sequel geht es vielmehr darum, dass auch das vollwertigste Ich in einer sozial vollends verkrüppelten Welt nicht mehr weiterhilft.

Der Anschluss an den Vorgänger bleibt relativ lückenlos: Der Abgesang auf die Generation X, die Krise der Männlichkeitsmodelle, überhaupt aller Lebensentwürfe im Neoliberalismus, die sich zwischen zügelloser Konsumkraftprotzerei und trügerischer Familennestwärme zerreiben, setzt zehn Jahre später ein. Sebastian und Marla Singer sind mittlerweile verheiratet und haben einen neunjährigen Sohn. Aber genau das ist das Problem. Marla ist vom Eheleben zutiefst angeödet und wünscht sich Sebastians impulsive, gewissenlose Seite zurück, die er seinerseits mithilfe von Medikamenten und medizinischem Marihuana zu unterdrücken gelernt hat. Als sie heimlich seine Dosierung manipuliert, ist dies der Auftakt für Tyler Durden und das erneute „Projekt Chaos“, das, so scheint es, auch ohne Durden fortexistierte.

Im ersten Teil begann Sebastians Abspaltung der destruktiven Anteile mit der Explosion seiner Wohnung. Damit flog auch der way of life, die Ziellosigkeit eines auf Funktion und Reproduktion ausgerichteten Lebens in die Luft. In der Fortsetzung nimmt das Verhängnis mit der Entführung von Sebastians Sohn, die vermutlich auf Tyler Durdens Kappe geht, seinen Lauf. Muss diesmal also das Modell der bürgerlichen Kleinfamilie dran glauben? Schwer zu sagen, denn Palahniuk und Zeichner Cameron Stewart entfachen ein regelrechtes Zeicheninferno, das nicht nur permanent Parallelen zum Vorgänger, sondern auch die Vorahnung einer globalen Apokalypse beschwört. Auf den Häuserwänden wimmelt es von Graffiti und zweideutigen Slogans, die durchdringenden Blicke der Straßenpassanten wirken eine Spur zu finster, Kriege sind medial allgegenwärtig.

Sollte dies hingegen der Wahrnehmung Sebastians geschuldet sein, bleiben die LeserInnen davon nicht unberührt: Immer wieder verdecken mitten über die Seiten „verstreute“ Tabletten die Sicht auf Sprechblasentexte, an einer Stelle treffen die Figuren sogar auf ihren Schöpfer Chuck Palahniuk. Dieses Spiel mit den Erzählspezifika des Comics rückt „Fight Club 2“ in die Nähe der Arbeiten von Marc-Antoine Mathieu, den großen Architekten des Mediums, der seine Figur Julius Corentin Acquefacques aus der Reihe „Gefangener der Zeit“ (erschienen bei Reprodukt) regelmäßig in einem kafkaesken Setting mit variierenden Erzählelementen des Comics konfrontiert, die ihn buchstäblich bedrohen. Denn um wen es sich eigentlich handeln mag, der Sebastian eingangs so spöttisch einen Namen gibt, ist uns ebenso wenig klar wie Sebastian selbst. Klar ist allerdings, dass in „Fight Club 2“ die Illusionsbausteine des Comics manipulativ gegen die Figuren und LeserInnen in Stellung gebracht werden. Und da ist er wieder, der verunsichernde Geist des Vorgängers. Mit Chuck Palahniuk, dies kann man bereits nach dem ersten Band der zweiteiligen Graphic Novel prophezeien, hat der Comic einen brillanten Erzähler gewonnen.

Hier gibt es eine Leseprobe, hier außerdem ein Audio-Interview mit Chuck Palahniuk.

Chuck Palahniuk, Cameron Stewart: Fight Club 2. Band 1. Splitter, Bielefeld 2015. 144 Seiten. 22,80 Euro

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