Hansrudi Wäscher (1928-2016)

Es mag angesichts des heutigen Zustands des Comic-Markts überraschen, aber es gab eine Zeit, in der einheimische Produktionen dominierten und millionenfach verkauft wurden. In den 1950er Jahren waren die Bilderhefte ein kleines Tor in die Welt da draußen, eine Form des Eskapismus, die die Kinder im Nachkriegsdeutschland davon träumen ließ, Abenteuer in ritterlichem Ambiente, im Weltraum oder im Dschungel zu erleben.

Es gab keinen Künstler, der fleißiger gewesen wäre als Hansrudi Wäscher. Er erfand solch illustre Helden wie Sigurd, Falk, Nick der Weltraumfahrer oder Tibor. Mit den Streifenheften, den so genannten Piccolos kam eine ganz neue Form der Unterhaltung an die Kioske. Es waren schmale Hefte, die für einen schmalen Preis angeboten wurden. Die Idee dazu stammte aus Italien, wo der Verleger Walter Lehning auf diese Comics aufmerksam geworden war und begann, sie in lokalisierter Form in Deutschland auf den Markt zu bringen. Er hatte mit dem Dschungelhelden „Akim“, der ein dreistes Tarzan-Plagiat war, großen Erfolg. Und auch Hansrudi Wäscher träumte davon, solche Comics zu machen, nachdem er im Italien-Urlaub darauf aufmerksam geworden war. Er hatte bereits Entwürfe für eine Serie und stellte diese Walter Lehning vor. Man wurde sich schnell einig und so stand schon wenig später das erste „Sigurd“-Piccolo an den Kiosken aus.

Hansrudi Wäscher wurde am 5. April 1928 im Schweizer Ort St. Gallen geboren. Als Kind las er mit Passion Comics und begann, selbst welche zu zeichnen. Als die Familie nach Italien zieht, versteht Wäscher kein Wort, es sind aber die Comics, die ihm helfen, die Sprache zu erlernen. So gut, dass er später auch Serien für Lehning übersetzt. Die Familie zog 1940 nach Deutschland. In Hannover lebt er sich nur schwer ein, weil er Schwyzerdütsch spricht. Der Vater wird zur Wehrmacht eingezogen und fällt 1945. Wäscher selbst ist 17, als der Krieg endet. Nach seiner Ausbildung an der Werkkunstschule beginnt er als Plakatmaler und Illustrator.

Dass Wäscher auf Lehning aufmerksam wurde und Lehning die Passion und das Talent des jungen Künstlers erkannte, war ein Glücksfall für beide. Im Lauf der nächsten Jahre schrieb und zeichnete Wäscher Hunderte von Piccolos. Als der Lehning Verlag zum Ende der 1960er Jahre die Produktion einstellen muss, hat Wäscher mehr als 22.000 Comic-Seiten und 3.500 Cover gezeichnet!

Ein immenses Werk, dem später noch weitere Titel folgen. Für Bastei zeichnet Wäscher „Buffalo Bill“ und „Gespenster Geschichten“, für Hethke erfindet er in den 1980er Jahren den Endzeit-Fantasy-Helden „Fenrir“. Für Hethke lässt Hansrudi Wäscher auch seine anderen Helden in neuen Abenteuern wieder aufleben und zeichnete sogar eine neue „Sigurd“-Piccolo-Serie.

Wäscher erhielt 2008 in Erlangen den Max-und-Moritz-Preis für seine „Pionierleistung für den deutschen Comic“. Bis ins hohe Alter hinein blieb Wäscher aktiv. Von seinen Fans wurde er vergöttert, und das nicht nur von jenen der ersten Generation. Auch Spätgeborene lassen sich von Wäschers Geschichten bezaubern, die eines immer bewiesen haben: Dass Hansrudi Wäscher ein exzellenter Erzähler war, der ein untrügliches Gespür dafür hatte, spannende Geschichten zu schreiben.

Am 7. Januar 2016 ist Hansrudi Wäscher im Alter von 87 Jahren gestorben. Er hinterlässt seine Frau Helga und ein gigantisches Comic-Vermächtnis, das nicht nur hierzulande seinesgleichen sucht.

Foto: Allerlei Buntes aus Deutschland