LAZARUS – Harsche Sozialkritik im Hochglanz-Action-Gewand

Forever oder kurz “Eve“ Carlyle gehört zu den wenigen Menschen, die sich glücklich schätzen können, Mitglied einer der wenigen Familien zu sein, die unseren Planeten beherrschen und über das Schicksal seiner Bewohner verfügen. Abgesehen von diesen Clans teilt sich der Rest der Weltbevölkerung nur noch in „Diener“ und wertlosen „Müll“. Um ihren Reichtum zu bewahren und sich vor Aufständen zu schützen, verfügt jede der herrschenden Familien über einen sogenannten „Lazarus“ wie Eve. Genmanipulierte Superkrieger mit übermenschlichen Reflexen, die dank ihrer rasend schnellen Selbstheilungskräfte nahezu unsterblich sind. Doch Eve bereitet der Familie Carlyle durch ihre Gewissensbisse und ihre angeschlagene Psyche große Sorgen. Wird sie in dieser Verfassung noch in der Lage sein, die Verhandlungen mit der rivalisierenden Familie Morray aufzunehmen und den Verräter aus den eigenen Reihen zu stellen?

Lazarus“ ist ein weiterer Beweis dafür, wie geschickt der Splitter-Verlag bei der Auswahl der immer mehr Platz im Portfolio findenden US-Comics vorgeht. Trotz seines zunächst etwas austauschbar wirkenden Ansatzes punktet der erste Band mit einer extrem stilvollen Mischung aus Hochglanz-Kugelballet in bester „John Woo“-Manier und finsteren, inzestiösen Intrigen, an denen selbst der alte Willy Shakespeare wohl seine helle Freude gehabt hätte.

Michael Larks düstere und kontrastreiche Zeichnungen erinnern dabei häufig an Charlie Adlards Herangehensweise in „The Walking Dead“ und lassen unweigerlich die Frage aufkommen, ob die dezente, zielsichere Kolorierung nicht auch dem Zombie-Vorzeigetitel sehr gut stehen würde.

„Lazarus“ kombiniert bittere, harte Sozialkritik mit wissenschaftlich gut recherchierter Science-Fiction und präsentiert dieses Gemisch als moderne Hochglanz-Action in der Ästhetik des modernen Filmklassikers „Equilibrium“ mit Christian Bale. Da verwundert es wenig, dass die junge Produktionsfirma „Legendary Television“, die gegenwärtig mit Hellboy-Regisseur Guillermo del Torro an der Amazon-Serie „Carnival Row“ arbeitet, sich bereits die Rechte an einer TV-Adaption gesichert hat.

Greg Rucka, Michael Lark: Lazarus Bd. 1. Splitter, Bielefeld 2016. 120 Seiten, € 19,80