TERRA AUSTRALIS – Die Geschichte eines Kontinents

Über 500 Seiten im übergroßen DIN A5-Hardcover-Format – diese Graphic Novel ist nicht nur optisch ein Koloss, sie nimmt sich auch eines kolossalen Themas an: die Besiedelung Australiens im Jahre 1788 als britische Sträflingskolonie. Über fünf Jahre sollte die Arbeit an diesem Mammutprojekt Autor Laurent-Frédéric Bollée (Deadline, XIII Mystery) und Zeichner Philippe Nicloux beanspruchen. Den Stolz über die geglückte Liaison will Bollée im Vorwort auch heute nicht verhehlen: „Es war genau dieser düstere, aber funkelnde Zug, diese Gesichter, verunstaltet und ausdrucksstark zugleich, diese zerbrechlichen und zugleich starken Figuren, und auch diese bebenden großen Bäume, diese bedrohlichen Gefängnisschiffe, diese schwankenden Schiffe und geheimnisvollen Wälder, die ich von Anfang an erwartet hatte, ohne es zu wissen, und die Philippe mir geliefert hatte.“

Dies ist kein Seefahrerabenteuer mit lebensmüden Helden und epischen Schlachten, sondern eine Geschichte von ganz unten. Der Weg zu dieser waghalsigen Expedition aus 11 Schiffen und über 1500 Männern und Frauen, Gefängnisinsassen ohne Hoffnung, ist gesäumt von Ranküne und politischer Taktiererei. Die Pioniere wider Willen sollen die britischen Zuchthäuser entlasten, der Kapitän und zukünftige Gouverneur Arthur Phillip, eher ein bürgerlicher Idealist denn moderner königstreuer Vasall, wurde auserkoren, weil man ihm nur wenig Ehrgeiz zutraut. Die Besiedelung selbst ist, trotz gigantischer Logistik, im Königreich ohne Priorität, schon weil das weitgehend unerforschte Gebiet als unwirtlich gilt.

Und so entblättert sich Geschichte gänzlich unheroisch als Geschichte der Macht und ihrer Expansion. Den katastrophalen Verhältnissen in London entspricht das Leben an Bord wie auch in der Kolonie, multiperspektivisch aufgefächert zwischen Würdenträgern, Verbrechern, Sklaven, Bettlern, später auch Ureinwohnern und vortrefflich zusammengehalten durch Philippe Nicloux’ schwarzweißem Skizzen-Strich, der wie ein Kamerafokus zwischen Mimik- und Hintergrunddetails wechselnd einer bitteren Bildpoesie folgt.

Die jahrelange Recherchearbeit und der emotionslose Tonfall der Erzählung prädestinieren das Buch für den Unterrichtseinsatz. Zur faktenfixierten Geschichtslektion verkommt es trotzdem nicht. Dafür nehmen sich Bollée und Nicloux zuviel Raum für fiebrige Bildideen – Prolog und Epilog etwa sind aus der Subjektiven eines Kängurus (!) erzählt, im Delirium eines gefangener Aborigines manifestieren sich die gegenwärtigen Häuserschluchten Sydneys. Dass sich das Wesen des Kolonialismus nicht allein über die Abfolge historischer Ereignisse erschließt, sondern immer an eine zweite, weitaus grausamere Erzählung der sozialen, ökonomischen und ökologischen Ausbeutung gekoppelt ist, daran lassen Bollée und Nicloux keinen Zweifel.

Hier gibt es eine Leseprobe.

Laurent-Frédéric Bollée, Philippe Nicloux: Terra Australis. Splitter Verlag, Bielefeld 2016. 508 Seiten. 44,80 Euro

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