Die Geheimgesellschaften im Schatten von SHERLOCK HOLMES – MANDRAGORE

sherlock-mandragore_cvrMeisterdetektiv Sherlock Holmes braucht wohl wirklich keine Vorstellung mehr. Unzählige Filme, Comics, Videospiele, Hörspiele und weitere Medien zeugen von einer nicht enden wollenden Beliebtheit der 1887 von Arthur Conan Doyle erfundenen Figur. Man darf wohl mit Fug und Recht behaupten, dass die hyperintellektuelle Spürnase mit Hang zum Drogenkonsum einer der am weltweit bekanntesten literarischen Figuren überhaupt ist.

Unter diesem Vorzeichen ist es natürlich extrem schwer noch komplett neue Inhalte zu entwickeln und so griff im Jahr 2010 Autor Sylvain Corduiré eine schlichte, aber wirkungsvolle Idee seines Verlegers auf und ließ in „Sherlock Holmes und die Vampire von London“ seinen Protagonisten auf ein anderes populäre Motiv aus dem damaligen literarischen Umfeld treffen, allerdings so, dass die Geschichten in Doyles Universum passen, es wurden keine wesentlichen Updates wie zum Beispiel in der ebenfalls 2010 entstandenen extrem populären britischen TV-Serie „Sherlock“ vorgenommen: Der zeitliche Rahmen ist nach wie vor das Ende des 19. Jahrhunderts und Corduirès’ Holmes ist auch der, den man aus der doylschen Vorlage kennt.

Der Erfolg gab dem Autoren Recht, weitere Abenteuer folgten und mit „Die Geheimgesellschaften im Schatten von Sherlock Holmes – Mandragore“ liegt nun eine Art Erweiterung des etablierten Universums vor, das – vorläufig – noch ohne Holmes auskommt, dafür aber mit Lynn Redstone eine Heldin der anderen Art einführt, eine Heldin, die, im Gegensatz zum eher lebensnah portraitierte Detektiv, weitaus stärker als Fantasy-Figur angelegt ist, als Superheldin.  Folgerichtig holte sich Cordurié mit Marco Santucci einen marvelerfahrenen  Zeichner an Bord, allerdings weicht man ansonsten nicht von der eingeschlagenen Linie ab: Das Setting bleibt gleich, man fühlt sich schnell zu Hause und auch in Hinblick auf den formalen Aspekt bleibt man relativ nahe an den Vorgängern (der größte Unterschied ist, dass die Gesichter einen Tick feiner gezeichnet sind).

Inhaltlich dreht sich alles um die finstere Geheimgesellschaft der „Fathers of Realms“, die den Mächten der Finsternis einen permanenten Zugang zur Menschenwelt verschaffen wollen. Zu diesem Zweck benutzen sie Lynn Redstone, eine kampflustige, rothaarige, junge Frau mit irrsinnigen Kräften, die unter der Obhut des Anführers aufgewachsen ist und von Zeit zu Zeit von rätselhaften Anfällen gebeutelt wird. Doch Lynn findet bald heraus, dass sie kein herkömmlicher Mensch ist und von den „Fathers of Realms“ benutzt wird. Grund genug den Spieß umzudrehen…

Der Krimi-Touch fällt bei „Mandragore“ wie die Inhaltsangabe vielleicht schone erahnen lässt, komplett weg. Das „Spin-off“ konzentriert sich vor allem auf Übersinnliches wie Magie und sinistre Dämonen und stellt mit Lynn Redstone eine Protagonistin in den Mittelpunkt, die sich in erster Linie durch Schlagkräftigkeit auszeichnet und auch erstmal etwas fremd bleibt, da Cordurié nur sehr zögerlich Details zu seiner Heldin preisgibt, dafür den Lesern ,strategisch geschickt, im letzten Viertel ein großes Bonbon hinschmeißt, was das Interesse an der Figur schlagartig ansteigen und auch neugierig auf weitere Abenteuer werden lässt.

Es könnte sein, dass „Mandragore“ für eingefleischte Fans der Vorgänger etwas zu action- und fantasylastig ist, anderseits ist es ganz gewiss nicht ohne Reiz, dass Cordurié den Raum, den ihn sein Ableger bietet, dazu nutzt sein Universum in eine etwas andere Richtung auszubauen – es gibt genug Serien, die auf reine Wiederholung setzen.

Man darf mehr als gespannt auf die Zukunft von Lynn Redstone sein und vor allem auf das erste Treffen mit Sherlock Holmes. Potential für ein großes Event ist vorhanden – die Lunte muss nur noch gezündet werden. Auf geht’s Mr. Cordurié, wir warten!

Sylvain Cordurié, Marco Santucci: Die Geheimgesellschaft im Schatten von Sherlock Holmes – Mandragore. Splitter, Bielefeld 2016. 98 Seiten, € 19,80