CALIFORNIA DREAMIN’ – Cass Elliot und The Mamas & the Papas

Californa_cvrIrgendwo in der unendlichen Weite des wilden Internets war neulich zu lesen, dass es sich bei Cass Elliot um eine „vergessene Sängerin“ handelt. Das schmerzt echte Musikliebhaber natürlich zutiefst, ist aber irgendwie trotzdem so halbrichtig. Man kann getrost davon ausgehen, dass es bei der Erwähnung der Sängerin nicht halb so oft im Oberstübchen des Otto-Normalhörers klingelt, wie wenn man die in den 1960er-Jahren aktiv gewesene Folk-Rock-Band „The Mamas and the Papas“, deren Teil Elliot war, ins Rennen wirft. Und selbst wenn sich auch da nichts rührt, die Wahrscheinlichkeit, dass man mit ihrer absolut unvergesslichen Stimme einmal in Berührung gekommen ist, ist extrem hoch, denn ihre eigene Musik erlebte in den letzten Jahren vor allem dank des legendären TV-Superhits „Lost“ eine Art Revival. Sicher, mag schon sein, dass um die 1974, im Alter von gerade mal 32 Jahren, verstorbene Elliot nicht der gleiche Personenkult betrieben wird wie um Janis Joplin oder um andere (zu) früh von uns gegangene Musiktitanen, aber ihr legendäres Organ hat sich definitiv im Olymp der zeitlosen Klänge eingebrannt.

Und vielleicht wird dank dieser famosen Graphic Novel von Pénélope Bagieu auch wieder Interesse an ihrer Person wach, denn die durch „Eine erlesene Leiche“ und „Wie ein leeres Blatt“ völlig zu Recht gefeierte junge Künstlerin hat dem exzentrischen Ausnahmetalent ein wunderbares Denkmal gesetzt.

Das Buch erzählt auf 270 Seiten in 18 Kapiteln wie aus Ellen Naomi Cohen die weltberühmte Elliot Cass (Spitzname Mama Cass) wurde, was eine bemerkenswerte Geschichte ist, denn die Sängerin konnte zwar singen wie kaum eine Zweite, war aber auch übergewichtig und musste dementsprechend lebenslang um Akzeptanz zu ringen – tragischerweise verlor sie diesen Kampf schlussendlich auch: Schockdiäten schädigten ihr Herz, das eines Nachts im Schlaf einfach aussetzte.

Pénélope_BagieuDas tragische Ende wird in „California Dreamin’“ allerdings ausgeklammert, die Geschichte endet mit Cass’ 24. Geburtstag, aber auch sonst ist Bagieus Biografie weniger als akkurate Aufarbeitung, denn vielmehr als Liebeserklärung zu verstehen. So schreibt sie zum Beispiel den titelgebenden Welthit ihr zu (in Wirklichkeit waren die Bandmitglieder John und Michelle Phillips verantwortlich), des Weiteren gibt es auch immer wieder Leerstellen in Form von Zeitsprüngen. Diese Unebenheiten machen aber nicht wirklich was, zumal das Buch auch keinen Anspruch darauf erhebt, die ultimative Wahrheit zu erzählen. Bagieu deutet schon im Vorwort an, dass ihre Quelle, eine Biografie von Eddie Fliegel, nicht exakt aufbereitet wird und begründet die brüchige Herangehensweise auf narrativer Ebene geschickt damit, dass jedes Kapitel von jemand anderen, der damals Beteiligten, erzählt wird. Faktenuntreue und Leerstellen sind somit praktisch zwingend, machen die Geschichte aber auch abwechslungsreich und ungeheuer lebendig.

Bagieu verzichtet im Gegensatz zu ihren Vorgängerwerken dieses Mal auf Computerunterstützung, sondern setzt lediglich auf schwungvolle, schwarz-weiße, extrem ausdrucksstarke Bleistiftzeichnungen, die einen sofort in die damalige Welt ziehen und einen dank einem besonderen Händchen für emotional aufgeladene Bilder sofort mit der korpulenten Heldin mitlachen, -lieben und –leiden lassen.

Meisterhaft auch das Ende: Die letzten Lebensjahre der Sängerin werden zwar ausgespart, der Schluss ist aber fast ebenso tragisch: Nach einem Streit fahren die total verheulte, unglückliche Elliot und ihre unerfüllte Liebe Denny Doherty in die Nacht, während Fans im Radio von ihrem Vorbild Mama Cass schwärmen und anschließend der Welthit „California Dreamin’“ gespielt wird. Hier stellt Bagieu auf clevere Art eine direkte Verbindung zwischen medialer Inszenierung und dem echten Leben da. Und die schmerzt. Bleibt aber auch haften.

Foto: Wikipedia

Pénélope Bagieu: California Dreamin’ – Cass Elliot und The Mamas & the Papas. Carlsen, Hamburg 2016. 270 Seiten, € 19,99