Comic-Salon Erlangen 2016: Vortrag SOS Méditerranée und LIEBE DEINEN NÄCHSTEN

Der Ausnahmezustand zählt zur europäischen Normalität. Länder schotten sich ab, rechte Bewegungen und Parteien erhalten international Zuwachs in einem Ausmaß, das an die späten Tage der Weimarer Republik erinnert. Bürgerliche Parteien reagieren auf ihren Popularitätsverlust mit krudem Populismus und humanistische Vorschläge werden über das Kreuz der Effizienz gebrochen: Die täglichen Übergriffe auf Asyl- und Flüchtlingsunterkünfte nehmen nicht ab, sind aber nur noch in Ausnahmefällen eine Meldung wert. Die Schutzsuchenden, denen nichts bleibt, im Abschiebefall vielleicht nicht mal mehr ihr Leben, werden zu Humankapital verdinglicht – glücklich schätzen sollte sich, wer über eine gute berufliche Qualifikation verfügt, um vor den reichsten Nationen der Welt als Flüchtling zu bestehen; der überflüssige Rest wird diskursiv zu Schmarotzern, Kriminellen, Kulturlosen und Integrationsunwilligen eingedampft.

In diesem Klima erinnerte sich der Historiker und Handelsschiffkapitän der Hamburger Reederei Hapag-Lloyd Klaus Vogel eines Ethos, das zum Fundament seiner täglichen Arbeit zählt: Menschen in Not müssen gerettet werden. Am 9. Mai 2015, dem Europatag, in Berlin gründeten er, Sophie Beau (Anthropologin und Managerin sozialer und humanitärer Projekte aus Marseille) und eine Gruppe couragierter BürgerInnen aus Deutschland, Frankreich, Italien und Griechenland die NGO und humanitäre Initiative SOS Méditerranée mit dem Ziel, sich mit einem Netzwerk an Rettungsschiffen und einer erfahrenen Schiffsbesatzung an der Seenotrettung im zentralen Mittelmeer zu beteiligen und über die Lage der Flüchtlinge zu berichten. Man hat über ein Jahr Geld gesammelt, um das 77 Meter lange Fischereischutzboot „Aquarius“ für drei Monate zu chartern. Monatliche Kosten: 250.000 Euro. Zur Kostensicherung wurden Vereine in Deutschland und Frankreich gegründet, Klaus Vogel kündigte sogar seinen Job für die ehrenamtliche Rettungsarbeit.

Am 21. März 2016 kündigte SOS Méditerranée in einer Pressemitteilung an, dass die Rettungsarbeiten bis zum Dezember 2016 fortgesetzt werden: „Die ersten Wochen auf See haben die Notwendigkeit einer zivilen Seenotrettung bestätigt. Zudem wird damit gerechnet, dass die Anzahl der Mittelmeerüberquerungen nach Europa während der Frühlings- und Sommermonate drastisch ansteigen wird.“

Peter Eickmeyer und Gaby von Borstel, beide in Melle bei Bielefeld lebend, stießen im November 2015 im Zuge ihrer Mitarbeit an lokalen Flüchtlingsinitiativen auf das Projekt SOS Méditerranée. Schnell war die Idee geboren, die NGO in einer Comic-Reportage zu porträtieren. Peter Eickmeyer: „Obwohl viel über europäische Werte gesprochen wird, ist davon zurzeit nur wenig übrig geblieben. Und es gibt im Moment keine Anzeichen dafür, dass sich diese Entwicklung zum Besseren wenden wird. Die massiven Abschottungsmaßnahmen der Länder gegenüber Flüchtlingen bedeutet, Tote willentlich in Kauf zu nehmen. Das ist ein nüchternes Faktum. Und wo nun Solidarität gefragt wäre, regiert man mit Furcht – vor Menschen, die nur noch ihre Kleider am Leib besitzen.“

Von Borstel und Eickmeyer haben sich mit den Aktivisten von SOS Méditerranée vernetzt. Im Juni werden sie eine Rettungsfahrt begleiten. Aus dem Zusammenspiel dieser Eindrücke soll eine Comic-Reportage entstehen, die die Arbeit von SOS Méditerranée, die Retter und die Geretteten gleichermaßen porträtieren soll. Auch dies folgt einer Agenda: die geflüchteten Menschen, die in der medialen Berichterstattung mithilfe raunender Naturbegriffe dämonisiert und entpersonalisiert werden, auch identitär zu ihrem Recht kommen zu lassen.

Der Titel „Liebe deinen Nächsten“ ist doppeldeutig: Von Borstels und Eickmeyers 2014 veröffentlichtes Graphic-Novel-Debüt „Im Westens nichts Neues“ war eine Adaption des gleichnamigen Romans von Erich Maria Remarque. Ein späteres Werk Remarques war der Roman „Liebe deinen Nächsten“. Darin versuchen drei Emigranten vergeblich, zur Zeit der NS-Herrschaft vor den Nazis in anderen europäischen Ländern Zuflucht zu finden. Gaby von Borstel: „Den Beiklang alteuropäischer Werte, die ja in der politischen Debatte allerorts beschworen werden, haben wir bewusst gesucht. Immerhin dienen sie heutzutage sogar als Legitimation, um Schießbefehle an Grenzen auf Flüchtlinge im Sinne einer Gefahrenabwehr zu installieren.“

Die Comic-Reportage „Liebe deinen Nächsten“ wird voraussichtlich im April 2017 erscheinen. Ein Teil des Verkaufserlöses geht direkt an SOS Méditerranée.
Auf dem Comic-Salon Erlangen 2016 werden Gaby von Borstel und Peter Eickmeyer die NGO vorstellen und einen ersten Einblick in ihre Arbeit präsentieren (Samstag, 28.05.2016, 13:00 Uhr, NH Hotel, 1. OG, Raum Taurus II).

In der erst kürzlich ausgestrahlte WDR-Dokumentation „Rettung auf der Todesroute“ begleitet das Filmteam eine Fahrt der SOS Méditerranée. Der Beitrag ist in der Mediathek abrufbar.