Comic Con Germany 2016 – Willkommen im Popkultur-Kaufhaus

Am 25. und am 26.06.2016 fand in der Messehalle Stuttgart ein vom Autor dieser Zeilen etwa seit Ende März herbeigesehntes Event statt. Die Comic Con Germany. Toll! Eine Convention für Comicfans. Und dann auch noch in der Schwabenmetropole! Doch eine leichte Ernüchterung folgte bereits nach dem ersten damaligen Blick auf die Homepage der Veranstaltung. Nanu? Da wurden lauter Menschen aus Filmen und Serien angepriesen, über deren „Star“-Status man ausgiebig bei drei-fünf Bier diskutieren kann und – viel wichtiger – deren Zusammenhang zum Aufhänger „Comic“ nicht immer unbedingt ein Glühbirnchen in der Dachkammer erleuchtet.

Aber gut, man will ja nicht vorschnell urteilen und so war erstmal abwarten und Fantatrinken angesagt. Doch das flaue Gefühl in der Magengegend verschwand auch wenige Wochen vor der Con nicht so richtig: Absagen wurden quasi zur Tagesordnung und der Einteilung auf der Website zur Folge waren die, der Einfachheit halber jetzt doch mal so genannt, „Stars“ wohl wichtiger als die Comic-Künstler, die man etwas verschämt in den Hintergrund drückte. UND: Auf dem zweiten Blick wurde dann auch noch realisiert, dass all diese angekündigten Film- und Serienmenschen nicht aus purer Philanthropie Autogramme schreiben und sich zum Bilder knipsen bereit erklären, nein, ein mit Wärme überreichtes Erinnerungsstück gab’s nur gegen kalte, harte Euros, sprich zwischen, je nach Bekanntheitsgrad, 20 und 35 Taler waren für ein Autogramm oder ein Bild fällig. Der aus „Firefly“ und „Castle“ bekannte Nathan Fillion nutzte die Comic Con zur Bekämpfung drohender Altersarmut („Castle“ wurde im Mai abgesetzt) und schlug mit satten 100€ pro 30-Sekunden-Job zu, was durchaus für Unmut sorgte, aber auch nicht verhindern konnte, dass mitfühlende Fans dem Mimen die Fotoshoot-Bude einrannten, denn, wie vernahm man hier und da „auf amerikanischen Conventions ist das alles viel teurer“. Na dann.

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Interessanterweise blieb der Andrang an den Autogrammständen aber stark überschaubar, was die Veranstalter wohl veranlasste den vorher abgeschirmten Bereich dann doch zu öffnen – dass man die Gäste allen Ernstes vor Sperrholzplatten drapierte, sorgte für einen nicht gerade erbaulichen Anblick.

Auch nicht gerade das Herz zum Hüpfen brachte der Umstand, dass man für die angebotenen Panels teilweise noch mal extra in die Tasche greifen konnte, aber das betraf in erster Linie momentan angesagte Jungdarsteller wie die Kerntruppe aus „The 100“, während nicht-(mehr)-ganz-so-bekannte-Stars im Foyer durchaus unterhaltsame Vorstellungen gaben (besonders Robert Maschio erfreute mit einer erquicklichen Anzahl handverlesener Penis-Witze), aber auch etwas hilflos der Meute zum Fraß vorgeworfen wurden. Vor allem den absolut reizenden Ladies Corinne Cléry und Caroline Munroe, dank hochinteressanter Filmographien weitaus mehr als nur ehemalige „Bond-Girls“, hätte man dringend einen Moderator als Beistand gewünscht, mit der richtigen Führung wären interessante Einblicke in mehrere Jahrzehnte Filmgeschichte möglich gewesen, so reduzierte sich die halbe Stunde leider größtenteils auf die drei Fragen, wer der beste Bond-Darsteller ist, was Daniel Craig so toll macht und – gähn – wer den nächsten Bond spielen soll.

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Corinne Clery und Caroline Munro

 

Doch um endlich in die Nähe des Thema „Comic“ zu kommen: Das für Samstagmorgen, 09:00 Uhr geplante Screening der neuen Robert-Kirkman-Serie „Outcast“ fiel gleich mal flach. Der etwas zu gut gelaunte Moderator bot als diffuse Erklärung an, dass die „Folge nicht rechtzeitig eingetroffen ist“ und schob dann etwas zusammenhangslos leicht verdruckst hinterher, dass er die Episode bereits gesehen hatte und es sich um echt finsteren, krassen Stoff handelt, der jugendschutzrechtlich wohl auch nicht ganz unbedenklich gewesen wäre. Nun ja. Vermutung: Irgendjemanden des Fox-Teams muss in letzter Sekunde ein- oder aufgefallen sein, dass „Outcast“ von der FSK vor ein paar Tagen den FSK-16-Stempel aufgedrückt bekommen hatte, weswegen ein Screening in einem offenen Bereich am hellichten Tag plötzlich zu einem ganz schön gefährlichen Plan wurde. Aber „ist nicht eingetroffen“ klingt auf einer Comic Convention natürlich deutlich lässiger als „fällt aus Jugendschutzgründen flach“. Als fairer Ersatz wurde eine Bild- und Tonstörung angeboten, auf die dann kommentarlos etwa dreimal hintereinander der gleiche Trailer zur „Outcast Streetart“-Aktion Juni gezeigt wurde (den man eine halbe Stunde später, kurz vor dem nun eher sinnlosen Auftritt vom gut aufgelegten „Outcast“-Hauptdarsteller Philip Glenister, vorsorglich noch mal zu sehen bekam).

Aber gut, was soll’s, rein ins Getümmel und da machte sich schon die nächste Ernüchterung breit. Etwas Comic-Feeling ließen nur einige, oftmals sehr liebe- und phantasievoll verkleidete Besucher aufkommen, beim Schlendern durch die schmucklose Halle wurde schnell klar, dass hier in erster Linie der reine Abverkauf im Vordergrund stand. Dicht aneinandergereiht folgten Händler auf Händler, deren Angebot zum Teil sicherlich einen Bezug zum Comic hatte (allerdings war in erster Linie Merchandising angesagt), man konnte sich aber auch mit Töpfen, Samuraischwertern, Smartphones, exotischen Süßigkeiten, Videospielen, Druckern oder Infos bezüglich einen Ausbildung beim SAE Institut eindecken. Da kam schnell Kaufhaus-Feeling auf, wobei in diesem Fall vor allem zur Mittagszeit dank sehr heftigen Andrang schnell Platz- und dank den ansteigenden Temperaturen, und den daraus resultierenden, oftmals äußerst würzigen Körpergerüchen, zusätzlich noch leichte Todesangst hochkam.

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Apropos Existenzangst: Wer nichts zu Essen oder Trinken von zu Hause dabei hatte, brauchte dank sehr überschaubaren Verköstigungsmöglichkeiten übermenschliche Ausdauer: Es konnten dank gefühlt kilometerlangen Schlangen schon mal 30 bis 60 Minuten vergehen, bis man auch nur eine Flasche Wasser in der Hand hielt, für die natürlich, wie zu erwarten war, ein halber Goldbarren auf die Verkaufstresen gelegt werden musste. Allerdings war für Speis und Trank die Messe verantwortlich, deswegen soll diesbezüglich nicht in Richtung der Veranstalter gemeckert werden.

Um Comics ging es auf der „Comic Con“ übrigens überraschenderweise auch, dazu musste man nur den hinteren Teil der Halle irgendwie lebend erreichen. Da hatten dann allerhand tolle Verlage wie Splitter, Cross Cult, Tokyopop, Weissblech Comics und Panini von überaus freundlichen Mitarbeitern betreute Verkaufsstände. Panini bot auf einer Bühne ein vom sichtlich begeisterten Panini-Mann Steffen Volkmer mit Leidenschaft moderiertes, ziemlich interessantes Programm an, bei dem unter anderem Comic-Stars wie Mike Perkins vor Publikum zeichneten, deren Bilder dann zu Gunsten des Olgahospitals (einem Stuttgarter Kinderkrankenhaus) versteigert wurden. Eine absolut lobenswerte Aktion, die vor allem in diesem extrem businesslastigen Gesamtkontext noch stärker schimmerte.

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von links nach rechts: Martin Fisher, Steffen Volkmer, Bob Molesworth, Ingo Römling

 

Der Stuttgarter Verlag machte aber auch ansonsten deutlich, was fehlte: Man sehnte sich noch weitaus mehr Attraktionen dieser Art herbei, Präsentationen, Interviews, Workshops, Wettbewerbe – die rund 200 eingeladenen Künstler, die zum Teil etwas verloren und zusammengepfercht an ihren Tischen saßen, und die Verlage, egal ob klitzeklein oder größer, hätten deutlich mehr in den Fokus der Convention gerückt werden müssen – vielleicht wären dann keine 50.000 Zuschauer (die größtenteils vermutlich sowieso eher von reiner Neugierde als von echtem Interesse angelockt wurden) gekommen, aber die kulturelle Nachhaltigkeit dieses Events wäre enorm vergrößert worden, was sich vielleicht auf lange Sicht sogar mehr auszahlt als der bloße Import eines amerikanischen Melkmaschinen-Models.

Aber Geld reagiert nun mal die Welt und falls sich die Comic Con in Stuttgart etabliert, bleibt den süddeutschen Fans dieser wundervollen Kunst zumindestens ein jährlicher Treffpunkt zum gegenseitigen Kennenlernen, Austausch und hemmungslosen Extremshopping. Ob Veranstaltungen dieser Art allerdings dazu beitragen die immer noch desolaten Zustände im Comic-Entwicklungsland Deutschland zu verbessern, ist mehr als fraglich.