Elementary!

Okay, der legendäre Detektiv mit der überirdischen Kombinationsgabe und der ungesunden Vorliebe für Rauschmittel ist seit Jahrzehnten fester Bestandteil der Popkultur und konnte sich nie über mangelndes Interesse von Autoren, Regisseuren oder Spiele-Entwicklern beklagen, aber dennoch: Seit dem britischen TV-Überhit „Sherlock“ von 2010 ist die Superspürnase so präsent wie selten zuvor: Die Serie entwickelte sich zum absoluten Publikumsrenner (Verkauf in 180 Länder!), der allein im England schon von regelmäßig bis zu 12 Millionen Menschen gesehen wird, allerdings auch – was durchaus selten ist – die Kritikerschar in helle Verzückung versetzte. Logisch, dass sich so ein Erfolg natürlich auch auf die Comiclandschaft auswirkt und so sind seit 2010 eine Reihe interessante Bände erschienen, die im Folgenden kurz vorgestellt werden.

 

1. Fakten, Fakten, Fakten

Doch zu allererst ein paar schnelle, kurze Fakten zur Einführung:

Sherlock Holmes wurde von Arthur Conan Doyle erfunden, der beruflich als Arzt tätig war, sich aber in seiner Freizeit mit der Schriftstellerei beschäftigte. Im Jahr 1886 fertige er den ersten Entwurf zu einer Geschichte um einen Detektiv namens Sherrinford Holmes und seinem Freund Ormon Sacker an, die beide in London, in der Baker Street 221b leben und arbeiten. Doyle war genervt von der Kriminalliteratur seiner Zeit, in der entweder gar nicht geschildert wurde, wie Verbrechen aufgeklärt wurden oder reine Zufälle zum Erfolg verhalfen. Er wollte realistische Abläufe beschreiben, Fälle, die dank Beobachtung und Analyse aufgeklärt wurden.

Den ersten Auftritt hatten der Meisterdetektiv und sein treuer Gefährte (mittlerweile in Sherlock Holmes und Dr. Watson umbenannt) 1887 im Roman „Eine Studie in Scharlachrot“, der im Beeton’s Christmas Annual veröffentlicht wurde. Von dieser Ausgabe sind heutzutage nur noch 28 Exemplare erhalten und wer eins haben will, muss tief in die Tasche greifen: Ein Heft wurde 2004 für satte 153.600$ versteigert!conan doyle sherlock

Das anfängliche Interesse bei Publikum und Kritik war eher verhalten, allerdings wurde der amerikanische Herausgeber John Marshall Stoddart auf Doyles Schöpfung aufmerksam und veröffentlichte 1890 „Das Zeichen der Vier“ in seinem „Lippinscott’s“-Magazin. Der Erfolg blieb auch hier aus. Da aber alle guten Dinge drei sind, gab es 1891 einen weiteren Anlauf mit „Ein Skandal in Böhmen“ – nun endlich wurde ein großes Publikum erreicht, dass sich Doyles Geschichten und vor allem dem neuen Helden-Duo dankbar annahm.

Sherlock Holmes wurde in den folgenden Jahrzehnten zum Mythos, hinter dem nicht nur Doyles andere schriftstellerische Leistungen (z.B. „The White Company“ oder „Parasite“) zu dessen Unmut verblassten, sondern auch einer, der in viele weitere Medien schwappte: Es gab zahlreiche Verfilmungen, TV-Serien, Theaterstücken, Hörspiele, Hörbücher, Gesellschaftsspiele, Computerspiele und natürlich…

 

2. Sherlock und die Comics

In Comicform tauchte der Detektiv bereits Anfang der 1930er-Jahre auf und zwar in Strips in Amerikanischen Tageszeitungen. Das war der Startschuss zu unzähligen, weiteren Adaptionen, wobei die Spannbreite von werkgetreuen Umsetzungen der doylschen Vorlage („Sherlock Holmes Reader“, 1990, Caliber Comics), über abgefahrene Holmes-Varianten („Muppet Sherlock Holmes“, 2010, Boom! Studios) bis hin zu Crossover („Victorian Undead: Sherlock Holmes Vs. Dracula“, 2010-2011, Wildstorm/DC Comics) reicht. Das Angebot ist gigantisch, extrem vielfältig und oftmals auch sehr fantasievoll, Holmes scheint die Comic-Künstler dieser Welt zu immer neuen Großtaten zu inspirieren.

 

HolmesCrime3. Was gibt’s Neues? Bitte ein paar Tipps, mein lieber Watson!

• Sherlock bei Splitter

Das momentan umfangreichste Angebot an aktuellen Sherlock-Holmes-Titeln serviert der Splitter-Verlag. Da wäre erstmal die Reihe von Autor Sylvan Corduiré, der 2010 die schlichte, aber effektive Idee seines Verlegers aufgriff, das Sherlock Holmes-Universum um weitere literarische Motive wie Vampire, das Necronomicon oder Zeitreisen zu erweitern, die aber alle aus dem damaligen literarischen Umfeld Doyles stammen und stimmig integriert werden, das heißt, Corduriés Holmes ist der, den man auch von Doyle kennt und die Geschichten bleiben trotz fantastischer Beigaben halbwegs geerdet, beziehungsweise driftet das Ganze nicht zu sehr in Richtung reine Fantasy, die Basis wird ausgebaut, bleibt aber erhalten.

Die Reihe besteht bisher aus fünf Bänden – „Sherlock Holmes – Crime Alleys“, „Sherlock Holmes & das Necronomicon“, „Sherlock Holmes und die Vampire von London“, „Sherlock Holmes & die Zeitreisenden“(August), „Sherlock Holmes – Die Chroniken des Moriarty“ (in Vorbereitung) – und dem Spin-Off („Die Geheimgesellschaften im Schatten von Sherlock Holmes – Mandragore“). Cordurié arbeitet dabei meistens mit Laci (= Vladimir Krsti) zusammen, der seine Geschichten in gedämpfte Farben getunkte, sehr stimmungsvolle Bilder gießt.

Ein weiteres aktuelles Abenteuer aus der Feder Corduriés heißt „Sherlock Holmes Society“ und wird in zwei „Double“-Bänden veröffentlicht. Teil 1 „Die Keelodge Affäre“ ist bereits erschienen, Teil 2 „In Nomine Dei“ folgt im Juli dieses Jahr. Hier weicht Corduriés – wie bei seinem fantasylastigen „Mandragore“-Band – ganz leicht von der vorher eingeschlagenen Route ab, denn Holmes bekommt es mit Zombies zu tun, die eigentlich erst in den 1920er-Jahren langsam, aber stetig Einzug in die weltweite Popkultur hielten und auch da erstmal in einer eher mystischen Version.

HolmesSociety1„Die Keelodge-Affäre“ allerdings erinnert an moderne Varianten und sucht nach einer rationalen Erklärung für die Mutation einer ganzen Dorfbevölkerung in blutrünstige Untote – die ironischerweise allerdings wieder bei einem literarischen Motiv aus dem 18. Jahrhundert gefunden wird, nämlich bei Dr. Jekyll und Mr. Hyde. So abstrus das jetzt vielleicht auch klingen mag, die Geschichte ist unheimlich ernst, vielleicht einer der düstersten Geschichten aus der Cordurié-Holmes-Reihe und das liegt nicht nur an den Untoten: Dr. Watson, der ohnehin schon unter dem Tod seiner Frau leidet, muss auch noch den Verlust einer guten Freundin hinnehmen, was er nur sehr schwer verkraftet – Holmes muss sich dieses Mal nicht nur als tatkräftiges (es ist recht viel Action angesagt) Superhirn, sondern auch als Freund beweisen und wer Sherlock kennt, weiß, dass alles, was mit Emotionen verbunden ist, nicht so wirklich sein Ding ist. Es ist auch gerade diese emotionale Komponente, die den ersten Band der „Sherlock Holmes Society“ so packend macht, denn am Ende erwartet einen der wohl fieseste Cliffhanger der jüngeren Comicgeschichte und der hat absolut gar nichts mit lebenden Leichen zu tun….

SherlockFoxWeitaus weniger mit der literarischen Vorlage hat dagegen „Sherlock Fox“ zu tun, denn wir befinden uns hier im Reich der Tiere. Die haben sich mittlerweile von ihren Instinkten verabschiedet und setzen anstatt auf Fressen und Gefressenwerden auf ein gemeinschaftliches Leben in Harmonie. Doch da alte Gewohnheiten natürlich nicht von heute auf morgen vergessen sind, muss jemand nach Recht und Ordnung schauen. Und wer ist der Schlauste im ganzen Tierreich? Natürlich ein Fuchs. Und der ist in diesem Fall als Polizeikommissar tätig, heißt Ney Quitsou und wird aufgrund seiner Gewitztheit „Sherlock Fox“ genannt. In seinem neusten Fall muss Mr. Fox im Wald gefundene Knochenreste untersuchen, die drauf hinweisen, dass mal wieder jemand die guten Sitten hinter sich gelassen und sein Gegenüber einfach verknuspert hat. Soweit, so Routine, allerdings stellt sich heraus, dass die Knochen mysteriöserweise keiner bekannten Tierart zugeordnet werden können!

Bemerkenswerterweise verkneifen sich die Macher – obwohl alle Türen offen stehen (Quitsous Vorgesetzter ist ein korpulentes Walross) – ihrer Geschichte einen allzu parodistischen Zug zu verpassen, sondern ziehen den Plot, gewürzt mit lakonischen

Dialoge relativ straight durch, wodurch schnell eine Sogwirkung entsteht.

vier_bakerstreet_04_klein_2Etwas heiterer geht es bei „Die Vier von der Baker Street“ zu. Die sechsteilige, bzw. wenn man einen Sonderband dazuzählt, siebenteilige Reihe erzählt von drei Straßenjungen, die Sherlock Holmes bei seinen Fällen behilflich sind und darüber hinaus auch ihre eigenen Nüsse knacken. Die Baker-Street-Jungs tauchten schon in den Geschichten von Doyle auf und wurden in den Jahrzehnten danach immer wieder Thema, unter anderem existieren gleich drei (!) Jugendbuchreihen, die sich mit den Abenteuern von Holmes’ jugendlichen Helfern befassen.

Doch auch ohne Kenntnis sämtliche Varianten kann man mit ziemlicher Sicherheit behaupten, dass die Version von J.B. Djian, Olivier Legrand und David Etien zu den besten überhaupt gehört. Die Charaktere sind ungeheuer liebenswert und wachsen einen mit all ihren Macken sofort ans Herz, die Zeichnungen sind fantastisch, unheimlich detailliert, farbenfroh und extrem dynamisch, die Geschichten spannend und mit subtilen Anspielungen garniert (so gibt es zum Beispiel im ersten Band „Das Geheimnis des blauen Vorhangs“ eine tolle Spiderman-Hommage), des Weiteren läuft die Serie auch nicht unverbunden nebenher, sondern Sherlock und Watson tauchen immer wieder mal wieder, allerdings stets organisch in die Handlung eingeflochten, auf, weshalb „Die Vier von der Baker Street“ weniger wie eine Pastiche, sondern mehr wie ein Teil des Kanons wirkt.

 

FuenfFaelle• Sherlock bei Tokyopop

Natürlich ist der Meisterdenker aller Meisterdenker auch in Japan bekannt und wird vielfach adaptiert. Eine Version ist bei Tokyopop im Rahmen der „Manga-Bibliothek“ erhältlich, in deren Rahmen Klassiker der Weltliteratur (wie „Die Abenteuer des Tom Sawyer“) in gezeichneter Form zu haben sind.

Fünf Fälle für Sherlock Holmes“ enthält die bekannten Kurzgeschichten „Die sechs Napoleons“, „Das gesprenkelte Band“ (hier vertreten als „Das getupfte Band“), „Die Liga der Rothaarigen“, „Das letzte Problem“ (wurde hier mit der Geschichte „Der Detektiv auf dem Sterbebett“ verknüpft) und „Das leere Haus“ (hier vertreten als „Im leeren Hause“), als Bonus erfährt man am Anfang noch auf vier Farbseiten, wie sich Holmes und Watson kennen gelernt haben. Der schick aufgemachte Manga, der als gebundene (!) Ausgabe erschienen ist, hält sich sehr nahe an der literarischen Vorlage, Überraschung gibt es diesbezüglich keine. Was die Edition dennoch reizvoll macht, sind die dynamischen, zum Teil wirklich süßen Zeichnungen, die großen Wert auf Gesichtsausdrücke legen – vor allem in den knuddeligen Dr. Watson, der hier nicht so trottelig wie in den alten Filmen, aber auch nicht so ganz seriös wie bei Doyle portraitiert wird, verliebt man sich schnell. Ein empfehlenswerte Ausgabe: Für Einsteiger sowieso geeignet, aber auch Fans sollten über die Anschaffung dieser Alternativversion nachdenken.

 

BakerStreet• Sherlock bei Piredda

Kein Mythos ohne zahlreiche Parodien, bei Sherlock Holmes erschien die erste bereits im Jahr 1902 („A Double Barelled Detective Story“ von Mark Twain), eine endlose Anzahl weiterer folgten, worüber sich Arthur Conan Doyle allerdings keineswegs ärgerte, im Gegenteil: Der Holmes-Vater mochte gute Parodien auf seine Schöpfung und die fünfteilige „Baker Street“-Reihe hätte er mit Sicherheit geliebt. Pierre Veys (Text) und Nicolas Barral (Zeichnungen) machen sich hier ohne jeden Funken von Respekt über das Figurenarsenal Doyles her: Sherlock ist ein kindischer, fast schon etwas bösartiger Mann, der keine Gelegenheit auslässt, Watson zu piesacken und lange nicht so schlau ist, wie er tut. Watson wiederum ist ein ganzes Stück cleverer als Holmes, hat aber eine fatale Vorliebe für reichlich Essen und auch der Alkohol ist nicht gerade ein Unbekannter. Letztere Vorliebe teilt er, allerdings nicht ganz so exzessiv, mit deren Haushälterin Mr. Hudson, einer ständig betrunkenen Schottin, die vor allem derbe Hausmannskost auftischt, was zu so manchem essensbedingten Komma führt. Nicht zu vergessen natürlich Inspektor Lestrade, der Inbegriff einer völlig nutzlosen Nervensäge.

Natürlich, Humor ist noch stärker Geschmackssache als alles andere und wenn Sherlock in einem Herrenclub mit einer Tröte rumlärmt, ist das vielleicht nicht unbedingt subtil, auf der anderen Seite finden sich immer wieder herrlich groteske, genial konstruierte Gags, die wunderbar den Kern des Holmes-Mythos aufs Korn nehmen. Wenn zum Beispiel in „Lösegeld für eine Mumie“ das arrogante Kombinier-Ass eine herrlich umständlichen Tathergang herbeikonstruiert und Watson innerhalb eines kurzen Augenblicks auf die tatsächliche Lösung kommt, die an Simplizität nicht mehr zu überbieten ist, dürften selbst die humorlosesten Leser über beide Backen grinsen. Ein schöner, herrlich wilder Spaß!

BaskerAber auch die ernsthafte Schiene kommt bei Piredda nicht zu kurz: Ab dem 30.06.2016 erscheinen dort Graphic-Novel-Adaptionen der Sherlock-Holmes-Romane „Eine Studie in Scharlachrot“, „Das Zeichen der Vier“, „Der Hund der Baskervilles“ und „Das Tal der Angst“. Natürlich, man kann sich an dieser Stelle, wie schon beim weiter oben vorgestellten Manga-Titel, mit Fug und Recht fragen, ob überhaupt eine werkgetreue Comic-Umsetzung solch bekannter Titel nötig ist. Die Antwort lautet (auch) hier ganz klar: Ja! Denn: Bei aller Verehrung für Arthur Conan Doyle – der Mann war kein perfekter Schriftsteller und besonders in den vier Sherlock-Romanen kommen kleinere Schwächen wie Weitschweifigkeit und damit verbundene Tempo-Durchhänger zum Vorschein. Der für die Adaption verantwortliche Ian Edginton hat ein großes Gespür für eben diese Schwächen und strafft an genau den richtigen Stellen, beziehungsweise ersetzt gekonnt weitschweifige Momente durch geniale, leicht pulpige, sepiafarbene Zeichnungen von Ian Culbard, die oftmals mehr sagen als 1000 Worte. Das verleiht den bekannten Romanen noch mal eine ganz neue Dynamik und macht eine Wiederentdeckung auch für Holmes-Jünger absolut lohnenswert!