BIRTHRIGHT und MANIFEST DESTINY – Genre auf den Kopf gestellt

308627-20151029080017The Dark Knight Returns“, „Watchmen“, „The Walking Dead“: Es gibt die Werke, nach denen in der Welt der Genre-Comics nichts mehr ist wie zuvor. Aber braucht es immer den kühnen Vorstoß in neue Dimensionen, um eine fesselnde Lektüre zu garantieren? Nein, keineswegs: Von großem Reiz ist auch die geringe Abweichung, die Kunst der Synkope, die alten Konzepten plötzlich neue Attraktivität verleiht.

In „Birthright“ verschwindet der kleine Mikey beim Ballspielen in einem Wald. Alle verzweifelten Versuche, ihn zu finden, bleiben vergeblich. Dann, ein Jahr später, taucht der Junge wieder auf. Nun ist er ein muskelbepackter Krieger, der wie ein Zwillingsbruder Conans aussieht. Mikey behauptet, in der barbarischen Welt von Terrenos herangewachsen zu sein und erfolgreich gegen den bösen Gottkönig Lore gekämpft zu haben. Nun sei es seine Aufgabe, die Erde von dessen letzten verbliebenen Verbündeten zu säubern. Aber das ist, wie sich herausstellt, höchstens die halbe Wahrheit; Mikey ist nicht der makellose Held, als der er sich präsentiert.

Aus der bürgerlichen Gegenwart unvermutet in eine andere Zeit, an einen anderen Ort gerissen zu werden – das ist ein Standardmotiv der Fantasy. In „Birth­right“ wird es auf den Kopf gestellt: Hier geht es darum, was passiert, wenn jemand aus dem Dort ins Hier zurückkehrt. Das Alltägliche wird nicht suspendiert, es öffnet sich dem Fantastischen.

Joshua Williamson, der Autor der Serie, nutzt dies, um Momente einzuflechten, die über das bloße Vorantreiben der Handlung hinausgehen, etwa wenn er die zerbrochene Ehe von Mikeys Eltern thematisiert oder wenn die Kassiererin einer Tankstelle in dem bärtigen Hünen einen traumatisierten Veteranen aus dem Irak oder Afghanistan zu erkennen glaubt. Die Zeichnungen von Andrei Bressan fallen im Vergleich dazu etwas ab; wenn es gruselig sein soll, fühlt man sich mitunter an die Special Effects in billigen italienischen Horrorfilmen der Siebziger erinnert.

308626-20150702134334In der historischen Wirklichkeit verankert, zumindest ein Stück weit, ist „Manifest Destiny“. Die Serie orientiert sich an der berühmten Expedition, die Meriwether Lewis und William Clark im Auftrag des amerikanischen Präsidenten unternahmen. Von 1804 bis 1806 zogen die beiden Männer mit ihrer Gruppe von Begleitern von St. Louis über die Rocky Mountains bis an den Pazifik und wieder zurück. Sie regten damit die Erweiterung der USA nach Westen an, ein Vorgang, der bald als die hier Titel gebende „offensichtliche Bestimmung“ der jungen Nation verstanden wurde.

Im Comic sind Lewis und Clark allerdings keine selbstlosen Forscher und Entdecker, sondern eher zwielichtige Abenteurer, die sich von Thomas Jefferson teils durch Drohungen, teils durch das Versprechen, Macht und Reichtum zu erlangen, zu ihrer Reise bewegen lassen. Der Westen, den sie erkunden, schaut zudem ganz anders aus, als man ihn kennt. In den herrlichen, unberührten Landschaften sind weit gefährlichere Wesen als nur Indianer zu Hause, darunter aggressive Büffelmenschen, pflanzenartige Zombies und riesige Schlupfwespen.

Manifest Destiny“ ist eine wüste Mischung aus facts and fiction, aus Fantasy-, Horror- und Westernelementen. So viele Zutaten können ein Gericht schnell ungenießbar machen. Dass dies hier nicht der Fall ist, liegt einerseits daran, dass es schön zu beobachten ist, wie der Zeichner Matthew Roberts immer mehr zu sich findet. Andererseits konstruiert Chris Dingess sein Szenario so, dass die realen Mühen und Gefahren, die eine Expedition mit sich bringt, nicht im Fantastischen untergehen, sondern dessen geheimen Ausgangspunkt bilden. Auf die Dauer wird „Manifest Destiny“ mehr bieten müssen als die Konfrontation mit immer neuen Monstern; der Auftakt aber macht viel Spaß.

Joshua Williamson, Andrei Bressan: Birthright, Band 1: Heimkehr. Cross Cult Verlag, Ludwigsburg 2016. 128 Seiten. 20 Euro

Chis Dingess, Matthew Roberts: Manifest Destiny, Band 1 & 2. Cross Cult, Ludwigsburg 2016. 118 und 128 Seiten. Je 20 Euro

Dieser Text erschien zuerst in der taz.