Lesetipps: 10 dicke Comics für den Sommer

Im Sommer sind die Tage länger. Eine gute Gelegenheit also, um auch mal in umfangreichere Comics einen Blick zu werfen. Dabei ist Aktualität nicht vorrangig, sondern die Güte der Erzählung. Aber seien Sie gewarnt: Nicht jeder der vorgestellten Titel ist für den Strand geeignet.

untitledSonnenfinsternis – Graphic Novel

Der Plot erinnert an den klassischen französischen Sommerfilm: Sechs Freunde in den Mittdreißigern nehmen eine Sonnenfinsternis zum Anlass, Paris zu verlassen und in die südfranzösische Provinz zu reisen, wo man gemeinsam vier Tage in einem Ferienhaus miteinander verbringen wird. Der Kurzurlaub gerät jedoch zunehmend zu einer Bewährungsprobe für die Freundschaft. Mitten in der trügerischen Ferienidylle steigen die Konflikte aus der Vergangenheit wieder hoch, außerdem hat jeder seine Probleme aus dem Alltagsleben mit im Urlaubsgepäck. Für Jean Pierre ist dieser Urlaub vor allem Anlass, seiner Ehe zu entfliehen und sich, wenn auch ängstlich und unsicher, mit der 19jährigen Chatbekanntschaft Jan zu vergnügen, die wiederum wesentlich ernstere Absichten hegt, aber diese nicht artikuliert. Zu Jean Pierre gesellt sich Dominique, sein egozentrischeres Pendant und der Initiator der Reise. Beide sind, trotz eines doch gelegentlich recht unterkühlt zynischen Verhältnisses, Verbündete im Geiste. Dominique erhofft die Absolution für eine Jahre zurückliegende Affäre, indem er seine Frau Isabelle und seine Geliebte Helena notgedrungen in diesem Domizil ohne Fluchtweg miteinander konfrontiert, in der Hoffnung, die einstigen Freundinnen könnten sich so einander wieder annähern. Komplettiert wird das Sextett von Hubert, dem Kasper und Quotenschwulen der Gruppe, dessen Single-Nöten niemand die gebotene Aufmerksamkeit schenkt.

Sonnenfinsternis“ ist ein Jam-Comic. Über acht Monate traf sich das Autorenduo Jim und Fane alias Thierry Terrasson und Stéphane Deteindre wöchentlich für dieses Projekt und arbeitete sich zu gleichen Teilen durch die Story. Jeder der beiden war dabei für drei Figuren verantwortlich. Wichtigste Bedingung für die Zusammenarbeit war die Bereitschaft, emotional „alles offenzulegen“. Das klingt zunächst mehr nach Selbsthilfegruppe als nach Comic-Produktion, aber das Ergebnis spricht für sich. „Sonnenfinsternis“ ist eine Geschichte über gescheiterte Liebeskonzepte, passiv-aggressive Freundschaften und verpasste Lebenschancen, und man merkt der Geschichte an, wie viel authentisches Material darin verarbeitet wurde.

Fane, Jim: Sonnenfinsternis. Splitter Verlag, Bielefeld 2009. 288 Seiten. 24,80 Euro

 

boneBone – Complete Box

Anfang der 90er entwickelte sich „Bone“ zu einem erstaunlichen Phänomen. Die Independent-Serie, gezeichnet, geschrieben und zunächst selbstverlegt von Jeff Smith, wurde ein riesiger, preisverwöhnter Erfolg – beim Publikum und der Kritik. „Bone“ liest sich heute noch so originell und originär wie damals: Drei knuffige, aus ihrem Heimatdorf Boneville vertriebene Gnome von überaus unterschiedlichem Charakter – ein Herman Melville lesender Träumer, ein Raffzahn und ein miniaturisierter Goofy – landen aus Zufall in einem geheimnisvollen Tal, das von Menschen, Drachen und allerlei sprechenden Tieren bewohnt wird. Schon bald zeigt sich: Hier drohen grausame Mächte die Herrschaft an sich zu reißen. Und was als herzige Hommage an Carl Barks beginnt, entwickelt sich auf über 1300 Seiten zu einer epischen Fantasy-Quest mit dichter Herr-der-Ringe-Stimmung. Dazwischen gibt es wunderschöne Dialoge über „Moby Dick“ und eine unorthodoxe, wenn auch unerfüllte Liebesgeschichte. Ein Herzen öffnender Klassiker für Comic-Skeptiker.
Ursprünglich schwarzweiß veröffentlicht, ist bei Popcom die von Steve Hamaker kolorierte Gesamtausgabe im schmucken Schuber erschienen.

Jeff Smith: Bone. Popcom, Hamburg 2015. 1400 Seiten, 99,95 Euro

 

Eternauta_03.inddEternauta – Gesamtausgabe

Dem argentinischen SF-Comicklassiker „Eternauta“ von Héctor Gérman Oesterheld und Francisco Solano López liegt eine tragische Rezeptionsgeschichte zugrunde: Zeichner Oesterheld und seine vier Töchter wurden (vermutlich) 1978 als Widerstandskämpfer von der Militärjunta ermordet. Der Eternauta, ein kosmischer Zeiten-Drifter, erscheint dem Alter ego des Zeichners in dessen Atelier und unterbreitet ihm eine, genauer gesagt seine grausige Alien-Invasionsgeschichte, die sich in wenigen Jahren mitten in Buenos Aires ereignen wird. So entwickelte sich der Comic in der posthumen Lesart zur prophetisch aufgeladenen Parabel der Geschichte Argentiniens – und des Zeichners Oesterheld. Der Eternauta wurde zum nationalen Widerstandssymbol, vergleichbar dem Konterfei Che Guevaras. Ebenso erinnert der Comic daran, dass Genre-Erzählungen einstmals subversiv, sowohl Unterhaltung als auch Flaschenpost waren, deren Form die Zensur passieren konnte und deren Inhalte gleichwohl von den LeserInnen politisch übersetzt wurden. Die vorbildliche Gesamtausgabe des Avant Verlags sorgt mit einem umfangreichen Anhangsapparat für eine angemessene Kontextualisierung dieses Meisterwerks.

Héctor Gérman Oesterheld, Francisco Solano López: Eternauta. Avant Verlag, Berlin 2016. 392 Seiten. 39,95 Euro

 

307245The Walking Dead – Kompendium

Nach wie vor beeindruckt, dass es Robert Kirkmans Endzeit- und –los-Comicserie „The Walking Dead“ gewesen war, die die kannibalistische Zombiefigur endgültig auf die Bühne der internationalen Popkultur-Superstars hievte. Und auch wenn sowohl Comic- als auch TV-Serie im Moment ein wenig in erzählerischen Leerlauf geraten sind, Wiederholungen und Soap-Elemente das Zepter übernommen haben, bleibt „The Walking Dead“ der bis dato umfangreichste Versuch, die Zombieapokalypse als soziales Experiment zu erzählen, als Versuch einer mikrogesellschaftlichen Rekonstitution mit überaus waghalsigen Ambivalenzen. Wenn sich liebgewonnene Figuren unter diesen neuen Lebensbedingungen quälend langsam zu einer Art Post-Faschisten entwickeln, dringt Kirkman auch zum Kern der Ambivalenz, die seit jeher das Horror-Genre begleitet: Aufklärung und Gegenaufklärung, Domestikation und Restauration der niedersten Impulse. Auch wenn dieser Fokus zurzeit etwas unscharf wird, bleibt doch stets die Option, dass Kirkman noch die Kurve kriegt.
25 Bände mögen den Einstieg für NeuleserInnen erschweren, doch Cross Cult bietet auch die Möglichkeit in Gestalt dreier gewaltiger Kompendien, die jeweils acht Einzelbände umfassen, eine ordentliche Stange Geld zu sparen.

Robert Kirkman, Charlie Adlard: The Walking Dead. Cross Cult, Ludwigsburg 2015/2016. 1050/1054/1080 Seiten. Je 50 Euro

 

9783956400063-425x500Irmina – Graphic Novel

Nach „Gift“, einer Comicerzählung über den berühmten Fall der Serienmörderin Gesche Gottfried, widmet sich Barbara Yelin erneut einem historischen Thema, nicht nur als Zeichnerin, sondern diesmal auch als Autorin. Und abermals verkörpert eine weibliche Protagonistin gesellschaftliche Entwicklungen. Bei des Deutschen Lieblingsthema Nationalsozialismus – Motto: Schuld sind immer die anderen – ist die Fallhöhe erfahrungsgemäß riesig, aber Yelins Graphic Novel ist für derlei Schwachsinn viel zu klug.
Irmina – an Yelins Großmutter angelehnt, ohne dass die Erzählung eine Biographie sein soll – durchwandert drei Stationen: 1934 kommt sie in London an, wo sie eine Ausbildung zur Fremdsprachensekretärin absolviert und sich in den schwarzen Oxford-Studenten Howard Green verliebt. Weil das Geld aus Deutschland versiegt, zieht sie 1935 nach Berlin und arbeitet im Reichkriegsministerium. Als ihre Briefe an Howard unbeantwortet zurückkommen, heiratet sie den karrieristischen Architekten, Albert-Speer-Bewunderer und SS-Angehörigen Gregor Meinrich und bemitleidet sich in ihrem stagnierenden Mutterdasein, während um sie herum Juden verprügelt, enteignet, verhaftet und ermordet werden. 1983 erreicht sie in Stuttgart von Howard, mittlerweile ein erfolgreicher Gouverneur, eine Einladung in seine Heimat Barbados.
Das Wiedersehen gerät zur Retrospektive ungenutzter Wahlmöglichkeiten. Howard verehrt nach wie vor Irminas widerständiges Wesen, wie er es in England erlebte; in seiner Familie gilt sie als Legende. In der Kriegerwitwe (als ihr Mann zu ihr sagte: „Irmina, wenn der Krieg gewonnen ist, wird man fragen, wo meine Orden sind“, erwiderte sie: „Du hast recht. Keine Schwäche.“) hingegen rumort, dass sie sich aus opportunistischen Gründen in die Arme der Nazi-Elite schmiegte. Nie würde sie an sich selbst zweifeln, das ahnt sie ebenso wie die LeserInnen, wenn der Krieg einen für die Deutschen annehmlichen Ausgang genommen hätte.
Yelin nutzt keinen Entschuldigungsdiskurs, sondern entwickelt eine intensiv recherchierte, brillant gezeichnete und komponierte Miniaturstudie darüber, wie Mitläufertum ohne ideologische Überzeugung funktioniert. Die Konsequenz: Eine vom Tagesspiegel zusammengestellte Jury kürte „Irmina“ zum Comic des Jahres 2014, 2016 wurde Yelin auf dem Comic-Salon Erlangen mit dem Max-und-Moritz-Preis als „Beste deutschsprachige Künstlerin“ ausgezeichnet.

Barbara Yelin: Irmina. Reprodukt, Berlin 2014. 288 Seiten. 39 Euro

 

winsor_mccay_little_nemo_xl_gb_3d_01129_1503130932_id_913054Little Nemo – Gesamtausgabe

Winsor McCay (1869-1934) war ein Genie der amerikanischen Comic- und Unterhaltungsindustrie. In seinem größten Comic-Klassiker „Little Nemo“ geraten die Zeitungsseiten zum ornamentalen Farbenspiel, entwickelt er pompöse Architekturen, experimentiert mit dem Seitenaufbau und definiert im Prinzip bereits die gesamten Stilmittel des Comics. Das geht so weit, dass er sogar Selbstreferenzialität als Spiel mit Illusionsmechanismen in einem Medium einsetzt, das seine eigene Geschichte erst zu schreiben beginnt: In einer Episode von 1907 beispielsweise befinden sich Nemo und seine Wegbegleiter im Schlummerland vor einer geschlossenen Banketthalle. Hungrig und erzürnt darüber, dass ihr Zeichner schlecht für sie sorge, zweckentfremden sie die Panelränder als Werkzeuge, traktieren damit die Lettern des Titelschriftzugs „Little Nemo in Slumberland“ und lassen sich die Buchstaben schmecken.
Zu diesem Zeitpunkt reüssierte „Little Nemo“ bereits als bislang teuerstes Musical am Broadway – Formen der Cross Promotion, die heute im Comic allgegenwärtig sind. McCay hat 1911 mit „Little Nemo“ überdies den ersten Animationsfilm entwickelt und mit seiner freudianisch aufgeladenen Bildsprache einen Orkan voller surrealistischer Bildeinfälle entfacht, weit bevor André Breton auch nur ahnen sollte, jemals Manifeste zu verfassen.
Man kann McCay wiederentdecken: auswärts derzeit in der Schirn Kunsthalle Frankfurt in der Ausstellung „Pioniere des Comic“ und daheim als Premiumdeluxe-Gesamtausgabe bei Taschen, die, in Zeitungsgröße, sämtliche 549 Abenteuer des kleinen Nemo versammelt, mustergültig ediert von Comichistoriker und –kurator Alexander Braun. Allein das Beiheft ist eine sekundärliterarische Glanzleistung. Besser geht’s nicht!

Alexander Braun (Hg.): Winsor McCays Little Nemo. Gesamtausgabe. Taschen, Köln 2014. 708 Seiten. 150 Euro

 

309415-2016041812541310 Jahre Splitter: Die Druiden – Gesamtausgabe

Im 5. Jahrhundert bläst das Christentum zum Krieg gegen die heidnischen Religionen. Nachdem in der südlichen Bretagne mehrere Mönche enthauptet aufgefunden wurden, keimt der Verdacht einer keltischen Konspiration. Der Druide Gwenchlan und sein Lehrling Taran werden auf den Fall angesetzt, und bald zeigt sich auf blutige Weise: Es ist kompliziert…
Aus Versatzstücken des Verschwörungsthrillers, der Fantasy und der modischen History-Romane Marke Follett extrahieren Szenarist Jean-Luc Istin und Zeichner Jacques Lamontagne einen Kelten-Krimi mit historischem Setting. Von 2008 bis 2012 mit sechs Bänden komplettiert, folgte 2013 der Start eines zweiten Zyklus. Anlässlich des zehnjährigen Verlagsjubiläums spendierte Splitter der Spitzenserie kürzlich einen auf 1111 Exemplare limitierten und mit reichlich Bonusmaterial ausgestatteten Sonderband. Schnelles Zugreifen ist angeraten!

Jean-Luc Istin, Jacques Lamontagne: Die Druiden. Gesamtausgabe 1. Zyklus. Splitter, Bielefeld 2016. 296 Seiten. 69,80 (limitiert auf 1111 Exemplare)

 

309244-20160104101341Im Eisland – Graphic Novel, 3 Bände

Das überaus beeindruckende Debüt einer jungen Hamburger Künstlerin: In gleich drei Bänden präsentiert Kristina Gehrmann ihre erste Graphic Novel „Im Eisland“ beim Regionalverlag Hinstorff, veröffentlicht im halbjährlichen Rhythmus. Addiert ergibt das weit über 600 (!) Comicseiten und obgleich der tragische Ausgang der Franklin-Expedition in die Arktis, die 1845 ihren Anfang nahm und von keinem der 130 Teilnehmer überlebt wurde, als bekannt vorausgesetzt werden darf, mag man keine einzige Seite missen. Gehrmann erzählt die Ereignisse multiperspektivisch, ohne die Übersicht zu opfern, setzt Plot Points perfekt ein, ohne die Konstruktion des Narrativs durchscheinen zu lassen, und nutzt einen mangaesken, mal konkreten, mal abstrakten Stil, um sich mit ökonomischer Strenge durch den Stoff zu arbeiten. Das Ergebnis ist eine fesselnde Abenteuer-Erzählung, die sich um die ewigen E-und-U-Grabenkämpfe herzlich wenig schert, sondern tiefenentspannt ganz einfach eigene Wege beschreitet.

Kristina Gehrmann: Im Eisland. 3 Bände. Hinstorff, Rostock 2015/2016. 224/224/272 Seiten. 16,99/16,99/18,99 Euro

 

Hexe_Total_1_Cover_webHexte total, 2 Bände

Ein erfolgreicher Webcomic und einer der derzeit besten, ein Meisterwerk des Humors und eine Schule der Depression: Dem tasmanischen Comickünstler Simon Hanselmann gebührt ein Denkmal für die Chuzpe, in dieser, wie es der Verlag beschreibt, „Stoner-Comedy“ dermaßen blank zu ziehen. Denn über den zynischen Humor der drei Hauptfiguren – der Hexe Megg, ihrer Katze Mogg und ihren gemeinsamen WG-Kumpel Eule – hängt das Damoklesschwert der Langeweile, weswegen sich harmlose Nonsens-Handlungen auch schlagartig ins bittere Gegenteil verkehren können. Dann zappeln wir bereits im Netz einer gefräßigen Groteske. Hanselmann macht keinen Hehl daraus, dass viele der hauptsächlich Ein- und Zweiseiter auf eigenen Erfahrungen beruhen, als Opfer, als Täter, selten ohne Drogeneinfluss, und so fährt er die gesamte Bandbreite des Rauschs auf: von erhabensten Momenten zu fürchterlichen Horrortrips, genial-absurden Einfällen zu brutal-ereignisloser Monotonie, kreativer Perspektivlosigkeit zu perspektivloser Kreativität, von Tiefsinn zu Irrsinn, von Gemeinsamkeit zu Gemeinheit und wieder alles auf Anfang. Gegen diese Humorkaskaden voll schlauer Beobachtungen und harter Leck-mich-Attitüde sind die Pointen eines Geek-Darling wie Kevin Smith im Handumdrehen auf ihre ideologischen Grundlagen eingedampft: Vorstadt-Protestantismus mit etwas größerer Klappe. Und für solche Erkenntnisse wird man sogar noch mit Lachtränen belohnt.

Simon Hanselmann: Hexe total. 2 Bände. Avant Verlag, Berlin 2015. Je 176 Seiten. 24,95 Euro

 

9783943143348-414x500Quai d’Orsay. Hinter den Kulissen der Macht – Graphic Novel

Dass der Untertitel Hinter den Kulissen der Macht hier ausnahmsweise hält, was er verspricht, ist das Resultat einer außergewöhnlichen Liaison. Für seine Comicerzählung „Quai d’Orsay„, benannt nach jener Pariser Straße, die zum Metonym des französischen Außenministeriums wurde, suchte sich der Zeichner Christophe Blain, der sonst solo oder mit engen Freunden arbeitet, ungewöhnliche Verstärkung. Mit Authentizität darf man rechnen, wenn sich hinter dem Pseudonym seines Co-Autors Abel Lanzac ein früherer Redenschreiber des zwischen 2002 und 2004 amtierenden französischen Außenministers Dominique de Villepin verbirgt. Die Anonymität wird nicht nur angesichts der Popularität des zweibändigen Werks, das sich in Frankreich über 300.000mal verkauft hat und in Deutschland als Gesamtausgabe erschien, die richtige Wahl gewesen sein. So amüsant wie hier wurde das Werden und Wirken des hemdsärmeligen Staatsadels noch nie analysiert.
Lanzacs Alter ego Arthur Vlamnick ist ein unerfahrener Doktorand, der als „Berater des Ministers in sprachlichen Fragen“ in den Stab Alexandre Taillard de Vorms gerät, Lanzacs Version des konservativen Villepine. So sehen wir ihn aus Vlamicks Perspektive: als Maschinenwesen X-OR, als Darth Vader, als charismatische Führungsperson im Dauereinsatz. Taillard will politisch eine ganze Menge, vor allem aber den vorhersehbaren Krieg im Irak (der hier Lousdem heißt) abwenden. Der Minister tarnt seine geradezu manische soziale Inkompetenz als Charisma: Jedes Gespräch, jede Begegnung, jede Konferenz endet mit großen Gesten, jovialem Pathos und der Selbstüberschätzung eines hyperaktiven Strategen, der seine Sicht auf die Weltkonflikte mit gezücktem Stabilo auf markige Zitate vorzugsweise Heraklits eindampft – sofern er seine Mitarbeiter nicht dazu anhält, ihm diese Arbeit abzunehmen. Es ist schließlich in der Tat eine bizarre Aufgabe, Immergleiches in immer neue Worte zu kleiden.
Blain nutzt hierzu das Serialitätsprinzip des Comics in Perfektion. Taillards Hände, größer als der Kopf dieses Hünen, sind meist in Bewegung, wirbeln symmetrisch zum Redeschwall, bis sie mit gewaltigem „WAMM“ auf dem Tisch landen. Dann ist die Ansprache vorbei; ihre Dynamik rührte aus der ständigen Wiederholung dieser Gesten, weniger aus dem Inhalt. Selten wurde im Comic eine Figur so präzise durch Soundwords charakterisiert: „WAMM“ schlagen die Türen, „WAMM“ klatschen die Hände, und „TACK TACK TACK“ tönt es aus dem Ministermund, wenn er seine Argumentationsketten übereinanderstapelt. Die kleinen Variationen im Konterfei und Händewirbeln erinnern nur um so vehementer an den geistigen Stillstand, über den diese laute Selbstüberzeugung hinwegtäuschen soll.
Das gegenteilige Prinzip gilt übrigens für den Auftritt Berlusconis, dessen ganze Schmierlappigkeit in gerade mal sechs Bildern für die Ewigkeit zusammengefasst ist. Aber das schauen Sie sich bitte selbst an.

Christophe Blain/Abel Lanzac: Quai d’Orsay. Hinter den Kulissen der Macht. Reprodukt, Berlin 2012. 200 Seiten. 36 Euro