DER ERLÖSER – Bond à la France

erloeser_01_900x1200Eigentlich führt er ein perfektes Leben: Jean Ravel, 35. Franzose, Milliardär und Präsident der Ravel Corporation. Einer der mächtigsten Konzerne der BRIC-Schwellenländer mit Sitz in Rio de Janeiro. Dort lebt Ravel in einer futuristischen Villa, die an und in einen Berg gebaut ist. Han Qi, seine attraktive Frau, ist Erbin einer der mächtigsten chinesischen Familien. Geld spielt also schon lange keine Rolle mehr. Jean Ravel ist ein erfolgreicher Sonnyboy. Und als Ausgleich und für den Kick bringt er anonym Drogen-Barone zur Strecke, ganz spektakulär, im James-Bond-Stil. Beinahe in Superhelden-Manier.

Alles gut? Mitnichten! Denn Han Qi will seinen Kopf. Genau. Ihren Gatten um die Ecke bringen. Warum? Wissen wir noch nicht genau. Nur so viel: ihr mächtiger Vater steckt dahinter. Und gerade noch rechtzeitig bekommt Jean Wind von der Sache. Nach einer rauschenden Party und einer ebensolcher Nacht kommt er wie von Han Qui geplant vermeintlich beim Absturz seines Privatjets ums Leben. Doch wie von ihm geplant überlebt er und macht sich erst einmal vom Acker, nicht ohne vorher die Konten und Fonds seines Konzerns um die Hälfte zu erleichtern. Jetzt beginnt für ihn der schwierige Teil: herauszufinden, was wirklich geschah. Und vor allem warum.

Fans von James Bond, der ja gerade eine Comic-Renaissance erfährt, und des franko-belgischen Comic-Bestsellers „Largo Winch“, der ja auch zweimal recht ambitioniert verfilmt wurde, werden sich bei „Der Erlöser“ bestens aufgehoben fühlen. An den Agenten ihrer Majestät erinnern exotische und mondäne Locations (Rio, Dubai, ein Opernhaus) und spektakuläre Actionsequenzen (eine davon fungiert als Einleitung in den Band, wie man es auch von den Bond-Filmen her kennt). Und „Largo Winch“ diente offenbar als Vorlage bzw. Inspiration für das Aussehen und die Profession des Protagonisten Jean Ravel als blond geschopfter Konzernchef. Auch der Zeichenstil des Brasilianers Miguel Lalor (eigentlich Miguel de Lalor Imbiriba) an sich – von dem hierzulande seine Comicadaption von Homers Odyssee erschien – schlägt durchaus in die „Largo Winch“-Kerbe und kommt aus der gleichen Schublade wie der von Philippe Franq, erfreulicherweise ohne diesen zu kopieren. So sorgen eine feiner, realistischer Strich und dezent abgestufte Farben für ein typisch wohliges, franko-belgisches Flair.

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Autor Stephen Desberg (Der Skorpion, Golden Dogs) legt seinen Helden durchaus komplex an und will damit die Story anheizen. Wie ein moderner Graf von Monte Christo „stellt“ sich Jean tot, nur um dann von außen den ungeheuren Verrat aufzuarbeiten. Rache inklusive? Noch wissen wir das nicht. Auch ist noch unklar, was Jean Ravel zu seinen Selbstjustiz-Ausflügen treibt. Offenbar rächt er 389 Kinder, die (durch seine Schuld?) zu Tode gekommen sind. Und was hat es mit den mysteriösen Typ-C Fabriken seines Konzerns aus sich? Was wird dort hergestellt und warum verweigert man ihm, dem Chef selbst, die Informationen darüber und berichtet stattdessen seiner Frau?

Unterstützung in seiner „Aufklärungsarbeit“ erfährt er durch einige Getreue, allesamt markante Typen: seine Sekretärin, die noch im Konzern verblieben ist, sein Unternehmensleiter, ein ehemaliger Anwalt, der Recht und Gerechtigkeit auch mal gerne selbst in die Hand nimmt und sein Steuergenie, der den Deal mit den Konten und Fonds eingefädelt hat. Ein modernes Kommando Kaiman… Leider wird das Motiv des Verschwindens, bzw. des vermeintlichen Todes des Protagonisten nicht konsequent weitergeführt. Recht schnell ahnt die gar nicht so holde Gattin Han Qi, dass Jean noch am Leben sein muss und er selbst macht auch gar nicht groß Anstalten, sich zu verstecken, was bald zu einer indirekten Konfrontation mit seinem im Hintergrund agierenden, schurkischen Schwiegervater führt.

Dennoch genügen die aufgeführten, losen Enden, dass man als Leser des Auftaktes der Reihe Blut geleckt hat und will wissen, wie es weiter geht: wie und ob Jean Rache übt, was sich hinter der Sache mit den Kindern verbirgt, was es mit den Typ-C Fabriken auf sich hat. Und ob seine hinterlistige und intrigante Alte doch noch ihr verdientes Fett weg kriegt. Insofern hat Desberg sein Ziel erreicht.

Eine Leseprobe findet sich hier.

Stephen Desberg, Miguel Lalor: Der Erlöser, Band 1: Der Mann, der die Gebete der toten Kinder hört. Splitter Verlag, Bielefeld 2016. 48 Seiten, 14,80 Euro