LUKE CAGE – Wenn aus weiß schwarz wird

cottonEtwa ab 1970 schwappte – eine Auswirkung der Bürgerrechtsbewegung der 1960er-Jahre – mit der so genannten Blaxploitation ein neues Genre in die Kinos, das bis heute einen recht umstrittenen Stellenwert hat. Die Filme wurden speziell für ein afroamerikanisches Publikum hergestellt, es gab schwarze, meist überlebensgroße Identifikationsfiguren in Form von ultra-harten, mächtig potenten Übermännern oder Frauen, die sich entweder mittels betont animalischer Sexualität und auch einfach nur mit großkalibrigen Waffen holten, was immer sie wollten. Die Bösewichte waren dabei, nicht immer, aber häufig, Weiße, zumindestens aber wurden das afroamerikanische Lebensgefühl weitaus deutlicher in den Fokus gerückt als zuvor. Den Startschuss gaben unter anderem „Wenn es Nacht wird in Manhattan“ (1970) und vor allem der Überraschungshit „Sweet Sweetback’s Baadasssss Song“ (1971), unzählige weitere Titel sollten folgen, zum Teil rutschte man dabei auch ins Horror- oder Kung-Fu-Genre, gemeinsam hatten sie aber alle eins: Es waren schnell und billig produzierte Reißer, die sich in Sachen Gewalt und Sex wenig zurückhielten und deswegen anfänglich in den USA vor allem in den Grindhouse-Kinos liefen, kleine, auf Erwachsenenunterhaltung spezialisierte Lichtspieltheater.sweet-sweetbacks-baad-asss-song

Das, auch wegen seiner oftmals ziemlich tollen und extrem prägnanten Funk-, Soul- und Jazz- Soundtracks, überaus interessante Genre hat jedenfalls einige sehenswerte Filme hervorgebracht und gelangte spätestens seit Quentin Tarantinos Hommage „Jackie Brown“ (1997) wieder in den Fokus einer filminteressierten Öffentlichkeit, dabei werden aber häufig die problematischen Ambivalenzen ausgeblendet, die diesem Bereich inhärent sind, denn Blaxploitation war nicht immer nur „cool“, sondern wurde von Anfang an auch innerhalb der schwarzen Community durchaus zwiespältig aufgenommen: Einerseits sah man die Filme als Teil eines neuen Selbstbewusstseins, anderseits wurde bemängelt, dass eben doch wieder nur uralte Stereotype reproduziert wurden (der Ausdruck Blaxploitation war ursprünglich eigentlich negativ gemeint).

shaftNoch problematischer wurde das Genre als die Major-Firmen auf den Erfolg aufmerksam wurden. Heute wird im Zusammenhang mit dieser Welle, beziehungsweise oft mit schwarzem Kino im Generellen, gerne der von Metro-Goldwyn-Mayer 1971 veröffentlichte „Shaft“ als einer der wichtigsten Vertreter genannt. Das ist sicherlich nicht unrichtig, Richard Roundtree wurde in seiner Rolle als Privatdetektiv John Shaft zur zigfach kopierten Ikone und der Soundtrack von Soul-Legende Isaac Hayes (der drei Jahre später selber in zwei Blaxploitern auftrat) gilt mittlerweile als Klassiker. Allerdings sah sich „Shaft“ dem Vorwurf ausgesetzt, dass nicht nur die vormals schon kritisierten Stereotype erneut aufgegriffen wurden, sondern dass der Film letztendlich, obwohl Regisseur, Cutter und Soundtrackkomponist Schwarze waren, von Weißen geformt wurde; nicht nur, dass die Romanvorlage von einem Weißen stammt, der seine Titelfigur ursprünglich als ebenso angelegt hatte, auch für das Drehbuch und für die Produktion des Films waren Weiße verantwortlich, die Weißen schenkten sozusagen den Schwarzen ihren Mythos, ein Vorwurf mit dem sich ironischerweise auch Blaxploitation-Wiederentdecker Quentin Tarantino über 40 Jahre später 2012 im Zuge von „Django Unchained“ konfrontiert sah. Erschwerend kam bei „Shaft“ noch hinzu, dass Metro-Goldwyn-Mayer zu dieser Zeit finanziell eh etwas angeschlagen war und somit wollte man einen Film, der möglichst das ganze Publikum, egal welcher Hautfarbe, anspricht, was zur Folge hatte, dass „Shaft“ zu einem reinen Unterhaltungsfilm wurde, der weitaus weniger aggressiv und aufrührerisch daherkommt als viele seiner Vorgänger. Der Action-Krimi wurde zwar zum Hit, aber auch zu einem Film, der nicht unbedingt repräsentativ für schwarzes Kino ist.

cage1Mit „Luke Cage“ verhält es sich ähnlich: Stan Lee wollte natürlich auch ein Teil vom Blaxploitation-Kuchen und so ersann er zusammen mit dem frisch zum Marvel-Chefredakteur ernannten Roy Thomas die Grundzüge von Luke Cage, einem Muskelpaket, das unschuldig hinter Gittern landet, dort dank einem dubiosen Experiment kugelsichere Haut bekommt und sich fortan als Hero for Hire anbietet, soll heißen, er lässt sich im Gegensatz zu seinen Superhelden-Kollegen für seine Dienste entlohnen. Das Konzept wurde von John Romanita Sr., George Tuska und Archie Goodwin, alles Weiße, ausgearbeitet, um eine gewisse Authentizität zu gewährleisten holte man Billy Graham, einen der wenigen afro-amerikanischen Comic-Künstler dieser Zeit, hinzu. „Luke Cage: Hero For Hire“ erschien im April 1972.

Der Comic war für seine Zeit sicherlich revolutionär, zum ersten Mal gab es einen schwarzen Superhelden, der kein Sidekick war, der voll und ganz im Fokus stand und total eigenständig handelte, aber trotzdem wurden die gleichen Vorwürfe wie bei „Shaft“ laut: Er war letztendlich ein von Weißen geschaffener Charakter, ein Stereotyp, ein Schwarzer, wie ihn sich Weiße vorstellen.

Mit dem Abklingen der Blaxploitation-Welle gegen Ende der 70er-Jahre verschwand Luke Cage langsam, aber sicher wieder aus dem Rampenlicht, der Versuch die Figur am Leben zu erhalten, indem man ihm mit Iron Fist einen weiteren Superhelden zur Seite stellte, brachte zwar wohlwollende Kritiken, aber die Verkaufzahlen blieben überschaubar, 1986 zog Marvel schlussendlich den Stecker.

JESSICAJONESMEGABANDALIASBAND128VON229_Softcover_738Die 1992 und 1996 erfolgten Wiederbelebungsversuche blieben ohne Folgen, erst 2001 brachte ihn Brian Michael Bendis wieder auf die Bühne und zwar als Teil von „Alias“: Luke Cage wurde zum Lover (und späteren Ehemann) seiner neu entworfenen Figur Jessica Jones. Bendis formte Cage aber um: Er schälte die tief in den 70er-Jahren feststeckende Blaxploitation-Wurzel weg und machte den schwarzen Muskelmann zu einem zeitgemäßen Helden, der keinen Gossenslang mehr spricht und moderne Kleidung trägt, kurz: Er nahm die Figur ernst. Die Renovierung klappte, Cage wurde in den folgenden Jahren unter anderem als Teil der Avengers fester und vor allem regelmäßig auftauchender Teil des Marvel-Universums (und bekam ebenso mit „Luke Cage – Ein Mann räumt auf“ ein Solo-Abenteuer abseits davon spendiert, das die Figur schon wieder ein wenig bei den Ursprüngen verortet und deswegen kontrovers aufgenommen wurde), da verwundert es nicht weiter, dass das Comic-Großunternehmen dem schwarzen Supermann nun auch eine eigene TV-Serie auf den betonharten Leib geschustert hat.

Es ist schon erstaunlich mit Marvel, so mutlos und gleichförmig man sich im Kino auch gibt, die Serien-Ableger zeichneten sich bisher allesamt durch einen deutlichen und zudem sehr spannenden Blick über den hauseigenen Tellerrand aus und das neuste Brötchen ist da keine Ausnahme: Um der nicht nur zur Entstehungszeit der Figur geäußerten Kritik am weißen Unterbau eines schwarzen Charakters zu entgehen, sondern auch um weiteren Unmut zu vermeiden (die Ausgrenzung afro-amerikanischer Künstler war ja traurigerweise erst dieses Jahr im Zuge der Oscar-Verleihung wieder ein großes Thema), ließ man die Serie – ebenso wie übrigens der kommende „Black Panther“-Film – von fast ausschließlich schwarzen Künstlern entwickeln, was zu einem gewissen Teil dann natürlich auch ins Marketing einfloss.

MARVEL'S LUKE CAGE

Es ist zwar an sich schon ziemlich betrüblich, dass die Hautfarbe anno 2016 tatsächlich immer noch Thema ist, aber sei’s, wie es sei – definitiv ein richtiger Schritt von Marvel, der sich auch bezahlt macht, denn „Luke Cage“ fühlt sich ein bisschen wie ein Gegenstück zu „Django Unchained“ an, die Serie schenkt der Welt tatsächlich einen schwarzen Superhelden, der authentisch wirkt, ein ungemein charismatisches, charmant- und elegantes Kraftpaket, dass aber – hier gehen die Macher ausgesprochen clever vor – niemals mythisch überhöht wird, sondern mit beiden Beinen fest auf der Erde und überraschenderweise gar nicht mal so sehr im Fokus steht, sondern eher Teil eines Ensembles verschiedener Charaktere ist.

Hier grenzt sich die Serie nämlich auch deutlich von den Vorgängerproduktionen aus dem gleichen Haus ab, das ungemein geduldige und detaillierte Worldbuilding ist weitaus großflächiger und ausgewogener angelegt (die einzelnen Folgen sind zum Teil ein Stück länger als gewohnt), man widmet sich nicht nur den Hauptcharakteren Cage und Misty Knight, einer Polizeibeamtin, die zu Cages Freundin wird, ausführlich, auch eine ganze Reihe Nebenfiguren kriegen starke und durchaus tiefergehende Auftritte spendiert. Das geht natürlich auf Kosten des Tempos, die 13 Folgen sind mit ihrem entspannten, fast schon provokativ-lässigen, aber trotzdem stetig fortschreitenden Erzählryhtmus eher dem Kino der 70er-Jahre als heutigen Produktionen verpflichtet. Das hat aber den Vorteil, dass sich die auf diese Weise etablierte Welt ungemein lebendig anfühlt. Während zum Beispiel die Entwicklung der Nebencharaktere in der ansonsten gelungenen “Daredevil”-Neuauflage von 2015 stellenweise stagniert, auch weil diese zu Gunsten der Hauptfiguren an den Rand gedrängt werden, befindet sich das hier geschilderte Universum in einem ständigen Wandel und somit gehört “Luke Cage” nicht ausschließlich Luke Cage, sondern zum Beispiel genauso Misty Knight oder der bereits aus “Daredevil” bekannten Claire Temple.

Marvel's Luke Cage

Showrunner Cheo Hodari Coker, der zuvor höchstens als Co-Drehbuchautor des verunglückten Biopics „Notorious B.I.G.“ von 2009 aufgefallen ist, und seine Autorentruppe haben wirklich eine sagenhafte Arbeit geleistet, lediglich der stellenweise etwas übermäßige Hang der Figuren zu Monologen lässt hier und da dann doch den Wunsch nach einem Tritt aufs Gaspedal wach werden, das ist allerdings Jammern auf Mount-Everest-hohem Niveau. Wie feinsinnig die Serie gewebt wurde, wird weiterhin an vielen Randdetails deutlich: So begnügen sich die Macher nicht nur damit Marvels, beziehungsweise Bendis’ Vorlage aufzugreifen (es gibt – wie bei Medienkonvertierungen üblich – kleinere Abweichungen, im Geiste ist man aber jederzeit treu), sondern sie machen sie sich zu eigen, betten sie in die afroamerikanische Kultur ein, machen aus weiß quasi (endgültig) schwarz. „Luke Cage“ ist folgerichtig mit Anspielungen auf Hip-Hop, Jazz, Literatur und anderem gewürzt, allerdings nie, wie oft bei Tarantino, im „Guck mal!“-Modus, sondern in authentischer, glaubwürdiger Form, als Teil der dargestellten Welt und nicht als Pop-Pastiche.

Apropos Musik: Wie hier der absolut fantastische Soundtrack (produziert von „A Tribe Called Quest“-Gründer Ali Shaheed Muhammad und dem nach wie vor viel zu unbekannten Multiinstrumentalisten Adrian Younge) extrem pointiert eingesetzt, oftmals auch zum Teil der Handlung wird, ist wirklich sagenhaft und lässt die seit Jahren hollywoodsche Dauerbeschallung von Ton-Terroristen à la Hans Zimmer regelrecht zu Staub zerfallen – hier wird die Bedeutung von „Soundtrack“ endlich wieder zur ihrem Ursprung zurückgeführt. Bravo!

Marvel's Luke Cage

Bei soviel Lobesorgasmen gibt es aber auch einen kleinen Abschlaffer, für den die Macher aber nicht wirklich was können: Die tolle Machart täuscht nicht komplett darüber hinweg, dass man es wieder mit einer klassischen Marvel-Origin-Story, dieses Mal im XXL-Format, zu tun hat, sprich es gibt kaum echte Überraschungen, den grundsätzlichen Verlauf mit all den Konflikten, vor allem die Zerrissenheit der Titelfigur, die eigentlich kein Held sein will, aber durch äußere Umstände dann doch dazu geformt wird, kennt man natürlich aus Zilliarden anderer Geschichten, allerdings wurde selten so reif und voller Leben erzählt wie hier. Es ist zu hoffen, dass Marvel nicht den gleichen Fehler begeht wie bei „Daredevil“ und in der nächsten Season den Showrunner auswechselt, wenn man hier eine Linie beibehält, steht in Zukunft noch großes Tennis auf dem Programm – die Saat wurde gestreut, vielleicht haben wir in 1-2 Jahren einen massiven Baum mit saftigen Früchten.

Zum Schluss noch eine kleine Blaxploitation-Liste – wer nach „Luke Cage“ neugierig auf die Ursprünge der Figur geworden ist, sollte nach folgenden Filmen Ausschau halten:

• Super Fly (Gordon Parks Jr., 1972)
• Sweet Sweetback’s Baadasssss Song (Melvin Van Peebles, 1971)
• The Mack – Ihr Kampf ist gnadenlos (Michael Campus, 1973)
• Foxy Brown (Jack Hill, 1974)
• Coffy – Die Raubkatze (Jack Hill, 1973)
• Blacula (William Cain, 1971)
• Wenn es Nacht wird in Manhattan (Ossie Davis, 1970)
• Chicago Poker (Jonathan Kaplan, 1974)
• Ein Fall für Cleopatra Jones (Jack Starrett, 1973)
• Shaft (Gordon Parks, 1971)

Abb. aus der TV-Serie © Marvel/Netflix