So echt, dass es weh tut – Die Comics von Jim

sonnenfinsternisDen Geschichten von Jim liegt eine Wehmut inne, ein Schmerz, der sich tief ins Bewusstsein des Lesers herantastet. Das macht seine Geschichten schön, aber auch bittersüß, zwingen sie doch, den Blick auch auf sich selbst zu richten. Er erzählt von Männern in ihren mittleren Jahren. Von Träumen, die vergehen, Lebensplänen, die nicht aufgehen. Von Liebe, die nicht sein kann, und an der doch eisern festgehalten wird.

Es sind Geschichten, die von Herzen kommen, die gefühlvoll sind. Derlei Geschichten, die etwas zu sagen haben. Verfasst hat sie Thierry Terrasson, der als Autor und Zeichner auch phantastische Stoffe wie „Yiu“ verantwortet hat. Aber es sind seine persönlicheren Geschichten, die er als Jim verfasste, welche ihm wirklich einen Platz in den Annalen der Comic-Historie gesichert haben.

eine_nacht_in_rom_01_klein_1Dabei erzählt der 1966 Autor keineswegs autobiographisch, aber er versteht es, sich in die Gefühlswelt seiner Figuren einzufinden. Zumeist sind es Männer im Alter von Ende 30 oder Anfang 40, die an einem Scheideweg stehen. Man könnte das salopp als Geschichten über die Bewältigung einer Midlife-Crisis sehen, aber Jims Arbeiten sind weit mehr als das. Weil er zwar den Fokus auf eine männliche Hauptfigur richtet, aber nur allzu häufig auch eine nicht minder starke Protagonistin hat. Die – wie bei „Helena“ oder „Eine Nacht in Rom“ – der oftmals stärkere Part ist.

Bei Jim geht es immer um Freundschaft, um Liebe, um dem Nachhängen von Träumen, die immer noch greifbar nah erscheinen, die aber in immer weitere Ferne rücken. Er macht es seinen Figuren nicht leicht – so wie es das Leben auch seinen Lesern nicht leichtmacht. Genau das ist auch die eigentliche Stärke von Jim, der sich als exakter Beobachter erweist und Geschichten erzählt, die aus dem Leben gegriffen sind. Genau darum trifft er auch den Nerv seiner Leser, denn jeder findet etwas in diesen Geschichten, das an sich selbst erinnert.

helena_02_seite_01Das macht Jims Geschichten bittersüß. Weil sie unendlich schön sind, aber auch weil sie eine elegische Note besitzen, derer man sich nicht entziehen kann, zumal die Zeichnungen zumeist derart sind, dass man sich in ihrer immensen Pracht einfach verlieren will. Nur „Sonnenfinsternis“ fällt aus dem Rahmen, weil der fast 300-seitige Comic-Roman in Schwarzweiß gehalten ist. Die anderen Geschichten sind zwar nicht durchgehend von Jim gezeichnet, aber bei der Auswahl der Zeichner wurde stets ein glückliches Händchen bewiesen, so dass die Optik auf gleichbleibend hohem Niveau bleibt.

Jim ist ein Meister der langen Form. Er braucht den Raum, um sich, aber auch seinen Figuren zu erlauben, sich zu entfalten. In „Sonnenfinsternis“ erzählt er von Freunden, die einer Sonnenfinsternis in einem Wochenendhaus beiwohnen wollen, während sich Konflikte aufbauen. In „Die Einladung“ geht es um die Frage, was wahre Freundschaft ist. Wen kann man um 3 Uhr morgens anrufen und sicher sein, dass er auch kommen wird, wenn man Hilfe benötigt? „Süße Versuchung“ erzählt vom Reiz einer jungen Frau auf einen Mann mittleren Alters. In der zweibändigen Geschichte „Eine Nacht in Rom“ haben sich Raphael und Marie vor 20 Jahren geschworen, sich an ihrem 40. Geburtstag in Rom zu treffen – egal, was sich sonst in ihrem Leben tun mag. „Wo sind die großen Tage geblieben?“ erzählt vom Beerdigen von Träumen als direkte Konsequenz des Alterns. Die zweibändige Geschichte „Helena“ zeigt einen Mann, der einer Frau Geld bezahlt, um ihn zu treffen – aber nicht für Sex, sondern weil er ihr nah sein will.

die_schoenen_momente_covDies sind alles Geschichten, die sich langsam entfalten und mit vielen Figuren jonglieren. Das ist die von Jim präferierte Form, aber sein neuester Comic, der Geschichtenband „Die schönen Momente“, erzählt von jenen flüchtigen Momenten, die perfekt sind, deren Schönheit man aber erst erkennt, wenn sie vergangen sind. Es sind Vignetten, keine voll ausgebildeten Geschichten, aber Jim folgt darin trotzdem den von ihm etablierten Mustern, indem er sehr menschlich, sehr echt und sehr gefühlvoll erzählt – und das jenseits der klischierten Momente, die man bei einem Band wie diesem vielleicht erwarten würde. Stattdessen erlaubt er sich auch eine Rückkehr zur „Nacht in Rom“. Oder besser: zu den beiden Hauptfiguren, deren weiteres Leben er nur mit einer Momentaufnahme skizziert.

Als Jim mit seine ersten, aus dem Leben gegriffenen Geschichten begann, war er ein Mann von Anfang 40 und erzählte von Männern in seinem Alter. Nun, da er die 50 überschritten hat, wird es spannend zu sehen, inwiefern sich seine Figuren und Geschichten verändern werden. Aber eines wird sicherlich immer gleichbleiben: Dass Jim Saiten im Leser anspricht, von denen dieser gar nicht wusste, dass sie existieren.

Jims Comics (erschienen bei Splitter):

Sonnenfinsternis

Die Einladung

Süße Versuchung

Eine Nacht in Rom 1+2

Wo sind die großen Tage geblieben?

Helena 1+2

Die schönen Momente