BADLANDS 2: Mythische Kräfte im Wilden Westen

Badlands_02_klein„Das kann ja heiter werden! Wir werden wieder den Zorn von allerhand Ungeheuern entfachen und gegen Horden von Geistern kämpfen!“ Mit dieser Prognose liegt der schlagkräftige Sam goldrichtig: unerschrocken bahnt sich seine Chefin, die schmucke Perla Ruiz-Tenguillo, ihren Weg in Richtung weitere übersinnliche Abenteuer. Denn ihr Vorfahre Hernan hat ihr nicht nur einen magischen Würfel hinterlassen, sondern auch Bärenklauen und eine Bärenmaske – und die Botschaft, dass diese Artefakte eine Verbindung zur mystischen Welt seien, als Ureinwohner und Tiere noch eins waren und ihre Gestalt wandeln konnten.

Wie das Ganze funktioniert, bleibt allerdings im Dunkeln, weshalb sich Perla und ihr Tross, neben Sam bestehend aus dem Indianer Viele-Tode und dem Geck Labotte, von Arizona nach Vancouver Island aufmachen, hin zu dem Dorf der Kwakiutl-Indianer, in dem Hernan dereinst die magischen Gegenstände überreicht wurden. Schon auf dem Weg stellt sich heraus, dass irgendjemand über den Trek der Abenteurer zu wachen scheint und diverse Lumpensöhne wegräumt. Als man schließlich anlangt und zu dem Dorf übersetzen will, kentern in schwerem Sturm die Boote – aber Perla wird von einem mysteriösen Indianer gerettet, der ganz eigene Pläne hat. Seine Vorfahren, so berichtet er, seien von den jetzigen Dorfbewohnern gezielt ausgelöscht worden, und als Rache habe die seinerzeit ermordete Königin in Form eines Bären in den Wäldern wie vor ihr Unwesen getrieben – und der junge Herr will nun die Herrschaft für sein Volk zurückerobern. Solange sie dabei das Geheimnis des Gestaltwandelns erfährt, soll Perla das Recht sein, und so mischt sie beim Brauch des Potlatch mit: man bringt ein voluminöses Gastgeschenk (genauer gesagt fängt man einen Wal), um so den Ältesten und Schamanen zu zwingen, das Dorf zu übergeben. Aber dabei haben Perla und der ab sofort Ein-Wal genannte Indianer die Rechnung ohne die mystischen Wesen gemacht…

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Durfte sich die schlagkräftige Heldin Perla in Band 1 der Serie von Vielschreiber Corbeyran (u.a. „Assassin’s Creed“, „Doppelgänger“, „Metronom“, alle bei Splitter), noch mit einem magischen Würfel, einem Eulen-Kind von Lovecraft-inspirierten Monstern herumprügeln, greift Corbeyran hier auf den uralten Mythos der Gestaltwandler zurück, die sich im europäischen Kulturkreis in Form der Legende des Werwolfs erhalten hat und bei den amerikanischen Ureinwohnern ebenso einen festen Platz hat. In grauer Vorzeit, so die Sage, gab es keinen Unterschied zwischen Mensch und Tier – die Kreaturen gingen in Geist und Körper ineinander über. Diesen Mythos, der die Naturverbundenheit symbolisiert, nutzt Corbeyran, der in seinen Werken ja gerne klassische Abenteuerstoffe mit Fantasy- und Horror-Elementen vermischt (siehe etwa das Piraten-Epos „Unter Schwarzer Flagge“, bei Splitter), als Basis für das zweite Kapitel in den Erlebnissen einer Protagonistin, die sich vor dem Hintergrund der historisch verbürgten Ansiedlungen der Kwakiutl-Indianer im Norden des kanadischen Vancouver Island abspielen.

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Perlas ebenfalls sehr real existierender Feminismus dominiert erneut erfrischend das Geschehen: sie ist die unangefochtene, auch so bezeichnete Geschäftsführerin ihrer Expedition. Ohne jede Rassenvorbehalte beschäftigt sie gleichberechtigt Weiße, Farbige und Indianer, raucht Zigarren, lässt sich auch splitternackt in keinster Weise von Angriffen übelster Ganoven beeindrucken und weist Ein-Wals Angebot, seine Königin zu werden, lachend von sich, was dieser stolze Kriegsherr gar nicht einsehen will. Dazu gibt es eine gehörige Prise Erotik: die bauchfrei und mit knallengen Schnalzhosen auftretende Perla dürfte sich wohl jeder halbwegs zurechnungsfähige Mann jederzeit als Bosswoman gefallen lassen.

Piotr Kowalski gestaltet das Geschehen wie in Band 1 in feiner Reminiszenz an die Landschaftspanoramen eines Moebius, kombiniert damit aber auch expressiven Stil, der in den Sequenzen der Entstehung des Gestaltwandler-Mythos bewusst auf den reduzierten, zweidimensionalen Duktus religiös-legendenhafter Darstellungen zurückgeht. So entsteht eine schmissige Kombination aus Western, hinterntretender Frauenpower und Mystizismus, die mit „Die große Schlange“ in die dritte und letzte Runde geht – und zwar bald, wie wir hoffen.

Eric Corbeyran, Piotr Kowalski: Badlands 2: Der mit dem Grizzly tanzt. Splitter, Bielefeld 2016. 48 Seiten, € 14,80