DURANGO Bd. 17 – Erst schießen, dann fragen

durango_17_lp_seite_01Hancock, eine typische Westernstadt in Utah, im ausgehenden 19. Jahrhundert. Hier erholt sich Revolverheld Durango bei seinem alten Freund, Sherriff Haynes. Der hat das Städtchen bestens im Griff und sorgt erfolgreich für Recht und Ordnung. Mit einem Makel: denn vor wenigen Wochen wurde bei einem Postkutschen-Überfall eine Kiste voller Geld geraubt. Von der Beute und den Tätern fehlt seitdem jede Spur. Nachdem eine junge Frau unsanft aus dem örtlichen Etablissement geworfen wird, diese – sie nennt sich Jessie – aber keinerlei Erklärungen über den Vorfall liefert, beschließt Sherriff Haynes, die Dame in die nächste Postkutsche zu setzen, um eventuellen Schwierigkeiten vorzubeugen. Gleichzeitig erreicht eine Gruppe finsterer Gesellen Hancock, angeführt von dem üblen Frank Parker. Man sucht etwas. Etwas, das nicht mehr dort ist, wo man es einst versteckte. Als Jessie aus der Kutsche entführt und die Mitreisenden ermordet werden, mischt sich Durango ein und stößt in ein Wespennest aus Intrigen und Habgier.

Mit „Durango“ hielt Anfang der 80er Jahre der Italowestern Einzug in den Comic. Eigentlich zu spät, denn das Sub-Genre, das die beiden Sergios (Leone und Corbucci) für das Kino prägten und zu voller Blüte trieben, war eigentlich schon passé. Mich hat der erste Band seinerzeit dennoch beeindruckt. Einmal wegen der Schnörkellosigkeit, wegen der Brutalität (erst schießen – inkl. Blutfontänen – dann fragen) und der amoralischen Figuren, die ganz genre-typisch fernab des Ehrenkodexes eines John Wayne (die Comic-Pendants waren Mike Blueberry und Red Dust) ihren blutigen und schmutzigen Weg gingen. Und wegen Klaus Kinski, der im ersten Band eine Schurkenrolle (was sonst) spielte. Inzwischen drehte sich das Kino-Rad noch weiter, die anarchische und plakative Brutalität des Italowesterns beeindruckt heute kaum noch moderne Kinogänger und einst abgenutzte Genre-Elemente werden in Filmen wie „The Hateful Eight“ wieder gewinnbringend zitiert indem sie noch einmal erhöht (mehr Blut!) oder neu entdeckt (Morricone!) werden.

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Aber die Comic-Serie hat die Zeit recht unbeschadet überdauert. Im aktuellen Band tritt nun erneut eine Ikone des Italowesterns auf. Wieder ist es ein Schurke. Frank aus Sergio Leones „Spiel mir das Lied vom Tod“, eine Rolle, die mit Henry Fonda so großartig gegen dessen Image besetzt war. Ein würdiger Gegenspieler für Durango in einer wieder gradlinigen Geschichte, in der der wortkarge Antiheld, der diesmal schnörkellos für das Gute eintritt, wieder alles richtig macht. Erst kriegt er die Frau ab, dann macht er den Schurken den Garaus. So muss das sein. Und mit dem zeitlichen Setting Richtung Jahrhundertwende kündigt sich das Ende der Westernära an. Bald mag auch die Moderne in die typischen Westenstädte einziehen, deren Vorbote bereits Durangos Waffe ist: keinen klassischen Revolver oder Colt, sondern eine Mauser-Automatik C96 (wurde ab 1986 gebaut) benutzt er als Meinungsverstärker und Vollstreckungsinstrument.

Durangos Vater ist der Belgier Yves Swolfs (Jahrgang 1955), der die ersten 13 Bände schrieb und auch zeichnete (weitere Swolfs-Serien: Der Prinz der Nacht, Legende, Vlad) und anschließend nur noch als Autor fungierte. Danach übernahm Thierry Girod, bestens bekannt durch seinen Western „Wanted“ für drei Bände die Illustrationen, ehe ab diesem Band 17 mit dem Italiener Iko wieder eine „Neuer“ den Zeichenstift schwingt. Iko, der eigentlich Giuseppe Ricciardi heißt, beeindruckte bereits mit dem Fantasy-Epos „Finsternis“, das in vier Bänden ebenfalls bei Splitter erhältlich ist und von Christophe Bec geschrieben wurde. Während Swolfs‘ Zeichnungen in den Anfangsjahren in ihrem Strich an Blanc-Dumonts Werke erinnerten näherte sich die Reihe mit Girod langsam dem klassischen wie prägenden Blueberry-Stil von Jean Giraud an (weitere Beispiele: „Apache Junction“ von Peter Nuyten oder „Undertaker“ von Xavier Dorison und Ralph Meyer). Iko vereint nun als konsequente Weiterentwicklung der Serie beide Strömungen: von Swolfs bzw. Blanc-Dumont den klaren Stil und aus der Giraud-Ecke die kräftigen Darstellungen, die beispielsweise mit atemberaubenden Landschafts- und detaillierten Saloon-Szenen glänzen.

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In Deutschland kann die Serie eine wahrlich wechselvolle Geschichte aufweisen: wer die Erstveröffentlichungen sein eigen nennen will, muss sich durch diverse Verlage pflügen (ähnliches gilt übrigens auch für die Originalausgaben in Frankreich bzw. Belgien), die alle mal einen oder mehrere Durango-Bände veröffentlicht haben: los ging‘s 1984 mit Band 1 („Hunde heulen im Winter“) in der Edition des Archers aus Brüssel, wo auch das französische Pendant erschien. Nach vier Bänden wechselte die Reihe zu Hethke, anschließend zu Feest, dann über den alten Splitter Verlag (nur ein Band) zu Kult Editionen. Dort wurden auch die ersten neun Bänder noch einmal veröffentlicht. Mit Band 16 war 2013 Schluss. Jetzt räumt der „neue“ Splitter Verlag mit dem Verlags-Patchwork auf, führt die Serie mit der aktuellen Nr. 17 fort und bringt die vorherigen Bände in einer Gesamtausgabe, die ab 2017 erscheinen wird. Stichwort: alles aus einer Hand und damit ideal für Serieneinsteiger.

Yves Swolfs, Iko: Durango 17: Jessie. Splitter Verlag, Bielefeld 2016. 48  Seiten, € 14,80