Wilde Tiergeschichten für Groß und Klein: LOVE und EINE KLEINE REISE

Frédéric Brrémaud und Federico Bertolucci kennt man in Deutschland vor allem durch ihr grandioses und preisgekröntes Meisterwerk „Love“, eine Comicreihe, die sich in jedem Band dem Leben, Lieben und Leiden eines anderen Tieres widmet. Ab dem 12. Januar 2017 erscheint der neueste Geniestreich der beiden Künstler bei POPCOM, der erneut die Schönheit der Natur aufzeigt, sich dabei aber an ein deutlich jüngeres Publikum richtet: In „Eine kleine Reise“ wandern die Freunde Hund und Eichhörnchen durch die verschiedensten tierischen Lebensräume und treffen dabei allerlei spannende Gestalten.
Zu diesem Anlass haben sich Szenarist Frédéric Brrémaud und Zeichner Federico Bertolucci zu einem spannenden Interview bereit erklärt:

Eure Werke, besonders „Love“, haben im Laufe der letzten Jahre viel internationale Aufmerksamkeit auf sich gezogen und zahlreiche Preise gewonnen. Was glaubt ihr, ist das Schöne und Besondere an euren Geschichten und Zeichnungen?

love-cover-04Frédéric Brrémaud: „Love“ und „Eine kleine Reise“ sind zwei für mich sehr wichtige Geschichten. Sie erlauben mir, meine Leidenschaft für Comics, Geschichtenerzählen und Natur zu vereinen. Die Natur, wie wir sie kennen, wird von allen Seiten bedroht. Unsere Zukunft steht auf dem Spiel! Daher sind Menschen an diesem Thema interessiert. Man muss sich der Situation bewusst werden. Daher gibt es viele Bücher, die diese Situation anprangern oder Verbesserungsvorschläge machen. Im Gegensatz dazu zeigen wir die Natur einfach so, wie sie ist. Das ist nicht das Gleiche, aber ich denke, dass diese Ansätze sich gut ergänzen.

Ich denke, dass die Themen unserer beiden Serien den Wünschen der Leser entsprechen. Aber ich glaube auch, dass es vor allem die Zeichnungen von Federico Bertolucci sind, die den Erfolg dieser beiden Serien tragen. Er ist einer der großartigsten Künstler aus dem Hause Disney mit einer überragenden künstlerischen Bandbreite, die er sich vermutlich vor allem während seines Studiums an der Kunsthochschule in Florence aneignen konnte. Und gerade eine Serie wie „Love“, die ohne Worte erzählt, muss visuell beeindrucken, wenn man den Comic nicht in zwei Minuten lesen soll.

Federico Bertolucci: Ich würde nicht sagen, dass meine Zeichnungen außerordentlich schön sind. Ich bin sehr selbstkritisch und nie mit dem Ergebnis zufrieden, zumindest nie vollständig. Ich denke, mein bestes Buch wird immer mein nächstes, noch unvollendetes Buch sein. Davon abgesehen bemühe ich mich, die Geschichten immer über einem gewissen Standard zu halten und eine klare und glatte Erzählstruktur zu erreichen. Das ist vermutlich die beste Qualität an meiner Arbeit, aber das versteckt sich hinter schönen Farben und Zeichnungen. Es ist ein bisschen wie bei einem Auto, wo der Motor das Fahrzeug zum Laufen bringt, aber jeder zuerst das Design bewundert.

Könnt ihr „Love“ und „Eine kleine Reise“ in euren eigenen Worten zusammenfassen?

Brrémaud: „Love“ ist eine Comicreihe, die sowohl Dokumentation als auch Fiktion ist. Dokumentation, da sie von realen Situationen handelt. Fiktion, da wir über die Entwicklung dieser realen Situationen bestimmen und wir uns dabei viele Freiheiten erlauben.

Bertolucci: „Love“ kommt ganz ohne Worte aus und erzählt von Ereignissen, die die Menschen nicht beeinflussen. Dennoch verstehen wir, dass es keinen Unterschied zwischen uns und diesen Tieren gibt, denn wir leben alle auf dem gleichen Planeten, auf dem die Kriterien Leben, Tod und auch die Liebe auf alle Kreaturen zutreffen.

eine-kleine-reise-01„Eine kleine Reise“ ist im Gegensatz dazu für ein jüngeres Publikum geschrieben und handelt von zwei kleinen Helden, die spielerisch mit ihrer Vorstellungskraft die ganze Welt bereisen und dabei in verschiedenen Lebensräumen von Tieren landen. Dort lernen sie auf ironische, humorvolle und sympathische Weise die Bewohner und deren Lebensbedingungen kennen.

Brrémaud: Für uns erzählt „Eine kleine Reise“ eine ähnliche Geschichte wie „Love“, bloß für ein jüngeres Publikum. Die Serie kombiniert Illustrationen mit der Welt des Comics. Daher kann sie von fast allen Altersgruppen gelesen werden. Selbst in einem sehr jungen Alter, wenn man noch nicht selbst lesen kann und die Geschichte vorgelesen bekommt, kann man der Handlung noch immer anhand der Zeichnungen folgen. Es sind also auch Bücher, die Eltern ihren Kindern vorm Schlafengehen vorlesen können. Federico und ich sehen „Eine kleine Reise“ als Hommage sowohl an Comic-Strips als auch an große naturalistische Illustrationsbücher.

Bertolucci: Für die Reise der kleinen Helden nutzen wir einen neuen Erzählstil, bei dem der klassische Comicstrip unauflöslich mit farbigen Malereien verbunden ist. Kurz gesagt, eine neue Art und Weise, Kindern die Natur näherzubringen und gleichzeitig den Eltern ein schönes und qualitativ hochwertiges Produkt für ihre Büchersammlung zu geben.

Brrémaud: Ein Unterschied zwischen „Love“ und „Eine kleine Reise“ wäre, dass „Love“ auf verschiedenen Themen basiert. Je nach Band erzählt „Love“ von Freundschaft, Verrat, Jagd- oder Mutterinstinkt, dem Bedürfnis Teil einer Gruppe zu sein. In „Eine kleine Reise“ präsentieren wir hauptsächlich Orte der Natur: den Wald, das Meer, die Erde zu prähistorischen Zeiten.

Wie unterscheidet sich die Arbeit an einem Comic mit dem Zielpublikum Kinder von der Arbeit an einem Comic für Erwachsene?

Bertolucci: Ich würde nicht sagen, dass man große Unterschiede bei den Altersgruppen der Leser macht. Wir dürfen nicht davon ausgehen, dass Kinder nicht in der Lage wären, komplexe Situationen zu verstehen oder aber, dass Erwachsene nur komplizierte Comics lesen möchten. Natürlich ändert sich mit der Zielgruppe auch das Konzept, aber wenn du eine Geschichte gut genug für jeden Leser erzählst, können es sowohl Erwachsene als auch Kinder verstehen. Und Kinder wachsen so mit dem Lesen auf und werden dabei älter.

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Brrémaud: Ehrlich gesagt ist die Arbeit für mich die gleiche. „Eine kleine Reise“ ist ein Kindercomic, aber die Kleinen wissen, dass die Natur manchmal grausam sein kann. Aber die Geschichten gehen natürlich gut aus und unsere Helden haben nicht viel von den anderen Tieren zu befürchten, auch wenn sie manchmal in gefährliche Situationen geraten. „Eine kleine Reise“ präsentiert eine komplexe, aber freudige Welt.
„Love“ ist wesentlich realistischer, aber auch hier fehlt der Humor nicht. Tiere zeigen oft Reaktionen, die uns zum Lachen bringen können. Der Humor in diesen Situationen ist ein bisschen wie der Humor großartiger Komödianten wie Buster Keaton. [Anm. d. Red.: Keaton zählte neben Charles Chaplin und Harold Lloyd zu den erfolgreichsten Komikern der Stummfilmzeit.]

Wie sieht euer Arbeitsprozess normalerweise aus?

Bertolucci: Nach einer Diskussion mit Frédéric Brrémaud über unser nächstes Thema, beginne ich Skizzen und kleine Illustrationen anzufertigen. Danach arbeitet Fred weiter an dem Comicskript, während ich einige Seiten gestalte. Danach tauschen wir uns erneut aus und nehmen Korrekturen vor, wenn sie denn nötig sind. Am Ende entsteht so das fertige Buch, dass das Ergebnis von jahrelangen gemeinsamen kreativen Prozessen ist.

Brrémaud: Ich schreibe „Love“ nicht so, wie ich meine anderen Comicreihen schreibe. Denn auch wenn es ein Comic ist, ist unser Ansatz dem eines Dokumentarfilms sehr ähnlich. Ich würde sagen, dass ich sehr viele Informationen sammele und zu den Orten reise, an denen die Geschichte zum Leben erwacht. (Die Dinosaurier machen hier vielleicht eine Ausnahme …) Wenn das Thema von wesentlicher Bedeutung ist, entsteht die Geschichte ganz natürlich. Vor allem bei „Love – Die Dinosaurier“ wollten wir eine brutale und rücksichtslose Welt und in dieser von Freundschaft und Betrug erzählen. Der Rest kam dann von ganz alleine. love-interview-01Sobald ich die Geschichte dann in Form von großen Kapiteln geschrieben habe (so als ob ich einen Roman schreiben würde), schneide ich Szenen und Abschnitte Panel bei Panel. Federico realisiert das Storyboard, bevor er es mit Bleistift und Farbe umsetzt, ohne es vorher zu tuschen.

Bertolucci: Von einem etwas technischeren Standpunkt aus, was meine Arbeit als Zeichner betrifft, arbeite ich mittlerweile sehr viel mit dem Computer. „Eine kleine Reise“ ist zum Beispiel komplett digital entstanden.

Könnt ihr uns eine kurze Beschreibung eines typischen Arbeitstags geben? Oder gibt es so etwas wie einen typischen Arbeitstag gar nicht?

Bertolucci: Tatsächlich ist jeder Tag unterschiedlich, wenn man wie ich eine dynamische Familie mit zwei kleinen Kindern hat.

Brrémaud: Ein typischer Arbeitstag ist unmöglich. Ich bin nicht oft am gleichen Ort, da ich am Comer See und auf der Insel Noirmoutier lebe. Die Tage sind nicht notwendigerweise gleich. Und wenn ich auf der Insel bin, denke ich nur an Geschichten über das Meer. Jedenfalls ist die Organisation ziemlich chaotisch, doch es klappt ganz gut für Geschichten, die verschiedenen Genre zugeordnet werden können.

Bertolucci: Wenn meine Kinder in der Schule sind, beginne ich den Tag mit dem Lesen vom Script und dem Entwerfen vom Storyboard. Bei diesem Schritt benötige ich sehr viel Konzentration. Der nächste Schritt, nämlich das Konzipieren der Seiten, ist viel technischer und ich kann dabei bei guter Musik ein wenig entspannen.

Warum haben ihr euch dafür entschieden, mit Tieren als Protagonisten zu arbeiten? Welche Vor- und Nachteile seht ihr beim Verwenden von Tieren im Vergleich zu Menschen?

Bertolucci: Die Entscheidung, Tiere zu verwenden, steht in starkem Zusammenhang mit der Comicreihe „Love“. Die ersten sechs Bände von „Eine kleine Reise“ sind der Natur gewidmet, aber das bedeutet nicht, dass die zwei kleinen Hauptfiguren ihr nächstes Abenteuer nicht in einer viel menschlicheren Umgebung erleben könnten!

Brrémaud: Tiere und Natur inspirieren mich. Da ist etwas Poetisches und Unterhaltsames in ihrem Bemühen. Wir wissen nicht wirklich viel über sie. Zum Beispiel wissen wir fast nichts über die Instinkte von Tieren. Ein Tier ist fast ein wenig wie in Außerirdischer, der unter uns lebt. Warum erfinden wir also Trolle und Monster, wenn die seltsamsten Kreaturen schon längst unter uns weilen? Die Tierwelt ist extrem wichtig, aber ihr Potential wurde bis heute nicht genutzt. Sollten wir unser Verhalten gegenüber Tieren nicht ändern, könnten wir die nächste Spezies sein, die ausstirbt.

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Außerdem wuchs ich umgeben von Tieren und Tierherden auf. Ich bin auf einem Bauernhof im Westen Frankreichs großgeworden und als ich jünger war, habe ich Herden auf dem Pferderücken angetrieben. Ich glaube, dass diese Tierreihen meine Kindheit repräsentieren.
Kurz gesagt, die Natur sollte in unserem Leben eine zentrale Bedeutung haben, indem wir uns für sie interessieren und darauf achten, sie nicht weiter zu zerstören.

Bertolucci: Der Vorteil an handelnden Tieren ist es, dass man die menschentypischen sozialen Interaktionen nicht mit in Betracht ziehen muss. Da man ohne Worte auskommt, kann man Emotionen vereinfacht und direkter darstellen, die bei Menschen niemals so transparent gezeigt werden könnten. Ein Mensch kann mit seinen Worten etwas Positives ausdrücken, aber durch Gestik und Mimik im gleichen Moment das genaue Gegenteil darstellen.
Davon abgesehen haben Tiere beim Zeichnen den Vorteil, dass die Anatomie, vor allem bei Säugetieren, sich sehr ähnelt und sich nur die Proportionen der verschiedenen Knochen des Skelets ändern.

Wenn ihr uns einen Blick in die Zukunft gewähren, wo wird es den kleinen Hund und das kleine Eichhörnchen als nächstes hin verschlagen?

eine-kleine-reise-02Brrémaud: Bei „Eine kleine Reise“ haben wir bisher sechs Bände realisiert. Das Meer, den Wald, die Savanne, den Dschungel, die Farm und die Frühgeschichte. Ich denke als nächstes widmen wir uns den Tieren an der Küste. Mein Traum wäre es, auch von den Planeten zu erzählen. Wir werden sehen …

Bertolucci: Nach den Abenteuern im Wald, am Meer, im Dschungel und in der Savanne werden sich unsere kleinen Helden auf einer ländlichen Farm zwischen verschiedenen Haustieren wiederfinden und einen Trip in prähistorischen Zeiten wagen, wo sie Dinosaurier und sogar Steinzeitmenschen treffen.

Habt ihr bereits geplant, welchem Tier sich „Love“ als nächstes widmet? Oder habt ihr eine komplett neue Überraschung für uns im Ärmel?

Brrémaud: Bei „Love“ denken wir an die Tiefsee. Das ist eine seltsame Welt, die noch weniger erforscht ist als das Weltall, obwohl der tiefste Meeresgraben nur 11.000 Meter tief ist. Mit diesem Hintergrund wäre eine Geschichte über Haie und Kormorane spannend, aber auch Hirsche und Wölfe werden bei „Love“ nicht fehlen. Vielleicht irgendwo an der Küste von Vietnam …

Bertolucci: Außerdem arbeiten wir an etwas komplett neuem mit einer sehr aufregenden und mysteriösen Geschichte, die in zwei Abschnitte unterteilt und dann vermutlich als Sammelband veröffentlicht wird.
Diese Geschichte ist uns sehr wichtig und wir arbeiten bereits seit Jahren daran. Ende 2017 sollte sie bei dem französischen Verlag Glenat erschienen!

Zum Abschluss haben wir noch zwei persönlichere Fragen, die ihr natürlich nicht beantworten müssen! Wenn ihr für einen Tag lang jemand anders sein könntet, wer wäre das?

Brrémaud: Federico Bertolucci, um das Kinderzimmer mit zwei oder drei Tiere an der Wand zu dekorieren!

Was war der letzte Comic oder das letzte Buch, das ihr gerne gelesen habt und weiterempfehlen würden?

Brrémaud: Vor kurzem hatte ich die Gelegenheit, die italienische Version von „Das Upgrade“ von Sascha Wüstenfeld und Ulf S. Graupner zu lesen. Der Comic ist sehr stark!
Ansonsten habe ich gerade „Leutnant Blueberry“ von Giraud und Charlier beendet. Große Klasse!

[September 2016]

Federico Bertolucci, Frédéric Brrémaud: Eine kleine Reise … durch den Wald, Bd. 1. Popcom, Hamburg 2017. 32 Seiten, € 9,95
Federico Bertolucci, Frédéric Brrémaud: Eine kleine Reise … in die Savanne, Bd. 2. Popcom, Hamburg 2017. 32 Seiten, € 9,95
Federico Bertolucci, Frédéric Brrémaud: Love – Die Dinosaurier, Bd. 4. Popcom, Hamburg 2016. 80 Seiten, € 14,95