Mark Millar – der Comic-Punk

Mal ehrlich: Mark Millar ist kein einfaches Thema. Der schottische Star-Autor ist ein Großmaul und Zyniker und die Qualität seiner Produkte der Grund für so manche Saloon-Schlägerei. Aber Mark Millar verkörpert auch die Art von Künstler, die in unserer heutigen Zeit so schmerzlich fehlt. Ein Typ, an dem man sich reiben kann, ein Typ, dessen Werk einen regelrecht zu einer Auseinandersetzung zwingt. Eins haben die letzten Jahre nämlich deutlich gezeigt: Man kann Millar lieben, man kann ihn hassen, aber kalt lässt der eifrige Twitter-Nutzer niemanden.

© Luigi Novi / Wikimedia Commons

© Luigi Novi / Wikimedia Commons

Da ist es auch gut und richtig, dass Panini dem umtriebigen Künstler nun eine Werkausgabe spendiert, die „Mark Millar Collection“, jeder Band im Hardcover, garniert mit Bonus-Materialien. Den Anfang macht „Wanted“, eine Geschichte, die dank der stargespickten Hollywood-Adaption von 2008 einen finanziell extrem erfolgreichen Nachhall hatte.

ANFÄNGE

Aber erstmal zurück auf Anfang – ein kleiner Einblick in die Karriere des schillernden Ausnahmetalents:

Mark Millar wurde am 24.12.1969 in Cambridge, Schottland geboren und brach sein Studium nach einer Begegnung mit Übertitan Alan Moore ab, der Berufswunsch stand nun fest: Was Moore kann, kann ich schon lange, Millar wollte ebenfalls Autor werden und landete mit seiner Serie „Saviour“ beim britischen Anbieter Trident Comics seinen ersten Erfolg: Sein Debüt wurde zum finanziell erfolgreichsten Titel des Verlags.

Ab 1994 konnte Millar auf dem amerikanischen Markt Fuß fassen. Er heuerte zuerst bei DC an und schrieb unter anderem für die Reihen „The Swamp Thing“, „Justice League“ und „The Flash“, wechselte danach aber aufgrund „künstlerischer Differenzen“ zu Marvel und hinterließ hier unter anderem mit „Ultimate X-Men“, „Civil War“ (diente auch als Vorlage für den Film „The First Avenger: Civil War“ von 2016) und den Wolverine-Bänden „Staatsfeind“ und „Old Man Logan“ deutliche Spuren.

MILLARWORLD

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2004 gründete Millar sein Label „Millarworld“ auf dem er „Wanted“, „Chosen“, „The Unfunnies“ und „Kick-Ass“ veröffentlichte und mit dem er gleichzeitig auch eine Art Geschäftsmodell entwickelte: Kontroverse Brachial-Plots, leinwandtauglich erzählt. Die Rechnung ging auf: „Wanted“ (2008), „Kick-Ass“ (2010), „Kingsman – Secret Service“ (2014) wurden verfilmt, etliche weitere Stoffe von den Studios optioniert (einiges davon, wie z.B. „Chosen“ schmort allerdings seit Jahren in der development hell).

Sicher, man könnte sich nun zu Recht fragen, wieso man eigentlich überhaupt noch diese Comics lesen soll, wenn doch eh alles irgendwann mal auf der Leinwand landet, beziehungsweise eigentlich ja nur als Vorlage für diese Art von Zweitverwertung geschaffen wurde. Aber so einfach ist das dann auch nicht, denn Millar ist einerseits geschäftstüchtig, anderseits aber auch ein Querkopf, der vor nichts zurückschreckt und das ist nicht unbedingt kompatibel mit der immer braver werdenden amerikanischen Filmindustrie.

WANTED

Das Verblüffende: Obwohl mit Blick auf die Leinwand geschrieben, unterscheiden sich die Vorlagen und die Umsetzungen, zwar mal mehr und mal weniger, aber doch jedes Mal signifikant, Hollywood tat sich bisher eher schwer Millers kaltschnäuzigen „Leck Mich!“-Stil in millionenschwere Filme zu gießen und so lohnt sich ein Blick in „Wanted“ auch für all diejenigen, die die Adaption schon kennen. Erzählt wird die Geschichte von Wesley Gibson, einem stinknormalen Büroangestellten, der unter seinem Job leidet, von seiner Freundin mit dessen besten Freund betrogen wird; kurz: nicht unbedingt ein beneidenswertes Leben hat. Eines Tages erfährt Wesley, dass er der Sohn des legendären „Killers“ ist, einem Mitglied einer Vereinigung von Superschurken, die seit 1986 heimlich die Welt reagieren. „Killer“ wurde jedenfalls heimtückisch gekillt, Sohnemann tritt die Nachfolge an und versucht gleichzeitig auch den Mord an seinem Erzeuger aufzuklären.

markmillarcollection1wanted_hardcover_555„Wanted“ ist eine extrem schwarzhumorige, hyperzynische, regelrecht boshafte Action-Fantasy, die den Lesern regelecht ins Gesicht spuckt, deren Kompromisslosigkeit allerdings auch ihr großer Pluspunkt ist, denn Millar zwingt seinen Leser einen vergewaltigenden und skrupellos tötenden Helden auf, treibt die in Superhelden-Comics oft unterschwellig mitschwingenden, faschistoiden Allmachtsträumereien bis auf die dunkle Zugspitze und so ist man permanent hin- hergerissen zwischen Abscheu und Faszination. Natürlich handelt es sich bei der Geschichte deswegen noch lange nicht um eine moralphilosophische Abhandlung, sondern weit eher um transgressive Kunst im besten End-70er/Früh-Achziger-Modus, Comic-Punk.

Dass die Kino-Version im Endeffekt nur noch wenig mit der Vorlage zu tun hat, ist sicherlich zum einen dem Umstand zu verdanken, dass der Film bereits begonnen wurde, bevor das Comic fertig war, aber ähnlich wie auch später bei „Kick-Ass“ fand eine deutliche Verflachung statt oder anders formuliert: Hollywood zog den Schwanz ein und so ist der Leinwand-Wesley ein echter Symphatieträger, der, lediglich mit etwas ruppigeren Methoden als üblich, die Bösen bekämpft. Trotz Härten (der Film ist durchaus brutal) scheut man vor echter Grenzüberschreitung zurück, business as usual eben.

chrononautsdiezeitreisenden_softcover_177Doch zurück zum gezeichneten Bild: Als nächstes werden in der „Mark Millar Collection“ „Wolverine: Staatsfeind“, „Kick-Ass 1+2“ und „Hit Girl + Kick-Ass 3“ erscheinen, weitere Titel sind in Vorbereitung – einer Entdeckungsreise durch das wunderbare Universum eines ganz besonderen Künstlers steht nichts im Wege.

CHRONONAUTS

Zum Schluss noch ein weiterer Hinweis in Sachen Millar: Außerhalb der Werkausgabe ist auch noch seine aktuelle Arbeit „Chrononauts – Die Zeitreisenden“ erschienen – ein keck, freches Sci-Fi-Abenteuer über zwei Wissenschaftler, die ein Zeitreise-Experiment starten, sich dann aber nicht an die vorgesehene Route halten, sondern den wissenschaftlichen Durchbruch lieber für die Jagd nach massig Geld und schönen Frauen nutzen. „Chrononauts“ ist ein zackiger, schneller, unkorrekter Spaß, sicherlich nicht sonderlich tiefgängig, aber in seiner herrlichen Unbefangenheit wunderbar charmant. Natürlich hat Hollywood sich den Stoff gleich gekrallt, Ehrensache.

Mark Millar, J. G. Jones: Mark Millar Collection 1: Wanted. Panini, Stuttgart 2016. 196 Seiten, € 19,99

Mark Millar, Sean Murphy: Chrononauts. Panini, Stuttgart 2016. 124 Seiten, € 16,99