DIE SCHLÜMPFE KOMPAKT (und komplett)

Schluempfe_Kompaktausgabe_01_kleinPrinzipiell sollte man zwischen zwei „Schlumpfwelten“ unterscheiden: zum einen die seit Jahren oder gar Jahrzehnten andauerte Marketing-Maschinerie um die kleinen blauen Zwerge, die Kinofilme, Zeichentrick, die etliche schlumpfige Produkte und Gimmicks für eine vordergründig jugendliche Zielgruppe generiert (Stichwort Ü-Ei) und auf der andere Seite, die – nennen wir sie mal – Ur-Schlümpfe, die als „Nebenprodukt“ einer klassischen franko-belgischen Funny-Reihe auftauchten, dann in einer bemerkenswerten Eigendynamik und zum Erstaunen ihres Schöpfers zu einer eigenen Serie und Marke wurden, die zwar auch recht schnell in bewegten Bildern daherkamen, dabei aber immer unter dessen künstlerischer Kontrolle standen. Und genau von letzterem reden wir hier, wenn wir einen Blick auf die neue, aktuelle Kompaktausgabe der Schlümpfe werfen. Denn die enthält die ersten eigenständigen Schlumpfgeschichten aus der Feder Peyos, die ab 1963 entstanden und die seinerzeit als Erstveröffentlichung im Spirou-Magazin erschienen.

Apropos „Kompaktausgabe“. Guter Witz. Denn was toonfish hier unter diesem Titel abliefert, ist kein Sammelband im Kleinformat, wie die Bezeichnung vermuten lässt. Vielmehr haben wir hier eine opulente, waschechte Gesamtausgabe der Peyo-Storys mit den kleinen blauen Männchen, beinahe ziegeldick, die auf fast 300 (!) Seiten in ihrer Ausstattung kaum Wünsche offen lässt. Im Gegensatz zu den Einzelalben (inzwischen 34 an der Zahl, die ebenfalls bei toonfish vorliegen) ist hier auch tonnenweise hoch informatives und Comic historisches Zusatzmaterial enthalten – auf über 50 Seiten! Das bietet etliche Infos über den Werdegang des Schlümpfe Schöpfers Peyo, alias Pierre Culliford, immer in Verbindung mit seinen berühmtesten Figuren. Die waren anfangs Nebendarsteller seiner Serie „Johann und Pfiffikus“ (als Gesamtausgabe auch bei toonfish), wurden dann aber so populär, dass sie sich binnen weniger Jahre in den schöpferischen Vordergrund drängten. Ob Peyo das nun wollte oder nicht.

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Ihre ersten eigenständigen Auftritte, losgelöst von „Johann und Pfiffikus“, hatten die blauen Zwerge dann in den sogenannten Mini-Alben (ab 1959), die man als Schnittbögen aus dem Spirou-Heft entnehmen und selbst zusammen basteln konnte – eine Idee, die auch Rolf Kauka hierzulande übernahm, in dessen Publikationen die Schlümpfe erstmals deutsche Comic-Luft schnupperten. Die ersten grossformatigen Schlümpfe Abenteuer erschienen dann nach diversen dieser Mini-Alben und griffen deren Geschichten auf, die dafür neu gezeichnet und erweitert wurden. Trotzdem reichte das nicht zur Albumlänge. Die erste albenlange Story namens „Schlumpfissimus, König der Schlümpfe“ schlumpfte dann 1965, gefolgt von „Schlumpfine“ (La Schtroumpfette – das Original klingt viel besser) zwei Jahre später. Beide Alben sind in diesem Band enthalten. Neben sechs weiteren kürzeren Geschichten, die in den Anfangsjahren der Reihe entstanden (und die im Rahmen der Gesamtausgabe hier chronologisch zum Abdruck kommen).

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Die stetig wachsende Popularität der Schlümpfe und die Arbeit an seinen diversen anderen Serien (Johann und Pfiffikus, Pussy, Benni Bärenstark) blieben für Peyo nicht ohne Folgen. Da er alleine das erforderliche Arbeitspensum nicht länger aufbringen konnte, sah er sich nach Assistenten um. Und wie bei vielen franko-belgischen Studios entwickelte sich auch das Studio Peyo zu einer Brutstätte für Talente und aufstrebende Zeichner, die später selbst mit eigenen Serien Berühmtheit erlangten. Beispiele: Derib (Yakari, Buddy Longway), François Walthéry (Natascha) – beide noch blutjung (Walthéry war erst 17!), als sie als Assistenten bei Peyo begannen. Oder Gos, der später seine Serie „Kosmi“ zeichnen sollte. Auch sie sind im Sekundärteil bedacht, in zahlreichen Atelierfotos. Dazu kommen zeitgenössische Ankündigungen aus dem Spirou-Magazin oder Beispiele für die immer mehr werdenden Werbeaufträge. DAS Highlight aber ist die Erstveröffentlichung (in Originalgröße!) des ersten Schlümpfe Mini-Albums „Die schwarzen Schlümpfe“. Man sieht: wer bei den Einzelalben noch gezögert hat, kommt jetzt nicht mehr um einen Kauf herum. Die „Kompaktausgabe“ (wirklich ein gelungener Scherz!) wird vier Bände umfassen und damit alle Schlumpf-Abenteuer aus der Feder Peyos schlumpfen.

Peyo: Die Schlümpfe Kompaktausgabe Band 1. Toonfish/Splitter Verlag, Bielefeld 2016. 288 Seiten in Farbe, 39,95 Euro