JESSICA JONES 2 – Eine zerbrechliche Heldin

jessicajonesmegabandaliasband228von229_softcover_113Auf dem Cover des zweiten „Jessica Jones“-Megabands steht die Heldin noch etwas mehr im Fokus als auf dem ersten Band. War sie da noch in Seitenansicht bis zur Hüfte abgebildet, steht nun ihr Gesicht, das eine unheimliche Zartheit und vor allem Verletzlichkeit ausstrahlt, die man so vermutlich nicht unbedingt beim Hauptcharakter eines Superheldencomic aus dem Hause Marvel erwarten würde, voll und ganz im Mittelpunkt.

Und eben diese Verletzlichkeit ist das große Thema in beiden Hauptgeschichten („Die dunkle Seite“ und „Purple“) des umfangreichen Wälzers. Jones trägt im Kampf gegen eine Bande durchgeknallter Junkies heftige Blessuren davon, sie wird irrtümlicherweise sogar von den Avengers ins Krankenhaus geprügelt und final mit einem ihrer schlimmsten Alpträume konfrontiert: Der Purple Man, der dank spezieller Pheromone, die sein Körper produziert, seine Umgebung zu willenlosen Sklaven macht und die junge Frau auf diese Weise einige Monate in seiner Gewalt bekam, kehrt wieder zurück und hat auch ein Bewusstsein, das über die Heftseiten hinausreicht, denn – hier spielt Bendis geschickt mit dem Medium – dem brutalen, irren Schurken ist im Gegensatz zur Heldenfigur klar, dass er sich auf den Seiten eines Comics befindet, er weiß um die Konstruiertheit der Geschichte, weiß, dass die Titelfigur in erster Linie dazu existiert, um ein Produkt zu verkaufen, was ihn deutlich von den Bösewicht-Kollegen abgrenzt, allerdings ist es ein kleines bisschen schade, dass dieser Ansatz nicht wirklich weitergesponnen wird, dennoch: originell und irgendwie tatsächlich ein bisschen gruselig.

So gut die TV-Serie auch ist, gerade hier, im zweiten Band, wird das eigentlich Faszinierende am Charakter Jessica Jones besonders deutlich: Während im Fernsehen der Superheldenaspekt zu Gunsten von einem eher realistischeren Ansatz deutlich gedämmt wird, Jones „nur“ eine klassische Anti-Heldin mit gewissen übermenschlichen Fähigkeiten in einem relativ konventionellen Noir-Setting ist, ist sie im Comic ebenfalls eine klassische Anti-Heldin mit gewissen übermenschlichen Fähigkeiten, allerdings eine Anti-Heldin in einer Welt voller echter Helden (die zum Teil noch nicht mal vom Planeten Erde kommen). Der Kontrast zwischen der Figur und ihrer Umgebung ist in der gedruckten Version einfach steiler, der Comic wildert zwar weitaus mehr im Bereich der Fantasie, aber kehrt gleichzeitig das Ungewöhnliche und vor allem das Menschliche, das Zerbrechliche dadurch um einiges deutlicher hervor, was umso packender ist.

Brian Michael Bendis, Mark Bagley, Michael Gaydos, Rick Mays: Jessica Jones – Alias Band 2. Panini, Stuttgart 2016. 348 Seiten, € 29,00