Kunst-Kung-Fu: IRON FIST – ENDSPIEL

iron-fist-1Am 17.03.2017 geht die bisher alles in allem gut gelungene TV-Serien-Reihe von Marvel weiter: Nach „Daredevil“, „Jessica Jones“ und „Luke Cage“ donnert an diesem Tag die „Iron Fist“ über die Mattscheibe.

Iron Fist wurde zwei Jahre nach der Geburt von Luke Cage ins Leben gerufen und das aus einem ähnlichen Grund: Parallel zur Blaxploitation-Welle fluteten auch Martial-Arts-Filme die Kinos, Marvel wollte gerne auch auf diesen mit Volldampf brausenden Geldzug aufspringen und der nur wenige Monate zuvor entwickelte Chang-Chi kam gut an, warum also nicht noch einen Charakter mit Kung-Fu-Background? Und so schickte man den blonden, blauäugigen Daniel „Danny“ Rand ins Rennen, Sohn schwerreicher Eltern, der zum mit der magischen Kraft „Iron Fist“ ausgestatteten Kämpfer für das Gute wird. Allerdings blieb die Figur ebenso wie Kollege Luke Cage ein Held der zweiten Reihe, weswegen die beiden später, um sinkenden Verkaufszahlen zu begegnen, jede Welle ebbt schließlich irgendwann mal ab, die gemeinsame Serie „Heroes for Hire“ bekamen, was aber auch nicht so recht half, Iron Fist erreichte nie die Popularität anderer Kollegen aus dem selben Stall; bedauerlich, aber der Geldbeutel der Zielgruppe ist nun mal kein Fass ohne Boden.

Ebenso schade ist, dass Marvel die kommende TV-Serie nicht nutzt um einer alten Kritik zu begegnen: Genauso wie Luke Cage in der gedruckten Vorlage ein Klischee-Schwarzer war; ein Schwarzer, wie ihn sich Weiße eben vorstellen, wurde Rand als Weißer geschildert, der sich asiatischer Kultur bemächtigt und den Einheimischen mal zeigt, wo der Hammer hängt, der typische White-savior-Komplex eben, den die amerikanische Unterhaltungsindustrie bis heute nicht überwunden hat (man denke nur an „Last Samurai“ von 2003 oder den besonders fiesen „12 Years A Slave“ von 2013).

Dass man nun für die Titelrolle der kommenden TV-Serie zum Beispiel nicht etwa dem weltweit gefeierten Kampfkünstler Iko Uwais („The Raid“1+2), der sich bei diesem Thema förmlich aufgedrängt hätte, eine Chance gibt, sondern anstatt dessen den aus „Games Of Thrones“ bekannten, in Sachen Martial Arts völlig unbeleckten, Finn Jones an die Front schickt, ist, gerade weil Marvel selbst erst neulich mit „Luke Cage“ auf das absolut Vorbildlichste demonstriert hat, dass man Stoffe dieser Art auch ohne kolonialistische Dampfwalzen-Attitüde umsetzen kann, schlichtweg eine Enttäuschung.

Das soll im Umkehrschluss auch niemanden am Anschauen hindern, verantwortlich zeigt sich immerhin Scott Buck, ein preisgekrönter Showrunner, der schon Qualitätsserien wie „Six Feet Under“ oder „Dexter“ als Drehbuchautor und Produzent dienlich sein durfte und die bisher veröffentlichten Trailer sehen vielversprechend aus – es wäre nur, gerade in unserer heutigen, hochexplosiven Zeit, einfach wünschenswert, wenn vor allem die Unterhaltungsindustrie ihre nicht zu unterschätzende Macht nutzen und viel, viel mehr auf Diversität setzen würde und so begreiflich machen könnte, dass das Fremde nichts, aber auch gar nichts ist, wovor man sich fürchten muss.

ironfist1softcover_softcover_291Um sich schon mal auf den Serienstart einzustimmen wurde von Panini „Iron Fist – Endspiel“ in die Läden gestellt, enthalten sind die Geschichten „Civil War: Choosing Sides“ und „The Last Iron Fist Story“ (1-6) aus den Jahren 2006 und 2007. Der Band setzt kurz nach dem Civil War an, Danny Rand hat sich der Registrierungspflicht für Superhelden verweigert und ist nun auf der Flucht vor der Regierung, hat aber auch an anderer Front Probleme, denn seine Firma soll von der Terrororganisation Hydra übernommen werden, zusätzlich scheint ein mysteriöser Fremder seine „Iron Fist“-Kraft anzuzapfen.

Der von den beiden Story-Profis Ed Brubaker („Captain America“) und Matt Fraction („Sex Criminals“) geschriebene Band eignet sich vorzüglich zum Einstieg für Neulinge: Die beiden Autoren legen eine zeitgemäß düstere, relativ geerdete Geschichte vor, die wunderbar den immer leicht pathetischen Tonfall der Kung-Fu-Film-Vorbilder trifft, allerdings nicht gradlinig von Start bis Ziel durchläuft, sondern immer wieder von Einsprengseln unterbrochen wird: So erfährt man unter anderem wie Rand zum Superhelden wurde und dass er damit in einer langen Traditionslinie steht, vor ihm gab es bereits eine Reihe weiterer Eisenfäuste (deren Hintergründe in Einzel-Ausgaben innerhalb der US-Reihe vertieft wurden, es ist zu hoffen, dass es diese auch nach Deutschland schaffen), was dem ganzen Mythos eine wunderbar epische Dimension verleiht, allerdings auch dafür sorgt, dass der Band mit all diesen vielen Figuren ein bisschen überfüllt wirkt.

Macht nichts, man wird trotzdem blitzschnell in die Geschichte gebeamt, denn was „Endspiel“ so richtig zum Pflichtkauf macht, sind die sagenhaften Zeichnungen von David Aja („Daredevil“, „Hawkeye“), der, unterstützt von diversen Kollegen, so richtig Vollgas gibt und einen mit unheimlich fein gezeichneten Bildern, die vor lauter tollen Einfällen nur so wimmeln, sofort an den Seiten kleben lässt. Besonders erwähnenswert sind die Kampfszenen, die nicht wie sonst üblich als komplette, dynamische Sequenzen realisiert, sondern in zeitlupenartige Fragmente zerlegt werden, in denen jeder Treffer von Danny (egal ob auf Gegenstände oder auf Körper) mit einem gelb umrandeten, komplett orangenen Kreis akzentuiert wird, ein kleines bisschen erinnert das an die in Actionszenen plötzlich auftauchenden Röntgenaufnahmen in Filmen wie „Story Of Ricky“ (1991) oder „Resident Evil: Retribution“ (2012).

Klar, vielleicht handelt es sich bei „Iron Fist – Endspiel“ nicht um den originellsten Superhelden-Comic aller Zeiten, aber mit Sicherheit gibt es nur wenig Kandidaten, die mehr Style pro Seite anbieten – echtes Kunst-Kung-Fu eben.

Eine Leseprobe gibt es hier.

Ed Brubaker, Matt Fraction, David Aja, Sal Buscema, Travel Foreman, Russ Heath Jr., John Severin: Iron Fist – Endspiel. Panini, Stuttgart 2016. 164 Seiten, € 16,99