XCT – Kein Aids, kein Krieg. Nur noch Party, Drogen und Sex.

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xctIn einer vermeintlich heilen Welt, bereinigt von Waffen, Aids und vielen anderen Schreckgespenstern der Zivilisation, leben alle Jugendlichen in ihrer eigenen Stadt, in XCT. Dort bestimmen nicht Kordpolstermöbel und Hirschgeweihe das Alltagsbild, sondern Drogen, Sex, laute Musik und natürlich jede Menge wilde Partys. Corky ist Teil dieses blühenden Lebens. Jedenfalls bis zu jenem schicksalhaftem Tag, der mit einer üppigen Fotoretusche ihrer Oberweite beginnt und einem spektakulären Feuerwerk endet…

XCT“, der vierte Band der Wuerz-Werkausgabe, überrascht vor allem damit, wie vielfältig die Themen und die Präsentation der langjährigen, künstlerischen Liaison von Amok-Autor Kopp und Guerilla-Grafiker Wuerz daherkommen. Lediglich der mit Insider-Gags und schrulligen Referenzen gespickte Humor erinnert manchmal ein wenig an die charmante Rock’n-Roll-WG aus „Lula & Yankee“. Timos unverkennbare Bildsprache gibt sich in „XCT“ aber deutlich greller und bunter als im Erstlingswerk „Aaron & Baruch“.

Die launige Kombination aus überdrehter Action-Comedy im Geist der Neunziger und dezenten Anklängen eines Polit-Thrillers wirkt erstaunlich frisch und unverbraucht. Das liegt inhaltlich vor allem daran, dass der immer wieder harsch kritisierte Lobbyismus zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung für viele Leser vermutlich noch in den Bereich medikamentös verstärkter Verschwörungstheorien fiel. Rekapituliert man die öffentliche und mediale Kritik an Lebensmittelkonzernen oder der Pharma-Industrie in den letzten Jahren, wirkt „XCT“ amüsanterweise gleichermaßen prophetisch wie hämisch.

Auch wenn vereinzelte, regenbogenfarbene Fraktal-Unfälle den Betrachter schmerzhaft an die Covermotive von Dancefloor-Maxis aus der wohl düstersten Epoche der Populärmusik erinnern, war die Optik des inzwischen „retro-futuristischen“ Comics ihrer Zeit weit voraus. Die Verwendung digitaler Unschärfen- und Lichteffekte hat erst in den letzten fünf bis sechs Jahren nachhaltigen Einzug in das Medium gehalten und ist beinahe ausschließlich in Verbindung mit digital entstandenem Bildmaterial anzutreffen. Hochqualitative Malereien, die nach dem Scannen so veredelt werden, findet man sonst ausgesprochen selten, vielleicht noch bei den Werken des virtuosen Richard Isanove („Der Dunkle Turm“).

„XCT“ ist ein tolles, eigenständiges und ein trotz seines Alters bemerkenswert unverbrauchtes Comicabenteuer, das leichteren Zugang als das geniale aber sperrige „Aaron & Baruch“ bietet und deutlich populärere, greifbarere Themen als das charmant-spezielle „Lula & Yankee“. Gemeinsam mit der Hochglanz-Fantasy „Ghost Realm“, deren zweiter Band im kommendem Frühjahr erscheinen soll, bietet Corkys wilder Trip durch XCT den besten Einstieg in Timos Gesamtwerk. Alte Hasen erfreuen sich darüber hinaus nicht nur an der hochwertigen Verarbeitung des Hardcover-Bandes, sondern vor allem am extrem opulent ausgefallenem Bonus-Material, das eine spannende Zeitreise zur ursprünglichen Produktion bietet.

Niki Kopp, Timo Wuerz: XCT. Popcom, Hamburg 2016. 112 Seiten, € 16,00