IRON FIST – Eiserne Langeweile

iron-fist-bg

Ach herrje, es hätte so schön sein können. Marvel trumpfte seit 2015 mit den jeweils ersten Staffeln zu „Daredevil“, „Jessica Jones“ und „Luke Cage“ im TV-Serien-Bereich nicht nur so richtig auf, sondern ließ auch die hauseigenen Kinofilme ganz schön alt aussehen. Endlich nahm man die Vorlagen ernst und adaptierte sie in würdiger Form – das heißt, es wurde nie die ganz große Oper à la Christopher Nolan ausgepackt, aber man wirtschaftete die jeweiligen Stoffe halt auch nicht zu generischen Einheitsbrei runter, sondern präsentierte individuelle, smarte Ansätze mit einem klaren Profil.

Allerdings verursachte bereits die zweite Staffel von „Daredevil“ leichtes Magengrummeln, da man die wunderbare Ausgewogenheit des Einstiegs zu Gunsten der in der heutigen Film und Serienproduktion leider so üblichen Überwältigungsdramaturgie opferte: Es wurden noch mehr Figuren und noch mehr Handlungsstränge reingepackt, was zur Folge hatte, dass der Held in seiner eigenen Serie zusehends zur – unsympathischen – Nebenfigur mutiert und der zweite Anlauf unentschlossen zwischen verschiedenen Charakteren, Plotpunkten und auch Tonlagen hin- und herwaberte. Also doch nicht alles blau am Marvel-Serien-Himmel? Leider nein – mit „Iron Fist“ legt die amerikanische Comic-Fabrik den ersten kompletten Bauchplantscher im Serienpool hin.

iron-fist-netflix

Bereits im Vorfeld wurde für Unmut gesorgt, weil Marvel hier erstaunlicherweise nicht – wie beim so gelungenen Einstand von „Luke Cage“ – die Chance nutzte einer alten Kritik zu begegnen, sondern den kolonialistischen Kurs beibehielt: Auch die TV-Serien-Inkarnation von Danny Rand sollte ein Weißer werden, der sich asiatischer Kultur bemächtigt um zum Vorzeigeasiaten zu werden. Erschwerend kam noch dazu, dass man sich aus rätselhaften Gründen entschloss, den in Sachen Martial Arts völlig unbeleckten, davor vor allem aus „Game Of Thrones“ bekannten, Finn Jones die Hauptrolle zu geben. Wer an die zahlreichen Versuche denkt, amerikanische Darsteller als Kampfprofis zu inszenieren (besonders dankbares aktuelles Beispiel ist da natürlich Keanu Reeves) erstarrte in Grauen und das mit Recht, denn leider ist es auch tatsächlich Jones den man getrost unter einer klassischen Fehlbesetzung verbuchen kann. Man glaubt dem britischen, unheimlich soft wirkenden Mimen zu keinem Moment, dass dieser jahrelanges, beinhartes Kampftraining in einem Kloster hinter sich hat und wenn die sporadischen Actionszenen reinpurzeln wird die Ungläubigkeit auch bestätigt, denn dann sind die typischen, jederzeit choreographiert wirkende Tänzchen angesagt, die (fast) immer angesagt sind, wenn Amerikaner einen auf Martial Arts machen – man wähnt sich zuweilen in einer 1980er-Jahre-Cannon-Produktion mit dem damaligen Ninja-Posterboy Michael Dudikoff. Das wiegt umso schwerer, weil die aus Singapur stammenden Landsmännin und Wushu-erfahrene Jessica Henwick als Colleen Wing den Quasi-Sidekick gibt und in den körperlichen Auseinandersetzungen eine weitaus bessere Figur macht. Gerade angesichts dieser Verteilung muffelt Marvels Umgang mit dem Stoff schon ziemlich.

Aber gut, Action ist nicht alles, vielleicht taugt ja der Inhalt? Hier stellt sich eine Ernüchterung ein, die man vielleicht nicht unbedingt so ganz auf dem Schirm hatte. Als Showrunner fungiert Scott Buck, der mit Drehbücher für unter anderem „Six Feet Under“ (2002 – 2005) oder „Rom“ (2005- 2007) durchaus beachtliche Credits vorweisen kann, allerdings schon als Showrunner der letzten drei Staffeln von „Dexter“ (2006 – 2013) ordentlich Kritik einstecken musste, hier allerdings auf ganzer Linie abstürzt.

iron_fist

„Iron Fist“ bildet auf inhaltlicher Ebene eine Art Gegenpol zur völlig überfrachteten zweiten Staffel von „Daredevil“, denn hier wird ein Nichts an Plot (Danny Rand gegen die Verbrecherorganisation „Die Hand“, oder noch kürzer: Rand vs. Hand) auf sagenhafte 13, fast immer die 50-Minuten-Marke sprengende Episoden aufgeblasen (okay, vorab wurden nur sechs Episoden gezeigt, aber es wäre schon eine ironfistgroße Überraschung, wenn da noch eine wesentliche Besserung eintritt). Allein die ersten zwei Stunden drehen sich um nichts anderes als um die Frage, wie der enervierend gute und edle, nach jahrelanger Abwesenheit heimgekehrte Danny Rand es schafft zu beweisen, dass er Danny Rand ist. Sicher, die Zeit wird auch dazu genutzt um weitere Figuren an den Start zu bringen, aber diese beschränken sich auf Abziehbilder, die keinerlei Eigenleben entwickeln: Da gibt’s den öligen Businessfritzen mit Papa-Komplex, die knallharte Businessfrau mit Herz, den strengen, leicht psychotischen Erzeuger der beiden, zwischendurch stolpert auch mal wieder Claire Temple rein, um eine Verbindung zu den anderen Serien zu schaffen und so weiter und so fort, alles wirkt unverbunden, ohne jede Dynamik, flach wie eine Flunder. Während die drei genannten Serien-Kollegen mit lebendigen, ambivalenten Charakteren (besonders schönes Beispiel: der grandios geschriebene und von Vincent D’Onofrio aufs Wunderbarste dargestellte Kingpin) auftrumpfen und ihren, im Kern sicherlich ähnlich schlichten, Plots einen gewissen Mehrwert mitliefern (wie dem „female empowerment“-Aspekt in „Jessica Jones“), den man entsprechend goutieren kann oder halt auch nicht, dreht sich’s in „Iron Fist“ im Endeffekt tatsächlich ausschließlich darum, dass ein blonder Strahlemann fiesen Asiaten auf die Omme haut.

Natürlich, nicht jede Serie muss komplex und tiefgründig sein, es spricht nicht das Geringste gegen einfache, gradlinige Unterhaltung, aber vor allem hier sollte dann auch das Timing stimmen, man braucht zum Beispiel keine gefühlte 47 Stunden Anlauf um zwei Figuren wie Rand und Wing zusammenzuführen, bei denen eigentlich schon nach 10 Minuten klar ist, dass die beiden demnächst gemeinsam böse Buben verkloppen oder anders formuliert: Wenn Du nichts zu sagen hast, fass Dich kurz.

Leider passt sich diesem Flachland auch die gestalterische Seite an: Obwohl bei den Episoden-Regisseuren sogar Namen wie John Dahl aufploppen, ist – passend zum Inhalt – weitgehend ästhetisches Flachland angesagt, „Iron Fist“ fühlt sich nicht nur auf inhaltlicher Ebene an wie eine Serie aus den Frühneunzigern, kein Vergleich zum kunstvoll gewebten „Luke Cage“ oder dem tollen Noir-Look von „Daredevil“, sie sieht auch entsprechend aus.

Es schmerzt wirklich sehr, man hätte so viel draus machen können, die Möglichkeiten müssten die Verantwortlichen regelrecht angesprungen haben, warum man trotzdem zielsicher ins Töpfchen mit dem braunen, streng riechenden Inhalt gegriffen hat, ist ein einziges Rätsel.