JAMES BOND 007: EIDOLON – Ein eisenharter Thriller

Es ist schon unfassbar mit welcher Konsequenz der wohl bekannteste Geheimagent der Welt 2016 einen Comic-Neustart hingelegt hat. Anstatt sich, wie bei Franchisen oft üblich, sklavisch an die Kino-Vorlage zu klammern, den einfachen Weg zu gehen und einen klassischen Tie-in-Comic zu produzieren, ignorierte man mit „Vargr“ die aktuelle Entwicklung der Filmreihe größtenteils und wanderte zurück zu den Wurzeln, zu den Romanen, zu Bond-Erfinder Ian Fleming und schickte einen Agenten ins Rennen, gegen den selbst Daniel Craigs völlig zu Recht gelobte, kantige Leinwand-Version des Charakters wirkt wie ein kleines, weinerliches Schulmädchen.

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reguläre Ausgabe

Der Bond von Star-Autor Warren Ellis ist – ganz im Sinne des Schöpfers – eine charismatische, durchaus charmante, aber auch arrogante, eiskalte, brutale, absolut gnadenlose Kampfmaschine im Dienste ihrer Majestät mit kaum zu leugnenden Hang zum Sadismus. Ein ambivalenter Charakter, wie er im Buche steht: Sicherlich ein Held, der Gutes tut, aber das oftmals mit (ziemlich) bösen Mitteln, was einem Zeichner Jason Masters mit drastischen Gewaltdarstellungen eindrücklich vor Augen führt. Das hat natürlich den Nachteil, dass Bond in dieser Variante nicht so wirklich als Identifikationsfigur taugt, anderseits ist es gerade die totale Zwiespältigkeit dieser Figur, die dem Geschehen einen nicht unbeträchtlichen Reiz verleiht. Auf der einen Seite greift Bond in „Eidolon“ sogar zum Teppichmesser und fängt, zusammen mit einem Geheimdienstmitarbeiter, an, einen festgesetzten Bösewicht zu häuten, weil dieser nicht reden will, auf der anderen Seite versteht man, dank attraktivem Äußeren und trockenem Witz, durchaus, dass die Ladys, wie in diesem Fall eine rothaarige MI6-Mitarbeiterin mit dem abenteuerlichen Namen Cadence Birdwhistle, auf den granitharten Agenten fliegen.

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limitierte Ausgabe

Inhaltlich ist „Eidolon“ noch reduzierter als „Vargr“: 007 muss gegen ein Gruppe zurückgelassener SPECTRE-Agenten antreten, deren zentraler Mann der entstellte Kriegsheld Becket Hawkwood ist, dessen Motiv – anders als bei Kurjak in „Vargr“ – allerdings reichlich weltlicher, regelrecht profaner Natur ist: „Ich bin nicht kompliziert. Ich habe keinen gigantischen Superschurkenplan. Ich will einfach nur bezahlt werden.“ Das er das natürlich nicht wird, ist klar, entscheidend bei Bond-Geschichten ist wie immer das wie und der zweite Band fächert einen ungemein ökonomisch durcherzählten, realistisch wirkenden Thriller auf, in dem kein Panel zuviel, kein Satz überflüssig erscheint – ein bisschen fühlt sich „Eidolon“ im Verhältnis zu „Vargr“ wie „Liebesgrüße aus Moskau“ (1963) zu „Dr. No“ (1962) an, beides klassische Agententhriller, aber der zweite Film ist trotzdem noch einen Tick geerdeter als der erste (was sich ebenfalls in den unterschiedlichen Bösewichten manifestiert) – Klassiker sind sie aber mittlerweile beide und es würde nicht überraschen, wenn die zwei Bände von Ellis und Masters eines Tages den selben Status haben.

Eine Leseprobe findet sich hier.

Warren Ellis, Jason Masters: James Bond 007 – Eidolon. Splitter, Bielefeld 2017. 152 Seiten, € 19,80 (reguläre Ausgabe)

Warren Ellis, Jason Masters: James Bond 007 – Eidolon. Splitter, Bielefeld 2017. 176 Seiten, € 34,80 (limitierte Ausgabe mit Bonus-Material)