LOGAN – Abschied mit einem großen Knall

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Die Wolverine-Figur ist exemplarisch für das, was mit den Superheldenfilmen in den letzten Jahren im Großen und Ganzen schief lief (Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel). So groß die Freude über die erstaunlich smarten, ersten beiden X-Men-Adaptionen Anfang 2000 auch war, die 20th Century Fox bügelte die Reihe langsam aber sicher zu Gunsten von maximaler Massenkompatibilität auf glattes, seelenloses Augenpopcorn runter, der absolute Tiefpunkt erschien 2016 mit dem überlangen Krawall-Gedröhne „X-Men – Apocalypse“, vom einstigen Charme und Hintersinn der Reihe keine Spur mehr.

Das eigentlich Schlimme: Natürlich, der Erfolg ist ungebrochen groß, aber gleichzeitig gab man auch alten Vorurteilen gegenüber Superheldencomics (schlichte, immergleiche Unterhaltung für einfache Gemüter) neue Nahrung und es mutet nicht ganz unironisch an, dass ausgerechnet Marvel, die ihre hauseigenen Kinoproduktionen in den letzten Jahren ähnlich zur Stangenware runtergewirtschaftet hatten, überraschenderweise mit guten bis exzellenten TV-Serien („Jessica Jones“, „Luke Cage“, „Daredevil“) ab 2015 vorführten, dass auch Stoffe dieser Art auf formaler und inhaltlicher Ebene interessant sein können ohne dabei je an Unterhaltungswert zu verlieren.

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Die enorm populäre Wolverine-Figur litt wohl am deutlichsten unter der panischen Angst der Studiobosse, die für das Kino ausgegebenen Dollar-Berge nicht mehr wieder reinholen zu können. Zwar fand man mit Hugh Jackman die Idealbesetzung, zwar war das Leinwanddebüt in den ersten beiden „X-Men“-Filmen durchaus akzeptabel, aber man spürte schon damals ein bisschen, dass die Verantwortlichen sich scheuten den, 1974 von Roy Thomas, Len Wein und John Romita Jr. ersonnenen, Anti-Helden die Krallen wirklich voll ausfahren zu lassen. Und leider setzte sich dieser Trend verstärkt fort: Aus dem harten, coolen, aber auch ambivalenten, innerlich total zerrissenen Helden wurde in den folgenden Filmen ein weicher, romantischer Pappaufsteller, ein netter Typ ohne Ecken und Kanten. Dessen war sich auch Darsteller Hugh Jackmann bewusst, der nicht müde wurde, zu betonen, dass er gerne mal einen Wolverine-Film drehen wolle, der der Vorlage nahe kommt, allerdings steht hier die von den Studios gewünschte, weil finanziell lukrativste Altersfreigabe (PG-13, für Kinder und Jugendliche freigegeben) im Wege, eine Wunschfassung wäre ohne ein R-Rating (für Kinder und Jugendliche zwar auch freigegeben, aber die Begleitung von Erwachsenen ist Vorschrift) nicht machbar.

Was auch immer das Studio umschwenken ließ, einige Quellen berichten, der überraschende Erfolg von „Deadpool“ (2016) war verantwortlich, andere Quellen sagen aus, dass das Projekt schon lange davor als R-Rated-Film geplant war, Hugh Jackman sogar auf einen Teil seiner Gage verzichtet habe, um sicherzustellen, dass man wenigstens dieses Mal, bei seinem letzten Auftritt als Klauenschwinger, aus dem Vollen schöpfen könne, es hat sich gelohnt – „Logan“ ist nicht nur der beste Marvel-Film überhaupt, sondern ganz einfach grandioses Big-Budget-Kino, dass sich mit Selbstbewusstsein von den so ermüdenden Effektshows der Konkurrenz absetzt.

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Das neuste Wolverine-Abenteuer stellt inhaltlich eine Mischung aus „Old Man Logan“ (2008-2009), „X-Men Mutant Massacre“ (1986) und „X-23“ (2006-2011) da und kommt verblüffend schlank und geerdet daher, auf das in den letzter Jahren so beliebte Vortäuschen von epischer Komplexität, wird komplett verzichtet, James Mangolds Film fühlt sich deutlich intimer an, wandelt schon auf der Grenze zum Charakterdrama: Im Jahr 2029 sind Mutanten fast ausgestorben. Ein gealterter, schwer mit seinen inneren Dämonen kämpfender Logan verdingt sich an der mexikanischen Grenze als Limousinenfahrer, Gesellschaft leisten ihn bei seinem tristen Dasein nur ein dementer, pflegebedürftiger Professor X und der lichtscheue Caliban. Doch die gleichförmigen Tage finden ein jähes Ende als ihm eine mysteriöse Frau bittet auf ein kleines Mädchen namens Laura aufzupassen. Der knurrige Wolfman hat natürlich nicht die geringste Lust, die Bezahlung ist aber hoch und die Aussicht auf einen angenehmen Lebensausklang verlockend. Doch natürlich sind auch andere hinter dem Mädchen her und so flieht das Trio bald durch ein Amerika der Zukunft, stets auf der Flucht vor skrupellosen Häschern…

Man glaubt kaum, dass James Mangold ebenfalls für den schwer durchwachsenen, zahnlosen „Wolverine – Weg des Kriegers“ verantwortlich war, offenbar hatte der Regisseur dieses Mal tatsächlich carte blanche. Nicht nur, dass schon nach wenigen Minuten eine Gangsterbande vom wahnsinnig schlecht gelaunten Helden blutigst auseinander genommen wird und Professor X flucht wie ein ganzes Bataillon Matrosen auf Landurlaub, die wohl größte Überraschung ist, dass die mittlerweile so übliche Überwältigungsdramaturgie von Filmen dieser Preisklasse (auch für „Logan“ wurden immerhin satte 127 Millionen Dollar ausgegeben) ausbleibt und sich ein finsteres, ruhiges, reduziertes Roadmovie entfaltet, das bunte Kostüme sowie zerstörte Städte und anderen Effektbrimborium komplett stecken lässt, sondern anstatt dessen Charaktere aus Fleisch und Blut in den Mittelpunkt stellt, die verzweifelt ums Überleben kämpfen müssen und das gerät – nicht nur für einen Superhelden-Film – verblüffend intensiv: Spätestens wenn in eine der überraschend wenigen, dafür aber jedes Mal eindrucksvollen Actionszenen die kleine Laura eine Gruppe schwer bewaffneter Bösewichte in ihre Einzelteile zerlegt (was anders als zum Beispiel in „Kick-Ass“ in keinem Moment als Comedy inszeniert ist), dürften im Zuschauerraum Augen und Münder offen stehen: Hier ist definitiv Schluss mit lustig! Man wähnt sich stellenweise fast schon in einem der grenzüberschreitenden Splatterfilme der 80er-Jahre.

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Doch auch wenn „Logan“ erstaunlich hardcore daherkommt, es sich wohl um die brutalste Mainstream-Comicverfilmung aller Zeiten handelt, ist die Gewalt ein auf narrativer Ebene tatsächlich motiviertes Stilmittel, dass niemals in Sensationalismus oder gar Zynismus abgleitet, sondern zur Intensivierung eines Standpunkts dient: Im Film meint Logan an einer Stelle, in Bezug auf die von Laura so geliebten X-Men-Comics, dass das hier die reale Welt ist und in dieser Welt hat Gewalt Konsequenzen, sterben Menschen. Und es ist gerade diese Fleischlichkeit, diese Distanz zur verhuschten Offscreen- oder zumindestens durch Augenzwinkern deutlich abgemilderte Gewalt der Kollegen, die „Logan“ auch eine immense emotionale Fallhöhe verleiht: Hier geht’s um die sprichwörtliche Wurst und da Logan und seine kleine Ersatzfamilie zudem auch extrem herbe Rückschläge einstecken müssen, ist regelrechtes Mitzittern angesagt, es ist selten, dass ein Superheldenfilm einen auf eine solch emotionalen Achterbahn schickt.

Das in den Haupt- und Nebenrollen glänzend besetzte und gespielte Mutanten-Abenteuer wirkt ein bisschen wie aus der Zeit gefallen und in der Tat macht James Mangold auch keinen Hehl draus, wo seine Vorbilder liegen. So guckt Professor X im Hotelzimmer mit nostalgischem Glitzern in den Augen den Westernklassiker „Mein Freund Shane“ (1953) und Hugh Jackmann erinnert mit seiner knurrigen, schlecht gelaunten Art, hinter der man den weichherzigen Kern aber durchaus erahnen kann und der a man’s got to do what a man’s got to do-Attitüde, noch mehr als sonst an den Clint Eastwood der 1970er-Jahre, aber es ist gerade diese Oldschool-Mentalität, die „Logan“ so mitreißend und erfrischend wirken lässt.

P.S.: Soeben trudelt die Meldung ein, dass nicht nur Hugh Jackman, sondern auch Patrick Steward (Professor X) die Reihe verlässt – kein Wunder, nach so einem Film wird es schwer, nachzulegen.

„Logan“ startet am 2. März 2017 im Kino und wurde von James Mangold inszeniert. Mit dabei sind Hugh Jackman (als Wolverine), Patrick Stewart (als Charles), Dafne Keen (als Laura) und Boyd Holbrook als Pierce. Abb.: © 20th Century Fox.

Überblick: Wolverine im Kino

– X-Men (2002)
– X-Men 2 (2003)
– X-Men: Der letzte Widerstand (2006)
– X-Men Origins: Wolverine (2009)
– X-Men – Erste Entscheidung (2011)
– Wolverine – Weg des Kriegers (2013)
– X-Men – Zukunft ist Vergangenheit (2014)
– X-Men – Apocalypse (2016)
– Logan (2017)