Comic Festival München 2017 oder „Wenn Wünsche Wirklichkeit werden“!

cfm17Vorab ein Geständnis: Obwohl ich mich schon seit frühster Kindheit für das Medium Comic interessiere, ohne Ende Comics und ziemlich viel über Comics gelesen habe, war ich bis zum letzten Jahr noch nie auf einer Veranstaltung, die in irgendeiner Form etwas mit Comic zu tun hat. Warum? Tja… ich wünschte, ich hätte eine Antwort.

Letztes Jahr fand dann zum ersten Mal die „Comic Con Germany“ statt und da Stuttgart direkt vor meiner Haustüre ist, war der Fall klar: „Jetzt musste aber mal hin, Mensch!“ – Doch die Enttäuschung war groß – um Comic ging es nur am Rande, irgendwelche Sternchen aus TV-Serien standen im Vordergrund und sollten in Kombination mit planlos zusammengestellten Verkaufsständen in erster Linie zu nicht immer ausgewogenen Tauschgeschäften verführen – man gab zum Beispiel 30 € und erhielt dafür eine Unterschrift von einem Menschen, der vor über 50 Jahren mal mit Lassie durch die Botanik rannte. Nun ja. Meine Eindrücke hielt ich jedenfalls an dieser Stelle fest und erntete dafür an vereinzelten Plätzen im Internetland sanfte Kritik, die man etwa mit „Was haste denn erwartet? Alles völlig normal“ zusammenfassen kann, was mich tatsächlich ein bisschen verunsicherte. Hatte ich mir wirklich zuviel oder womöglich das komplett Falsche erhofft?

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Da Erfahrung meist irgendwann in maximaler Weisheit resultiert, beschloss ich ein zweites Event aufzusuchen und das bekannte und etablierte „Comic Festival München“ erschien mir als gute Wahl. Leider konnte ich nur an einem Tag (es war der Samstag) hin, aber dieser eine Tag brachte mir die Erkenntnis, dass ich wohl doch nicht im Glücksbärchiland lebe: So, aber auch EXAKT SO hatte ich mir letztes Jahr eine Veranstaltung vorgestellt, die das Wort „Comic“ im Titel trägt.

Schon am Eingang – das Festival findet seit 2015 in der Alten Kongresshalle statt – fiel die entspannte Lässigkeit auf: Die überwiegend jungen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen waren freundlich, enthusiastisch und beantworteten mit einer Engelsgeduld jede noch so abenteuerliche Frage eines schwer alternden Redakteurs („Entschuldigung! Können Sie mir bitte sagen, wo die Toilette ist?“ – „Sehen Sie die Tür direkt vor Ihnen? Die mit der Aufschrift WC“? – „Ja…?“ – „Da geht’s zur Toilette! – „Ah! Vielen Dank!“).

Drinnen fiel mit ein weiterer Unterschied zu meiner letztjährigen Entjungferung in Sachen Comichappenings auf: Man musste keine gefühlte Halbtageswanderung einlegen um zum im Veranstaltungstitel angekündigten Thema zu kommen, nein, man war sofort umringt von… Comic! Auf zwei Etagen boten allseits bekannte und (mir) unbekannte Verlage ihre Ware an, zeichneten Zeichner oder plauderten gut gelaunte, oft dick mit Beute bepackte Fans miteinander. Alles fühlte sich wunderbar heimelig an, man spürte einfach in jeder Sekunde, dass hier zwar Geld verdient werden sollte (woran schließlich absolut nichts Verwerfliches ist, auch der Comic brauch sein täglich Brot), aber eben nun mal der Gedanke im Vordergrund stand, eine Plattform zum Austausch für Gleichgesinnte anzubieten.

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Natürlich war Verkauf und Plauderei nicht alles, es gab ein umfangreiches Rahmenprogramm mit Zeichenkursen, der Verleihung des Münchner Comicpreises „Peng!“ (eine Übersicht der Preisträger findet sich hier) und jede Menge Vorträge, Lesungen, Präsentationen und Künstlergespräche. Ich nahm insgesamt vier Angebote dieser Art wahr, von denen kurioserweise drei etwas mit dem Thema „Altern“ (siehe Selbstbeschreibung weiter oben) zu tun hatten. Ralph König erzählte offen, charmant und witzig von seiner Karriere, von verpassten Chancen, vom gagaesken deutschen Jugendschutz, von Winterdepressionen und, ja, vom Älterwerden, was auch Thema seines am 23.06.2017 erscheinenden Buchs „Herbst in der Hose“ sein wird. Überraschend war vor allem die Erkenntnis, dass auch für einen hypererfolgreichen und seit rund 35 Jahren tätigen Künstler wie Ralf König die Veröffentlichung eines neuen Buches nach wie vor mit einer emotionalen Achterbahnfahrt verbunden sein kann.

In einer Präsentation des Avant-Verlags gaben der kurzerhand für James Turek („Motel Shangri-La“) eingesprungene Marcello Quintanilha („Tungstênio“) und Robert Deutsch („Turing“) Auskunft über ihre aktuellen Veröffentlichungen, danach wurde es mit Sean Chuang nostalgisch. Chuang stellte den autobiografischen Band „Meine 80er Jahre – Eine Jugend in Taiwan“ vor, der von seinen – die leise Vorahnung bestätigt sich – Jugendjahren in Taiwan erzählt; eine Mischung aus vertrauten (Heranwachsende sind sich, egal wo auf der Welt, unterm Strich doch ziemlich ähnlich), wie ganz schön bizarren (auf der Schule wurden alle vier Wochen die Haarlänge überprüft – mehr als fünf Millimeter waren verboten) Eindrücken, wobei Chuang die heutige Welt aber trotzdem auch nicht viel normaler findet: Damals konnte man wenigstens noch was anfassen, heute hocken alle vor Monitoren. Da hat er vermutlich nicht ganz Unrecht.

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Mein persönliches Highlight war aber natürlich das von Panini-Aushängeschild Steffen Volkmer wie immer akustisch bestens verständliche (der Mann braucht eigentlich gar kein Mikro!) und absolut souverän moderierte MAD-Künstlergespräch – gleich SECHS Figuren (Peter Kuper, Tom Bunk, Martin Frei, Dieter Stein, Oliver Naatz und I. Astalos) vom so einzigartigen MAD-Planeten wurde auf die Bühne gepackt und erzählten dort in viel zu kurzen 60 Minuten gut gelaunt von ihren Karrieren, wobei auch wieder das Thema „Altern“, zur Sprache kam: Nicht nur, dass in Olivers Naatz’ Keller offenbar die Quelle ewiger Jugend sprudelt, das Erstaunen war nicht mehr von dieser Welt, als der Übersetzer offenbarte, mit strammen Schritten auf die 60 Lenze zuzuwandern, es wurde auch die Frage in den Raum gestellt, wie eine Crew in den allerbesten Jahren es schafft Monat für Monat ein Magazin auf den Markt zu bringen, dass vor allem junge Leute im Blick hat – die Antwort war einhellig: Man muss einfach jung im Kopf bleiben! Volkmer legt daraufhin mit einer Klassentreffen-Anekdote nach und fand ein perfektes, finales Statement: „Comics halten jung!“

Mein Fazit: Geht doch! Schön war’s, wirklich schön! Meine imaginierten Comicveranstaltungen existieren also auch in der Realität! In zwei Jahren wird mit Sicherheit erneut ein schwer alternder Redakteur in der herrlich urigen Kongresshalle verzweifelt das stille Örtchen suchen. Versprochen!