Mark Millar Collection: WOLVERINE – STAATSFEIND

markmillarcollectionwolverinestaatsfeind_hardcover_146Im Rahmen der „Mark Millar Collection“ ist nun ein vielleicht nicht ganz so bekanntes, aber trotzdem sehr lohnenswertes Werk erhältlich: „Staatsfeind“ erschien in den USA zwischen 2004 und 2005 und steht gefühlt etwas im Schatten von Millars 2009 veröffentlichten Wolverine-Alltime-Klassiker „Old Man Logan“. Zu Recht? Njein. Klar, so radikal wie beim Nachfolge-Epos wird das Marvel-Universum nicht auf den Kopf gestülpt, „Staatsfeind“ fühlt sich im Verhältnis relativ konventionell, wie ein simpler, gradliniger, extrem actionlastiger Superheldencomic an, aber wie so oft ist nicht das „was?“, sondern das „wie?“ entscheidend und hier punktet der über 300-Seiten starke Band groß auf, denn der Simpelplot wird mit maximaler dramatischer Effizienz erzählt und hält durch die Bank weg prima bei Stange, was bei dermaßen viel Geprügel und Geballer nicht unbedingt selbstverständlich ist.

Wolvie soll den Sohn des Cousins seiner toten Geliebten in Japan aus den Klauen von fiesen Böswatzen retten, doch die ganze Angelegenheit entpuppt sich als Falle: Der Klauenschwinger wird von sinistren Schurken überwältigt und umprogrammiert: Fortan kämpft er auf der falschen Seite, gegen ehemalige Freunde…

Aber natürlich ist dieser Zustand nicht von Dauer, selbstverständlich schwingen die Krallen, stinksauer, bald wieder in die richtige Richtung (was von einem herrlichen Dialog über die Anzahl seiner Gegner eingeleitet wird: „Also zusammen nicht mehr als 52.000?“ – „Ja, kann sein. Und nun?“ – „Was willst Du tun, Wolverine? Rausgehen und sie alle eigenhändig umbringen?“ – „Bingo!“). Das trotz dieser Vorhersehbarkeit keine Langeweile aufkommt liegt, neben den tollen Zeichnungen (man muss bei einen Namen wie John Romita Jr. eigentlich nichts weiter zur Qualität des Dargebotenen sagen) an Millars großartigem Gespür für Rhythmus, so gibt’s zwischen dem Krawall auch immer wieder gut platzierte, kleinere Pausen, in denen durchaus auch mal andere Figuren (z.B. Gorgon) in den Fokus rücken oder in kurzen Dialogen abseits des Geschehens zum Beispiel die eher dunklen Seiten des X-Men-Universums angesprochen werden („Was ist das für eine Schule, die einen zwingt, mit vierzehn ein Testament aufzusetzen?“), aber trotzdem wird nie das große Ganze aus den Augen verloren, der Zug braust mit konstantem Tempo Richtung Bahnhof.

„Staatsfeind“ ist ein Musterbeispiel von fettfreiem, durch und durch ökonomischen Erzählen, einer großen Stärke Millars, die hier voll und ganz zum Glänzen kommt und den dicken Band zu einem absoluten Muss für Wolvie- wie Millar-Fans macht, zumal mit „Gefangener Nummer Null“ auch noch eine der wohl mit Abstand besten und vor allem unheimlichsten Wolverine-(Kurz-)Geschichten überhaupt enthalten ist: Erzählt wird – im Stil alter EC-Comics – von Wolverines Zeit im Vernichtungslager Sobibor. Superhelden in einem solchen Kontext auftreten zu lassen ist natürlich immer eine extrem heikle Aufgabe, die vom sonst eigentlich wenig zimperlichen Millar überraschend subtil gelöst wurde (mehr wird nicht verraten!). Toll!

Mark Millar, John Romita Jr.: Mark Millar Collection – Wolverine – Staatsfeind. Panini, Stuttgart 2017. 356 Seiten, € 29,99