TUNGSTÊNIO – rasanter Krimi aus Brasilien

tung_500Brasilien bringt man nicht zwangsläufig mit Comics in Verbindung, das könnte sich allerdings dank der Berlinerin Lea Hübner bald ändern, denn die Übersetzerin hat innerhalb kürzester Zeit gleich zwei Comics in den deutschsprachigen Raum vermittelt und auch ins Deutsche transferiert. Nach „Cumbe“, das im März bei bahoe books erschien, nun „Tungstênio“ bei Avant und man kann nur hoffen, dass Frau Hübner ihre Schlagzahl beibehält, denn es lohnt sich.

„Tungstênio“, das portugiesische Wort für das Schwermetall Wolfram, das mit 3422° Celcius von allen Metallen den höchsten Schmelzpunkt hat, erzählt von einer Reihe Protagonisten, die an der Küste von Salvador Bahia durch einen unbedeutenden Zwischenfall zusammentreffen: Zwei illegale Dynamitfischer werden von einem pensionierten Armee-Sergeanten, den seine Vergangenheit nicht locker lässt, beobachtet; der alte Mann wiederum trifft sich regelmäßig mit einem jungen Kleindealer, der bei seiner Mutter lebt und als Spitzel für einen Polizisten arbeitet, der gerade mit zwei Freunden einen faulen Tag am Meer genießt, während seine Frau zu Hause eine endgültige Trennung ins Auge fasst und darüber im Bus mit einer Freundin redet.

Wie diese ganzen Figuren zueinander stehen, erfährt man in den, mit ein paar Rückblicken garnierten, diversen Parallelhandlungen, die „Tungstênio“ mosaikartig mit steigender Seitenzahl immer mehr verdichten. Beim Comic von Marcello Quintanilha handelt es sich um klassische „hard boiled“-Thriller-Kost, in der alle männlichen Protagonisten Dreck am Stecken haben und die Frauen Quasi-Heilige sind, die Orientierung an Genreliteratur amerikanischer Provenienz ist kaum zu leugnen, die Geschichte erinnert mit ihrer permanent unruhigen Stimmung und dem exotischen Setting aber auch ein bisschen an die Krimis des Südafrikaners Roger Smith, wobei der Strand-Thriller weitaus weniger radikal daherkommt, denn es stirbt niemand, der Schöpfer lässt seine Charaktere mehr oder weniger unbeschadet davon kommen und weiter in ihrer kleinen, tristen Welt leben – durchaus auch gewagt.

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„Tungstênio“ mag vielleicht das Rad nicht neu erfinden, wirft aber einen spannenden, frischen Blick auf ein altbekanntes Genre, es wäre mehr als wünschenswert, dass sich der Wagemut des Verlags auszahlt und Frau Hübner bald wieder aktiv wird.

Wünschenswert wäre ebenso, dass uns die Verfilmung baldmöglichst erreicht: Quintanilhas Comic wird nämlich für die Leinwand adaptiert. Aber auch wenn Heitor Dhalia Regie führt, der 2012 mit „Gone“ schon mal Hollywood-Luft schnuppern durfte, würden wir nicht unbedingt Wetten auf eine schnelle Verfügbarkeit des Films abschließen, denn das restliche Œuvre hat’s nur teilweise über brasilianische Grenzen geschafft, bis zu uns ist gar nichts durchgesickert. Wer aber mag, kann sich auf der offiziellen Webseite schon mal ein paar Bilder anschauen, die drauf schließen lassen, dass man sich offenbar extrem eng an der gedruckten Version entlang hangelt.

Marcello Quintanilha: Tungstênio. Avant-Verlag, Berlin 2017. 184 Seiten, € 24,95