TURING – Das tragische Leben eines Genies

avant-turing-cvrDer britische Logiker, Mathematiker, Kryptoanalytiker und Informatiker Alan Turing (1912-1954) war ein genialer IT-Pionier, der die Grundlagen der heutigen Computer- und Informationstechnologie schuf und spätestens seit dem 2014 erschienen, stargespickten Film „The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben“ auch Leuten ein Begriff sein dürfte, die sonst beim Thema Wissenschaften eher das große Gähnen kriegen, denn Turings Leben ist der Stoff, aus dem die großen Dramen gestrickt sind: Hypergenial (konnte unter anderem bereits mit drei Jahren lesen!), Kriegsheld (knackte während des zweiten Weltkriegs verschlüsselte Funksprüche der Deutschen und rettete so etlichen Menschen das Leben), aber auch ausgegrenzt (zu Pflegereltern abgeschoben) und außerdem homosexuell, was nicht nur in England zu dieser Zeit ein absolutes No-Go, sondern auch sein Untergang war: Turing wurde wegen seiner sexuellen Orientierung verhaftet und vor die Wahl gestellt – entweder Knast oder Hormontherapie. Der Wissenschaftler entschied sich für letzteres, was sein Leben radikal veränderte und Depression auslösten, die der Grund für seinen Suizid am 07.06.1954 waren.

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Die große Frage lautet nun: Wieso jetzt noch der Griff zur Graphic Novel, wir hatten doch erst neulich den Film? Ganz einfach: Mal abgesehen davon, dass es sich natürlich um zwei grundverschiedene Medien mit verschiedenen Darstellungsmöglichkeiten handelt, ist Robert Deutsches Aufarbeitung der Geschichte weitaus akkurater als die durchaus unterhaltsame, aber inhaltlich auch etwas fragwürdige Leinwandverwurstung, was schon mit der Portraitierung des Mannes anfängt, den die Kino-Variante als Autisten zeichnet, da hochintelligente Menschen im Film offenbar grundsätzlich „irgendwie seltsam“ sein müssen – Deutsch wiederum zeigt den Wissenschaftler als leicht schrulligen, ansonsten aber als ganz normalen Typen, was der Wahrheit weitaus näher kommt.

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Inhaltlich dreht sich „Turing“ um die letzten drei Lebensjahre des Genies, wobei Deutsche auf eine chronologische Abfolge verzichtet, gestartet wird mit dem dramatisch effektiv inszenierten Freitod. Von da aus rollt die Graphic Novel in ausdrucksstarken, kräftigen Acrylbildern diverse Stationen ab, wobei Deutsche Gedanken und Emotionen visualisiert, was dem Ganzen einen surrealen Anstrich gibt, der vor allen in einer Hinsicht die emotionale Komponente um einiges verstärkt: Da Turing großer Fan des 1937 veröffentlichten Disney-Klassikers „Schneewitchen und die sieben Zwerge“ war, die Parallelen zu seinem Leben sind offensichtlich, findet sich der Film als Leitmotiv während des ganzen Comics wieder, Realität und Fiktion überlappen sich und am Ende seines Lebens entfleucht Turing dann konsequenterweise auch in seinen ganz persönlichen Märchenwald – allerdings küsst ihn nach einen Biss in den vergifteten Apfel kein Traumprinz wach. Ein trauriger, gleichzeitig aber auch versöhnlicher Schlusspunkt in der Geschichte eines ungewöhnlichen Mannes, ein schöneres Ende hätte man sich kaum vorstellen können.

„Turing“ ist kluges, mitreißendes, handwerklich top gefertigtes Kino im Buchformat – gerade wenn man die Leinwandversion schon kennt, sollte man für Robert Deutsches Debüt erst recht eine Eintrittskarte lösen!

Robert Deutsch: Turing. Avant-Verlag, Berlin 2017. 190 Seiten, € 29,95