DIE SÖHNE VON EL TOPO – Die Legende geht weiter…

Die meisten Leute machen Filme mit ihren Augen. Ich mache Filme mit meinen Eiern.“

Diese markigen Worte stammen von Alejandro Jodorowsky, der damit gleichzeitig auf eine gewisse Weise auch sein Gesamtwerk auf den Punkt bringt, denn der 88jährige Chilene ist nicht nur unerschrockener Film- und Theaterregisseur, sondern ebenso Schauspieler, Sachbuchautor, Therapeut im Bereich Psychomagie, war Priester bei Marilyn Mansons Hochzeit und im All schwebt sogar ein Asteroid, der nach ihm benannt wurde. Jodorowsky oder „Jodo“ wie ihn Fans, oder in diesem Fall eher Jünger, gerne nennen, wurde im letzten halben Jahrhundert zur absoluten Kultfigur, die allerdings, wie jeder echte Künstler, umstritten ist, denn der oft ungebremste Hang zum surrealen Fabulieren gepaart mit der Lust am Schock, ist nicht jedermanns Sache oder anderes formuliert: Wer auf süffige Unterhaltung aus ist, die schnell und bequem runter läuft, sollte vielleicht bei einer anderen Hausnummer klingeln.

Und natürlich ist Jodorowsky ebenso Comicautor, der in Zusammenarbeit mit Legenden wie Moebius so manch tolles Werk (wie zum Beispiel „Der Incal“) in die Welt gesetzt hat, wobei auch diese Abteilung tief vom schraubigen Geist des anarchistischen Mystikers durchdrungen ist, man muss sich schon um Zugang zu dessen ganz speziellen Kosmos bemühen, sonst wird es schwierig.

Womit wir bei „Die Söhne von El Topo“ wären. Hierbei handelt es sich um das Comic-Sequel seiner zweiten Regie-Arbeit „El Topo“ von 1970, einem, äh, „Psychedelic-Italo-Western“ über den titelgebenden Charakter auf der Suche nach sich selbst. Ein mit Symbolen und Metaphern zum Platzen gefülltes Dokument der damaligen Gegenbewegung, das dank einem geschickten Verleiher zum Kultfilm wurde und das Etikett „Midnight Movies“ (aus dem Rahmen fallende Filme, die im regulären Programm keine Chance hatten und erst um Mitternacht gezeigt wurden) ins Leben rief, heute aber noch mehr als einst für gerunzelte Stirnfalten sorgen wird; nun mal Filmkunst, die eine gewisse Mitarbeit vom Rezipienten fordert – was aber durchaus reichhaltige Ernte einbringen kann.

„Die Söhne von El Topo“ basiert auf einem Drehbuch, das direkt nach Jodorowskys Mitternachtserfolg entstand, aber potentielle Produzenten machten allesamt die Tür zu, somit blieb das Buch unverfilmt. Eines Tages hatte der Meister aber die Idee, sein Script als Comic zu adaptieren und machte sich mit dem alten Weggefährten José Ladrönn („Der letzte Incal“) an die Arbeit. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Die Bilder knüpfen in Punkto Farbgebung und Dynamik gut am Spielfilm an, der Plot um El Topos Söhne Kain (im Film Miguel) und Abel (natürlich, man ahnt es schon, wird nicht mit christlicher Metaphorik gespart) ist – für jodorowskysche Verhältnisse – sogar relativ zugänglich, wobei das Ganze allerdings auch eher wie eine Exposition anmutet, bei der erstmal die Figuren in Stellung gebracht werden. Pflichtgemäß schlägt der Schöpfer dabei natürlich wieder ein bisschen über die Stränge, so hat zum Beispiel Kain Sex mit einer extrem, wirklich EXTREM übergewichtigen Frau.

Empfehlenswert oder nicht? Jodo-Anbeter werden den Band ohnehin schon im Schrein stehen haben, alle anderen, die schick gezeichnete, sehr atmosphärische Comics mögen, können auch zugreifen, allerdings wird es kein Fehler sein, vielleicht erstmal „El Topo“ zu checken, zumal das verquere Epos seit 2014 auch hierzulande problemlos auf einer technisch einwandfreien, vorbildlich ausgestatteten Scheibe (DVD oder Blu-ray) von Bildstörung, einem der mit Abstand besten Labels für ungewöhnliche Filmkost, zu haben ist.

Alejandro Jodorowsky, José Ladrönn: Die Söhne von El Topo – 1.Kain. Panini, Stuttgart 2017. 64 Seiten, € 16,99