WONDER WOMAN – Eine Frau, viele neue Comics

Auch wenn mit „Justice League“ im November noch ein weiteres Großereignis auf dem Plan steht, kann man 2017 doch getrost als Wonder-Woman-Jahr bezeichnen; alle Augen sind auf den kommenden, ersten Kinofilm der Amazonenprinzessin gerichtet, dessen Entwicklung bereits 1996 (!) begann und der von einer weibliche Regisseurin, Patty Jenkins, inszeniert wurde, was im Big-Budget-Segment eine ausgesprochene Seltenheit ist, da Großprojekte nach wie vor in erster Linie von Männern gestemmt werden. „Wonder Woman“ soll dabei nicht nur die bisher unglücklichen Versuche weibliche Superhelden auf der Leinwand zu etablieren (z.B. mit „Elektra“, 2005) vergessen machen, sondern ebenso das mit „Man Of Steel“ (2013), „Batman V Superman: Dawn Of Justice“ (2016) und „Suicide Squad“ (2016) eher rumpelig angelaufene „DC Extended Universe“ zu einem qualitativen Hoch verhelfen. Jedenfalls: Die ersten Kritiken versprechen Saugutes, wir wagen die Prognose, dass man sich freuen kann und die Macher endlich aus alten Fehlern gelernt haben…

Logisch, dass bei soviel Trubel um die schlagkräftige Powerfrau auch der Comic-Output erhöht wird und so bietet Panini aktuell vier Wonder-Woman-Titel an, die sich allesamt mehr als lohnen.

 

wonderwomananthologie_hardcover_623Wonder Woman Anthologie – Die vielen Gesichter der Amazonenprinzessin

Ganz wunderbar für Neueinsteiger (wobei auch Fans zumindestens Mal einen Blick risikieren sollten) eignet sich die hervorragend editierte „Wonder Woman Anthologie“, ein über 400-seitiger Streifzug durch die Geschichte der Figur, von den Anfängen (1942) bis zum Status Quo (2015). In vier Abschnitten unterteilt („Die Amazone“, „Die Prinzessin“, „Die Botschafterin“ und „Die Kriegerin“) werden anhand von zentralen Geschichten die Wandlungen die die Figur, aber auch die Serie an sich, im Laufe der Jahrzehnte durchliefen, greifbar gemacht. Begleitet wird die Sammlung von sehr informativen Texten, die die Storys in einen historischen Kontext einbetten und Hintergründe zu Figuren wie Zeichner erläutern. Der Band veranschaulicht aber auch wunderbar – was jetzt sicherlich keine allzu überraschende Erkenntnis ist, aber in dieser kompakt dargereichten Form eben nun mal besonders deutlich wird – wie das Medium Comic sich im Laufe der Jahrzehnte verändert hat, wie man von einer stark deskriptiven zu einer immer visuelleren Erzählweise gefunden hat. Man sitzt beim Lesen förmlich in einer Zeitmaschine, eine sehr schöne, ergiebige Edition jedenfalls – das I-Tüpfelchen wären Seitenzahlen gewesen, der Verzicht lässt das Inhaltsverzeichnis nicht mehr ganz so nützlich erscheinen.

 

wonderwomandiegd6ttervongothamsoftcover_softcover_564Wonder Woman: Die Götter von Gotham

Bei „Die Götter von Gotham“ handelt es sich um eine Geschichte von Anfang 2000, die zuvor schon von Eaglemoss im Band „Wonder Woman: Das verlorene Paradies“ veröffentlicht wurde und nun in einer lohnenswerten Neuübersetzung vorliegt. Phil Jimenez geht hier zusammen mit J.M. DeNatteis seiner Vorliebe für Superheldaufmärsche nach (neben Wonder Woman sind unter anderem Batman, Nightwing, Wondergirl und Huntress am Start); erzählt wird davon, wie die Götter der Zwietracht, der Furcht und des Schreckens in den Körpern der Schurken Joker, Poison Ivy und Scarecrow wiedergeboren werden und natürlich allerlei Unheil anrichten wollen. „Die Götter von Gotham“ betont den mythologischen Kern der Serie extrem stark und so wirkt der textlastige Band, auch wegen der leicht pathetischen Dialoge, ein bisschen wie griechisches Theater in Comicform an. Ein sehr eigenwilliges Wonder-Woman-Abenteuer und ein gutes Beispiel für die Vielseitigkeit der Reihe.

 

wonderwomanbatmanhiketeia_softcover_992Wonder Woman – Batman: Hiketeia

Greg Rucka (Lazarus, Black Magick, Old Guard) gilt als einer der absoluten Comicautorenpäpste und wer sich „Wonder Woman – Batman: Hiketeia“ (erstmals 2002 erschienen) zu Gemüte führt, ahnt schnell wieso: Der Mann hat nicht nur ein großartiges Händchen für Charakterzeichnungen, insbesondere starke Frauenfiguren liegen ihm, sondern beherrscht ebenso die Kunst des fettfreien Erzählens, alles ist auf das Wesentliche reduziert, dabei dramaturgisch aufs Genauste ausbalanciert und trotz vermeintlicher Simplizität doch so komplex: Wonder Woman muss der flüchtigen Mörderin Danielle Wellys aufgrund eines uralten Rituals (der Hiketeia) Schutz gewähren, was aber zu einem ziemlich großen Problem wird, da der dunkle Ritter die junge Verbrecherin gerne hinter Gitter bringen würde…

„Hiketeia“ ist weniger klassischer Superhelden-Stoff, als vielmehr eine klassische Tragödie über zweier Frauen in einer brutalen Männerwelt: Die vermeintliche Täterin hat berechtigte, ziemlich bittere Gründe für ihr tun und Wonder Woman, deren sanfte, mitfühlende, weibliche Züge hier in den Vordergrund treten, wird regelrecht aufgerieben vom Konflikt zwischen ihrer Herkunft aus einer antiken Welt und dem Leben in der Moderne, in der ganz andere Werte und Regeln gelten. Rucka lässt dabei nicht den geringsten Zweifel, wem seine Sympathie und sein Mitgefühl gelten, selbst der dunkle Ritter wirkt hier unglaublich kalt und verbissen. Ein toller Titel mit eine herrlichen, ikonischen Cover-Artwork!

 

wonder-woman-1-softcover-1492767425Wonder Woman (Rebirth) 1 – Die Lügen

….und wo wir gerade bei Greg Rucka sind: Der Mann ist glücklicherweise ebenfalls für den Wonder-Woman-Neustart im Zuge des „Rebirth“-Relaunchs verantwortlich: Prinzessin Diana realisiert hier, dass ihre Erinnerungen manipuliert werden, was zu Folge hat, dass sie nicht mehr den Weg in ihre Heimat zur Paradiesinsel der Amazonen findet! Um das Rätsel um ihren Geisteszustand zu lösen, schließt Wonder Woman sogar einen Pakt mit der langjährigen Feindin Cheetah. Zur gleichen Zeit gerät ihre ewige Liebe Steve Trevor in die Gewalt eines afrikanischen Warlords, der mit den Mächten der Finsternis in Verbindung steht…

Rucka erzählt wie immer: Reduziert, lakonisch, packend, sehr charakterfokusiert und wird dabei von wirklich edlen Bildern begleitet, „Die Lügen“ schmeißt nur so mit genialen Zeichnungen um sich. Das Adjektiv „filmisch“ wirkt zwar mittlerweile mehr als ausgelutscht, passt in diesem Fall aber so gut wie selten: Wenn in einer Höhle Wonder Woman und Cheetah gefangenen Kinder zur Hilfe eilen und der Kampf gegen allerlei Kroppzeug nur in der Pupille eines Opfers gezeigt wird, kann man getrost von ganz großem Kino sprechen. Genauso wird die Verwirrtheit und Verlorenheit der Amazone prima in ihrer Mimik transportiert – so melancholisch hat man Diana Prince nur selten erlebt. Ein traumhafter Neustart, der mehr als Lust auf die Fortsetzung macht, die am 12.09.2017 erscheint!

Wonder Woman – Anthologie. Panini, Stuttgart 2017. 404 Seiten, € 34,99

J.M. DeMatteis, Phil Jimenez: Wonder Woman – Die Götter von Gotham. Panini, Stuttgart 2017. 100 Seiten, € 12,99

Greg Rucka, J.G. Jones: Wonder Woman – Batman: Hiketeia. Panini, Stuttgart 2017. 100 Seiten, € 12,99

Greg Rucka, Liam Sharp, Matthew Clark: Wonder Woman (Rebirth). Panini, Stuttgart 2017. 164 Seiten, € 16,99