DIE GESAMMELTEN CHRONIKEN VON WORMWOOD – Sex, Gewalt und gute Laune

Garth Ennis gehört seit über 25 Jahren zur absoluten Crème de la Crème der Comic-Autoren und der vorliegende Sammelband „Die gesammelten Chroniken von Wormwood“ macht besonders deutlich warum. Erzählt wird vom New Yorker TV-Produzenten Danny Wormwood, in Wirklichkeit niemand Geringerer als der leibhaftige Antichrist, der zusammen mit dem sprechenden Hasen Jimmy (!) und seinem Freund Jay, der wiedergeborene Jesus Christus (!!), sich gegen seine Bestimmung wehrt. Denn eigentlich soll Sohnemann dem Wunsch des teuflischen Papas Folge Leisten und den Weltuntergang heraufbeschwören, aber darauf hat Wormwood, dem es auf der Erde ziemlich gut gefällt, keine Lust. Kein leichtes Unterfangen sich dauerhaft den Wünschen solch eines Erzeugers zu widersetzen, zumal dieser sich auch noch mit dem Papst (!!!) verbündet, um der Erde endlich ihr apokalyptischen Ende zu bereiten.

Das klingt jetzt natürlich völlig bekloppt und ja, das ist es irgendwo auch, aber Ennis fährt zweigleisig und demonstriert anschaulich wahre Größe: Auf der einen Seite ist sein Epos wirklich unglaublich vulgär, sexistisch und gewalttätig, auf der anderen Seite belässt es der Schöpfer nicht bei reiner Schockerei, sondern nimmt gezielt und pointiert religiösen Fanatismus aufs Korn, keift auf herrlich böse Weise gegen Trash-Fernsehen oder kritisiert miesen Journalismus, es ist jederzeit ein Anliegen erkennbar, was seine zum Teil ganz schön rabiaten Grenzüberscheitungen (wer schon immer mal sehen wollte, wie der Papst es sich doggystyle von einer Nonne besorgen lässt – willkommen zur Party!) auch wieder ein Stück weit relativiert.

Das eigentlich Tolle ist aber: Trotz regelrechten Fluch-Arien, Splatter und Sex werden den Lesern emotionale Anknüpfpunkte angeboten. In einem extrem geerdeten Nebenstrang wird vom Beziehungschaos zwischen Danny und seiner über alles geliebten Maggie erzählt, die er nicht nur mit Jeanne D’Arc (!!!!) betrügt, sondern nach der Versöhnung auch noch schwängert, um ihr dann zu beichten, das er der Antichrist ist, was ihrerseits Abtreibungspläne zu Folge hat. Hier nimmt der Maestro deutlich das Fuß vom Gaspedal und entpuppt sich als sensibler, lebensnaher Erzähler, der seinem ultraschrillen Epos einen emotionalen Kern gibt.

„Die gesammelten Chroniken von Wormwood“ ist vielleicht nicht für Jedermann geeignet, potentielle Leser sollten nicht allzu zart besaitet sein, der „Empfohlen ab 18 Jahren!“-Hinweis auf der Rückseite hat absolut seine Berechtigung, Zeitgenossen mit hyperhyperhyperschwarzem Humor werden sich dem Antichristen aber nur schwer entziehen können. Ein wahrlich höllisches Vergnügen.

Eine Leseprobe gibt es hier.

Garth Ennis, Jacen Burrows, Oscar Jimenez: Die gesammelten Chroniken von Wormwood. Panini, Stuttgart 2017. 372 Seiten, € 29,99