DIE TRAUMFABRIK – Als die Bilder laufen lernten

Célestin hat es nicht leicht. Der pummlige, etwas tolpatschige Jüngling soll im Notariat seines Vaters aushelfen, stellt sich dabei aber reichlich unbeholfen an, was ihn seine Eltern deutlich spüren lassen. Weil seine Leidenschaft auch auf gänzlich anderem Gebiet liegt, packt er seine Sachen und fährt nach Paris. Sein Ziel: er will irgendwie zum Film, in die faszinierende Welt der Leinwandmärchen, die es ihm angetan hat, seit er auf dem Jahrmarkt die ersten beweglichen Bilder im Kinematographen erspähte. Er sucht seinen alten Bekannten Anatole Fortevoix auf, der in Paris ein Kino betreibt, das allerdings mehr schlecht als recht läuft. Um die Kasse aufzubessern, gibt es bei Anatole Spätvorstellungen der besonderen Art: unter der Hand zeigt er nämlich auch schlüpfrige Streifen, in denen sich eine mysteriöse Schöne entblättert, was für volle Säle und reißenden Absatz auch bei den Fanartikeln in Form von Szenenfotos sorgt.

Anatole verfällt sofort ins Schwärmen für die Holde, in der er seinen großen Filmstar entdeckt haben will. Nebenher gabelt er nach zahllosen Absagen doch tatsächlich einen Job als Bühnenbild-Assistent auf, wo er Freundschaft mit dem kleinwüchsigen Marcel schließt. Während er so in der Tat bei der professionellen Produktion mitarbeiten darf, bei der die Diva Veronika Forsans Sympathien für ihn entwickelt, entdeckt er seinen Star in spe in den Kulissen, folgt ihr nach Hause und nimmt Kontakt mit ihr auf. Constance Giono, so ihr Name, stellt sich als gehörlos heraus und weist seine Angebote zunächst entsetzt zurück. Aber als Anatole glaubhaft versichert, dass er einen ernsthaften Film drehen will, sagt sie ihr Mitwirken zu. Und so machen sich im nächtlichen Studio einige Gestalten heimlich an die Produktion eines vermeintlich großen Werkes – was Anatole, der wegen Pornographie mittlerweile im Knast gelandet ist, gar nicht schmeckt…

Laurent Galandon gelingt in der „Traumfabrik“ eine wunderbare Hommage an das frühe Kino, als es die Kinderschuhe der Jahrmärkte gerade verlassen hatte und an der Schwelle zum Tonfilm stand. Seit die Lumières im März 1895 die Arbeiter ihrer Fabrik gefilmt hatten und diese Szene zu großem Erstaunen vorführten, trat der Kinematograph seinen Siegeszug an, zunächst als Schaubudenattraktion, als die ihn auch der kleine Célestin mitsamt dem „Rekommandeur“ Anatole, der die Filme marktschreierisch anpreist, kennenlernt. Kurze, sensationelle Szenen wurden da vorgeführt, exotische Länder und wagemutige Einlagen, bald auch mit den phantastischen, findig getricksten Utopien eines George Méliès. Angespornt durch einen frühen Starkult und eine wahre Flut von Magazinen und Postkarten, träumten ganze Generationen von einer Karriere „beim Film“, der im Bildungsbürgertum noch weitgehend als Schund verschrien war.

Der französische Kunstfilm mit renommierten Theaterdarstellern änderte dies ebenso wie die aufkommenden Hollywood-Großproduktionen, die mit aufwändigen Inszenierungen die Massen begeisterten – auch wenn Anatole 1927 den „Dieb von Bagdad“ mit Douglas Fairbanks vier Jahr nach Veröffentlichung in seinem Kino eher aus Verlegenheit zeigt, da er sich die teuren neuen Produktionen nicht leisten kann. Auch die Subkultur der erotischen, teilweise pornographischen Filme bietet einen festen Teil der Historie: als „pikante Films“ wurden sie dem überwiegend männlichen Publikum in der Regel privat, teilweise auch im Kino vorgeführt, immer unter der Gefahr der polizeilichen Verfolgung, die Anatole auch ereilt.

Célestines charmante Versuche, quasi „undercover“ in unbenutzten Kulissen einen Film zusammenzuschustern, gemahnt an die ebenso kuriosen Methoden eines Ed Wood, wobei Célestine ein echter cineast ist: er kennt alle Produktionen, Schauspieler und Regisseure im Schlaf, ebenso wie sein Kompagnon Marcel erhebliche technische Raffinesse an den Tag legt und sich an der Kamera bestens auskennt, die er trittsicher als Pathé Typ X identifiziert. Die nicht im Geschehen, aber im Titel genannte Produktion steht in der Tradition des eher frühen, exotisch-reißerischen kintopp, der Ende der 20er schon eher filigranen oder glatten Produktionen gewichen war: „Der Riese und die Nackttänzerin“ könnte mühelos ein frühes Werk von Fritz Lang, Joe May, des ungarisch-österreichischen Spektakelmeisters Mihaly Kertesz (später besser bekannt als Casablanca-Regisseur Michael Curtiz) oder auch Friedrich Wilhelm Murnaus bezeichnen, dessen verschollenes Frühwerk „Der Bucklige und die Tänzerin“ von 1920 nun wirklich nicht allzu entfernt von Célestines sensationalistischer Ideenwelt liegt.

So entpuppt sich Célestine als haltlos träumerischer, etwas aus der Zeit gefallener Enthusiast und Phantast (rückhaltlos „wohlwollend“, so nennt ihn Veronika), der mit ansteckender Energie seiner vermeintlichen Berufung nachgeht und damit auch der durch private Schicksalsschläge verbitterten Constance, dem gehänselten Marcel und der abgehalfterten Schauspielerin Odette Boncoeur ein Stück Sinn im Leben wiedergibt. Ebenso stilsicher und detailverliebt gelingt die Umsetzung von Frédéric Blier: da scheinen Originalszenen aus bekannten Epen auf, wir erleben realitätsgetreu Kulissen, technische Aufbauten und Dreharbeiten zu einer doch eher freien Stevenson-Variante Doktor Jekyll und Miss Hyde, und das Paris der ausgehenden 20er Jahre glitzert in der Wintersonne. Auch wenn Constance teilweise an Gloria Swanson angelehnt scheint: im Unterschied zur Stummfilmdiva Norma Desmond, die in „Sunset Boulevard“ ihren Abstieg in die Bedeutungslosigkeit nicht verwindet und versucht, die Vergangenheit anachronistisch zu konservieren, entsteht hier ein warmherziges Portrait der Güte und Menschenliebe vor einem faszinierenden Hintergrund. In Paninis Albenreihe erscheint der Band schön aufgemacht mit einem schmucken Anhang zur Geschichte des Kinematographen und seiner Erfinder, den Lumières.

Laurent Galandon, Fréderic Blier: Die Traumfabrik 1. Panini, Stuttgart 2017. 48 Seiten, € 14,99