„Lewis hat sich der Erzählung in den Dienst gestellt und hörte mir wirklich zu.“ Im Gespräch mit Brigitte FINDAKLY

Brigitte Findakly im Interview über die Arbeit an ihrem ersten autobiografischen Comic MOHNBLUMEN AUS DEM IRAK (erschienen bei Reprodukt) und die Zusammenarbeit mit Ihrem Ehemann, dem Comiczeichner Lewis Trondheim.

Ein Gespräch mit Lewis Trondheim folgt morgen.

 

Liebe Brigitte, wann und warum haben Sie die Entscheidung getroffen, ein Buch über Ihre Kindheit im Irak zu schreiben?

Ich wollte diese Geschichte seit vier-fünf Jahren schreiben. Der Irak war nicht mehr wie damals, als ich dort lebte, die Situation verschlechterte sich immer weiter. Wenn ich meine Familie am Telefon hatte, sagten sie: „Du würdest den Irak nicht mehr wiedererkennen, wenn du zurückkämst.“ Und dann erzählten sie mir, wie sich ihr Alltag verändert hatte. Ich hatte Lust, für mich selbst zu schreiben, um meine Erinnerungen festzuhalten und das, was sie mir erzählten. Vor allem als alle meine Cousins auch emigrierten, wusste ich, dass ich nie wieder zurückkehren würde. Außerdem ließ das Gedächtnis meines Vaters in Folge seiner Krankheit mehr und mehr nach, während meine Mutter immer mehr sprach, vor allem von ihrer Kindheit, obwohl sie vorher diesen ganzen Teil ihres Lebens beiseite geschoben hatte. Doch da ich viele Comics las, war ich nicht naiv und sah, dass all meine Schreibversuche fehlschlugen. Doch wenigstens erlaubte mir dies, all die wichtigen und prägenden Dinge aufzuschreiben, von denen ich sprechen wollte. Und ich sagte mir, dass meine Kinder – würden sie eines Tages das Bedürfnis haben zu wissen, was passiert war – dieses Buch lesen könnten. Wir haben nie so richtig die Gelegenheit gehabt darüber zu sprechen. Als der IS 2014 in Mossul, meiner Geburtsstadt, eingefiel, zog das einen Schlussstrich unter jegliche Möglichkeit zurückzukehren. Ich verspürte den Drang, das Projekt zu konkretisieren. Genau zu diesem Augenblick trat die Tageszeitung „Le Monde“ an Lewis heran, um ihn zu fragen, ob er einen wöchentlichen Comicstrip mit Aktualitätsbezug für die zukünftige App La Matinale machen wollte. Daraufhin hat mich Lewis gefragt, ob es mich stören würde, wenn er selbst versuchen würde meinen Erinnerungen Form zu geben. Ich zeigte ihm ein Foto von mir als kleines Mädchen vor einem Tor in Nivive mit diesem geflügelten Löwen, der zwei Wochen vorher mit einem Presslufthammer enthauptet worden war. Und er wusste sofort, wie er anfangen wollte und hat das Foto sogar in den Strip eingearbeitet.

Was war die große Herausforderung dabei, in Ihre Kindheit einzutauchen und sie wiederzugeben? Hatten Sie zwischendurch auch Zweifel, auf dem richtigen Weg zu sein?

 Da ich es zunächst allein versucht habe, wusste ich, dass ich zu viele Gefühle einfließen ließ, wenn ich schrieb. Was ich erlebt habe, war kein Horror, keine tragische Erzählung, nur eine Familiengeschichte. Ich wollte keinen Roman daraus machen, deshalb gibt es keine hochtrabenden Szenen und ich wollte keine Dialoge erfinden, historische Nacherzählung betreiben oder auf die Tränendrüse drücken. Für Lewis und mich war eine pragmatische, effiziente Erzählweise, die aber auch nichts verschleiert, unverzichtbar. Man ist nicht zwangsläufig interessant oder herzergreifend, nur weil man sein Innerstes nach Außen kehrt. Manchmal lässt die Nüchternheit dem Leser mehr Platz für Empathie. Es geht um Gefühle in diesem Buch, aber es ging nicht darum, damit zu spielen. Es gibt Personen aus meiner Familie, die ich nicht konkret benannt habe, wenn es ihnen geschadet hätte und auch Elemente, die ich nicht erzählt habe, um andere nicht zu verletzen.

Ihre Kindheit in einem fernen Land und einer uns fremden Kultur, Ihre Beziehung zu Ihren Eltern und zu Ihrem Bruder – das alles sind sehr persönliche und emotionale Themen. Hat es Ihnen geholfen, den Stoff mit jemandem, der Ihnen so nahe wie Lewis ist, umzusetzen?

Ich wollte diese Geschichte so erzählen, als wenn ich sie einer Person, die neben mir sitzt, erzähle. Ohne zu übertreiben oder dick aufzutragen. Mit der ersten Geschichte war ich von der Erzählweise und den Zeichnungen, die Lewis vorschlug, überzeugt. Ich erzählte ihm Dinge und sehr schnell selektierte er und wusste, was interessant war, was jetzt erzählt werden musste oder später oder gar nicht. Manchmal erzählte ich ihm auch etwas ganz anderes, um ihm eine Situation zu erklären, zum Beispiel, dass die Männer die Einkäufe erledigten, und er sagte mir, dass das genau das sei, was man auch erzählen müsste. Wir arbeiten seit 25 Jahren Seite an Seite. Nicht immer an denselben Projekten, aber wir kennen uns gut. Lewis hat sich der Erzählung in den Dienst gestellt und er hörte mir wirklich zu. Und ich hatte ein Vertrauensverhältnis zu ihm, was sehr wichtig ist für eine derart persönliche Geschichte.

Eine große Leistung ist es, wie Sie es schaffen, komplexe, politische Sachverhalte oder die nicht minder komplizierten zwischenmenschlichen Beziehungen in kurzen Kapiteln mit wenigen Seiten darzustellen. Wie sind Sie dabei vorgegangen?

Ich wollte diese Erinnerungen genau so erzählen, wie ich sie gelebt und gefühlt habe. Ich wollte sicher sein, dass der Leser versteht und vielleicht wollte ich das manchmal auch ein bisschen zu viel. Lewis schliff oft den Text und verwies mich auf die Intelligenz des Lesers. Ich neige dazu, mir sehr viele Fragen zu stellen, bevor ich mich entscheide, während Lewis von der Sorte Mensch ist, die einfach loslegen, sobald sie ihre Richtung gefunden haben. Da wir eine Geschichte pro Woche für „Le Monde“ vorlegen mussten, hatte ich nicht die Zeit lange hin und her zu überlegen und es war auch sehr viel besser so. Diese Regelmäßigkeit war ein effizienter Antrieb.

Warum haben Sie sich für Mohnblumen für den Titel und als grafisches Symbol für Ihre Geschichte entschieden?

Als es darum ging einen Titel zu finden, hat jeder für sich überlegt. Ich sprach von den Mohnblumen Mossuls und Lewis hat daraus die ‚Mohnblumen aus dem Irak‘ gemacht. Das hat 10 Sekunden gedauert. Im Frühling war Mossul von Millionen von Mohnblumen umgeben und uns stach das Bild ihres flüchtigen Lebens nach dem Pflücken ins Auge.

Ist das ein anderes Gefühl, als Autorin eines Werks wahrgenommen zu werden und nicht nur als Grafikerin/Koloristin?

Ganz anders. Gleich mit Erscheinen wurde das Buch sehr positiv aufgenommen. Es traten viele Journalisten, Buchhandlungen, Festivals und Konferenzen an mich heran … (und an Lewis natürlich). Ich bin seit über 30 Jahren Koloristin und wenn ich erfolgreiche Alben koloriere, kommt normalerweise niemand und befragt mich zu meiner Arbeit oder wenn, dann nur sehr selten. Doch ich muss zugestehen, dass man in den letzten Jahren begonnen hat, die Arbeit von Koloristen mehr anzuerkennen.