VALERIAN – DIE STADT DER TAUSEND PLANETEN – Friss das, Star Wars!

Irgendwie nicht ganz unironisch: Erst im Juni machte Lucasfilm mal wieder durch den ruppigen Umgang mit jungen Talenten auf sich aufmerksam: Das Regie-Duo Phil Lord und Chris Miller wollte dem nächstes Jahr startenden, noch namenlosen „Star Wars“-Ableger um Han Solo offenbar eine eigene Note hinzufügen und wich dafür – Schreck lass nach! – sogar vom Drehbuch ab, weswegen Studio-Chefin Kathleen Kennedy und Gralshüter Lawrence Kasdan die beiden wenige Wochen vor Beendigung des Projekts vor die Tür setzten. Die Wahl des Nachfolgers war dann wenig originell: Ron Howard, Lucasfilm-Bekannter seit „Willow“ (1988) und außerdem mit 63 Jahren in der gleichen, „ungefährlichen“ Altersklasse wie Kennedy (64) und Kasdan (68), wird auch hier erneut zwar für Unterhaltung, aber mit Sicherheit für keinen Film sorgen, der länger als 12 Minuten nach Abspann im Gedächtnis bleibt.

Im etwa dem gleichen Abteil sitzt auch der französische Regisseur, Drehbuchautor und Produzent Luc Besson (58). Einst Teil des „Cinéma du look” stieg der Regisseur in den letzten 20 Jahren mit seiner Produktionsschmiede EuropaCorp zu einer der wenigen europäischen Großmächte im internationalen Filmbusiness auf. Allerdings nicht unbedingt zum Qualitätsgaranten, denn die Firma setzt vor allem auf slickes, austauschbares Actionfastfood, das mit Blick auf eine optimale Vermarktbarkeit produziert wird. Und auch Bessons eigener Output ist eher ein „Hit and Miss“: Zwischen sicherlich diskussionwürdigen, aber sehenswerten Beiträgen wie „Léon – Der Profi“ (1994) finden sich auch Peinlichkeiten wie „Malavita – The Family“ (2013).

Was konnte man also erwarten, als Produzentin und Ehefrau Nummer vier Virginie Besson-Silla auf der diesjährigen Comic Con in Stuttgart die Verfilmung des französischen Comic-Nationalheiligtums „Valérian and Laureline“ ankündigte; als lebenslanges Wunschprojekt ihres Göttergatten anpries? Zudem es sich um einen Film handelt, der mit einem Budget von satten 180 Millionen Dollar die teuerste europäische Produktion überhaupt darstellt; eine Preisklasse, bei der Produzenten normalerweise angstvoll über alles, was auch nur im Entferntesten irgendwie nach Sicherheitsrisiko aussieht, mit der ganz großen Walze drüberrollen.

Was immer man auch erwartet hat, mit dem Resultat dürfte wohl niemand so wirklich gerechnet haben. Die Verfilmung des extrem einflussreichen Comics, der auch unübersehbare Spuren in – und da schließt sich der Kreis wieder – „Star Wars“ hinterlassen hat, dürfte tatsächlich eine Herzensangelegenheit für den französischen Mogul gewesen sein, denn der legt sein Epos als eine nur schwer adäquat in Worte zu packende Pop-Art-Version der amerikanischen Konkurrenz an; als ein vor Ideen nur so übersprudelndes „Star Wars“ auf LSD, dem der jugendliche Elan nur so aus der Leinwand-Ritze quillt und das dem mittlerweile nur noch angstvoll auf sich selbst referierenden Lucasfilm-Altersheim eindrucksvoll vorführt, das der Hammer fortan in Frankreich hängt. Und vor allem entführt Besson seine Zuschauer tatsächlich in eine Vielzahl fantasievoll, ungemein detailliert gestalteter Welten und nicht einfach nur in den nächsten Merchandising-Katalog.

Egal ob pastellblaue Meeren, neonleuchtende Kreaturen, verschiedenfarbige Wolken, eine virtuelle Stadt auf einem Wüstenplaneten oder einfach nur pupillensprengende Hawaiihemden – man weiß gar nicht, wo man hinschauen, was man zuerst bestaunen soll, Besson orientiert sich hier eng am „Cinéma du look” seiner Anfänge und läßt sich auch vom Druck eines solchen Mammutprojekts nicht beirren: „Valerian“ startet ungewöhnlich bedächtig und vertraut dabei völlig zu Recht auf die Kraft seiner Bilder ohne allerdings je in die Selbstbesoffenheit des in diesem Punkt nicht ganz unähnlichen „Avatar“ (2009) zu verfallen. Schritt für Schritt wird zusammen mit dem Regisseur aus den Augen eines staunenden Kindes heraus die Welt des Films erkundet, erst allmählich schält sich der Plot heraus, der mit zunehmender Laufzeit allerdings auch wieder nach und nach zerbröselt. Und genau das könnte das Unternehmen in kommerzieller Hinsicht vielleicht stolpern lassen: „Valerian – Die Stadt der tausende Planeten“ ist definitiv nichts für Leute, die mit angestrengter Miene im Kino sitzen und Kleinklein wie „Logikfehler“ notieren und – trotz formaler Brillanz – ebensowenig ein Film, der uns lediglich arschteure Set Pieces ins Gesicht prügeln möchte (was besonders das – im Verhältnis zur US-Big-Budget-Konkurrenz – angenehm schlanke Finale überdeutlich macht).

Nein, es handelt sich um den Film eines blutjung gebliebenen 58jährigen, der uns einlädt, an seiner Leidenschaft teilzuhaben (Besson ist laut Eigenauskunft seit dem 10. Lebensjahr Fan der gezeichneten Vorlage), ein Film der uns zu einer luftig-leichten Reise durch ferne Galaxien einlädt, der möchte, dass wir nicht nur gucken, sondern entdecken; ein Film, der sich und seine Zuschauer aufrichtig liebt. Und sich einwickeln zu lassen fällt wahrlich nicht schwer, denn mit Dane DeHaan (Valerian) und Cara Delevingne (Laureline) stehen zwei extrem spielfreudige, unheimlich charismatische, schlicht und einfach wahnsinnig süße Reiseführer, bei denen die Chemie in jeder Sekunde stimmt, zur Verfügung, die ihre Charaktere mit extrem liebenswerten Leben füllen. Es wundert nicht, dass Besson dem eigentlichen Plot eher weniger Beachtung schenkt, wenn Valerian und Laureline witzelnd und sich gegenseitig neckend durch atemberaubende Welten düsen ist alles andere auch tatsächlich irgendwie egal.

Mag sein, dass Bessons neustes Baby – im konventionellen Sinne gedacht – nicht „perfekt“ ist, es ist aber auch ein Baby, das mit riesengroßer, jederzeit spürbarer Leidenschaft gezeugt wurde. Bitte nicht erst auf DVD, Blu-ray oder VOD schauen, sondern ganz oldschool im KINO, sogar das 3D-Format taugt dieses Mal voll und ganz und erfreut mit überragender Tiefenschärfe und pointiert eingesetzten Effekten!

„Valerian – Die Stadt der 1000 Planeten“ startet am 20. Juli 2017 im Kino und wurde von Luc Besson inszeniert. Mit dabei sind Dane DeHaan (als Valerian), Cara Delevingne (als Laureline), Rihanna (als Bubble) und Ethan Hawke als Jolly the Pimp.