ATOMIC BLONDE – 007 kriegt ernstzunehmende Konkurrenz!

Es ist auf jeden Fall ein fairer Zug der Macher, dass die Leinwand-Adaption des von Antony Johnston geschriebenen und von Sam Hart gezeichneten Comics „The Coldest City“ den Titel „Atomic Blonde“ trägt und damit auf gewisse Weise schon mal vorwarnt, denn Zuschauer, die zuerst in den Genuss der gedruckten Variante gekommen sind, könnten sich – gelinde gesagt – leicht veräppelt fühlen. „Atomic Blonde“ sieht sich nämlich absolut nicht in der Pflicht Seite für Seite auf die Leinwand zu beamen, sondern liefert eine eigene, originäre Version der Geschichte. Die ist einerseits konsequent anders als die Vorlage, aber in Teilen der Neukonfiguration auch etwas – erwartbar – mutlos.

Die Geschichte ist im Kern dieselbe: 1989, Berlin, kurz vor dem Fall der Mauer: Top-MI6-Agentin Lorraine Broughton wird nach Deutschland geschickt um eine Liste ausfindig zu machen, die die Namen und persönlichen Details aller in Berlin stationierten, westlichen Agenten enthält. Zu diesem Zweck muss sie sich mit Stationsleiter David Percival zusammenraufen, der seine Zeit in Berlin, fernab von den prüfenden Augen des MI6, etwas zu sehr genießt und ein eigenes kleines Reich aufgebaut hat, indem er ungestört und oft illegal agiert…

Dass „The Coldest City“ mit seiner finster-frostigen Atmosphäre und seinem undurchsichtigen, wenig identifikationsstiftenden Personal nicht eins zu eins den Sprung auf die Leinwand schaffen würde, war klar und so handelt es sich bei Lourraine Broughton nun nicht mehr um eine unterkühlte, eher unscheinbaren Frau, sondern um das unterkühlte, ganz schön auffällige Ex-Model Charlize Theron, die zwar sicherlich atemberaubend schön ist, bei der man sich aber auch fragt, welcher Geheimdienst-Chef auf die Idee kommt eine Frau mit ca. 12 Meter langen Beinen für einen Job zu engagieren, indem Diskretion das Höchstmaß aller Dinge ist? Folgerichtig wurde auch David Percival, im Comic ein alter, frauenfeindlicher Dinosaurier, zum attraktiven, durchtrainierten Hengst umgebaut, der morgens mit gleich drei Ladys im Bett aufwacht. Das alles fügt sich aber bestens ins Gesamtbild, denn ebenso muss das schwarz-weiße, durch und durch paranoide Berlin der Vorlage einer neonfarbenfrohen Alternativversion weichen, die ihre Künstlichkeit offen ausstellt und dabei Zeitgeschehen, Popkultur und Kunst zu einem reizvollen, etwas an die kühle Bildsprache des frühen Tony Scott erinnernden, Mosaik zusammenführt.

Der Film wird trotz moderner, betont lässiger Inszenierung aber nie postmodern-selbstbesoffen, es gibt keine tarantinoesken Winke-Winke-Gags, er verfällt aber auch nie in blanken Zynismus wie „John Wick“ (2014) (bei dem Leitch als Co-Regisseur beteiligt war), sondern bleibt ein altmodischer Spionagethriller, der seine Figuren durchaus ernst nimmt. Das äußert sich vor allem in der Portraitierung von Lorraine Broughton, die sich, auch dank zahlreicher, zum Teil wirklich atemberaubend inszenierter Actionszenen, ein Stück weit als weibliches James-Bond-Gegenstück empfiehlt, aber eben auch als Mensch portraitiert wird, der die zahlreichen Auseinandersetzungen nur schwer ramponiert durchsteht (gerade diesbezüglich entpuppt sich die Besetzung mit Theron als ideal, denn die Diskrepanz zwischen vorher und nachher ist beachtlich; ja regelrecht schmerzhaft anzusehen) und hinter dessen verhärteter Fassade immer wieder Einsamkeit und Furcht hervorblitzen.

Eine durchaus würdevolle Neuinterpretation eines tollen Stoffs, leider holpert’s ein paar Stellen dann doch: Dass man Broughton ein lesbisches Techtelmechtel andichtet (beim betreffenden Charakter handelt es sich ursprünglich um eine Mann) ist natürlich ein Zugeständnis an den Zeitgeist und grundsätzlich ist dagegen auch nichts zu sagen, allerdings bleibt man auf halber Strecke stehen, denn was die beiden Frauen ineinander sehen, lässt sich höchstens erahnen, in dieser Form wirkt die Konstellation bestenfalls wie eine knusprige Männerfantasie (gut, sicherlich auch nicht völlig verkehrt). Auf eine gewisse Weise ebenso ein Zugeständnis an den Zeitgeist ist der mal wieder völlig hilflose Umgang mit dem Soundtrack, ein Thema mit dem generell in fast ganz Hollywood niemand mehr so richtig was anzufangen weiß: Anstatt seinen tollen Bildern zu trauen, hämmert Leitch seinen Zuschauern mit einem inflationären Einsatz von 80er-Jahre-Hits („99 Luftballons“ kommt sogar gleich zweimal zum Einsatz, ächz!) permanent in den Kopf, dass wir uns in den 80er-Jahren befinden und unterwandert damit teilweise auch die Eindringlichkeit seine Actionszenen – allerdings wird überraschenderweise beim Action-Höhepunkt, einer über 10minütigen Rangelei in einem Treppenhaus, komplett auf Musik verzichtet, was die Wirkung der Sequenz tatsächlich maximiert und (nachträglich) beweist: Weniger wäre definitiv weitaus mehr gewesen!

Typisch Hollywood natürlich auch das Ende: Anstatt es bei der schönen, bösen Schlusspointe aus der Sprechblasenfassung zu belassen, gibt es natürlich noch einen Nachklapp, der Broughton endgültig als tragische Heldin installiert und für ein Sequel, Prequel, Inbetweenquel oder Cinematic Universe in Stellung bringt.

Dennoch: Eine Comicverfilmung, die ihr eigenes Ding durchzieht – lobens- und sehenswert!

Atomic Blonde. Deutschland/Schweden/USA 2107. Regie: David Leitch. Darsteller: Charlize Theron, James McAvoy, John Goodman, Sofia Boutella. Universal Pictures Germany. Ab 24. August im Kino.