DURANGO – Flucht nach Mexiko

5000 Dollar sind eine Menge Geld. Erst recht im Arizona des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Soviel ist Durango, der überall steckbrieflich gesucht wird, inzwischen Wert (siehe Band 1 der Gesamtausgabe). Und 5000 Dollar ist auch ein Batzen, der Feinde, sprich Verfolger auf den Plan ruft. Deshalb will unser Held nach Mexiko, sich dort verkriechen, bis Gras über die Sache gewachsen ist. Doch daraus wird nichts. Denn nahe der Grenze trifft Durango auf Amos Rodriguez. Der macht in Mexiko krumme Geschäfte und unterstützt damit seine verarmten Landsleute. Amos wird ebenfalls gesucht. So ist es kein Wunder, dass die Wege der beiden sich wieder kreuzen. Inzwischen hat sich der skrupellose Logan an Durangos Fährte geheftet, während Pinkerton-Mann Siringo nach Amos fahndet. Durango scheint den Kürzeren zu ziehen und wird gefasst, bekommt aber eine unverhoffte Chance: er soll im Gegenzug für seine Freiheit ausgerechnet Amos zur Strecke bringen. Doch die beiden Brüder im Geiste wie auch im Kampfe verbünden sich erneut, bis es letztendlich zum blutigen Showdown zwischen Durango, Amos und ihren Verfolgern kommt…

Klingt gradlinig, ist es aber nicht. Zumindest nicht immer. Tatsächlich bezieht sich diese (wirklich kurze) Inhaltsangabe auf den kompletten, zweiten Band der Durango Gesamtausgabe. Bestand der erste Band noch aus einzelnen, abgeschlossenen Abenteuern, die lediglich durch eine zeitliche Kontinuität verbunden waren, wartet Band 2 nun gleich mit einer weitläufigen Trilogie auf, die Autor und Zeichner Yves Swolfs noch dazu clever konstruiert und zu einem furiosen Finale führt. Im ersten Teil lernen wir die Protagonisten kennen: die Outlaws, zu denen sich Durango nun zählen muss, sowie Amos Rodriguez, der als eine Art Robin Hood den Armen beisteht und der mit seinen Leuten als Rebell gilt und deshalb von den mexikanischen Federales verfolgt wird. Auf der anderen Seite zuerst der Pinkerton Mann Siringo und dann der skrupellose Kopfgeldjäger und Mietkiller Logan, der sich als hartnäckigster Verfolger und Gegner erweisen wird. Die Sympathien liegen dabei natürlich zur Gänze auf Durango und Amos, „den Guten“, die sich als Outlaws auf der „falschen“ Seite des Gesetzen beweisen und durchsetzen müssen.

Im mittleren Teil der Trilogie dauert es nicht lange, ehe Durango wieder an der Seite von Amos steht und kämpft. Unterstützt werden sie von dem deutschen Idealisten und Karl-Marx-Fan Maximilian von Ruhenberg, der – wie sich herausstellen wird – die lange Reise in den Wilden Westen auch aus persönlichen Gründen antrat und dessen Auftritte noch mehr Abwechslungs-Tupfer in die Handlung bringen. Sympathischen Idealisten verzeiht man ja schließlich vieles. Nach diversen gegenseitigen Angriffen, Übergriffen und Verfolgungsjagden, stets mit hohem Bodycount, nimmt das Finale Furioso den kompletten letzten Teil ein. Logan und die Federales greifen mit Hilfe von Verrätern das Versteck von Amos und Durango an, brachial mit Kanonen und Kavallerie. Das Ende scheint einmal mehr unausweichlich, aber eine Portion Wahnsinn, gepaart mit Glück und Cleverness verhindert die totale Niederlage: Amos und Durango können gerade so mit heiler Haut dem Massaker entkommen. Dass es dann doch noch zum finalen Duell kommt, ganz nach feiner Western-Art inszeniert, ist auch klar.

„Amos“ erschien 1985 erstmals auf Deutsch in der „Editions des Archers“ (als einzige deutschsprachige Serie des Verlages). Der Nachfolger, „Wilde Sierra“ war dann der erste Band, der im Nobert Hethke Verlag erschien, wobei die Nummerierung nahtlos fortgeführt wurde. Ebenfalls bei Hethke kam „Das Schicksal des Desperados“ heraus, der Abschluss und Höhepunkt des Dreiteilers, der dann nochmals 2013 als „Der Weg des Desperados“ bei Kult Editionen das Licht der Deutschen Albenwelt erblickte. Nun also die Gesamtausgabe, die es erlaubt, die Geschichte nahtlos in einem Ruck durchzuziehen. Leider wieder ohne jegliches Bonusmaterial als reiner Sammelband. Yves Swolfs hat inzwischen seinen Stil – sowohl zeichnerisch als auch erzählerisch – gefunden. Seinen wortkargen Gunslinger mit den schwarzen, fingerlosen Handschuhen und der charakteristischen „Mauser“ Automatik-Pistole – eigentlich ein Einzelgänger – baut er geschickt in eine epische Geschichte ein, die von Verrat, Verfolgungen und natürlich Schießereien en masse gekennzeichnet ist, so wie es bei einem staubig-dreckigen Italowestern eben sein muss.

Dabei verzichtet Swolfs dieses Mal auf bekannte Charaktere aus dem Filmfundus des Italowesterns (siehe Klaus Kinski in Band 1 oder aktuell Henry Fonda in Band 17), zitiert aber mit den Maschinengewehr-Szenen gleich mehrmals ein ikonisches Motiv des Genres aus dem Klassiker „Django“ von Sergio Corbucci. In seinen Zeichnungen stellt er sich ganz in die realistische franko-belgische Western Tradition, die von Jijé (mit Jerry Spring) und Jean Giraud (mit Blueberry) begründet wurde, behält jedoch seinen eigenen, unverkennbaren Stil, der mit den fortlaufenden Seiten sichtlich reift (die Kulleraugen werden kleiner…). Angesichts der abgeschlossenen Einzelabenteuer überrascht der Band als hervorragend konstruierter Dreiteiler, wieder im urtypischen Italo-Ton: staubig, dreckig und verkommen – und das gilt sowohl für das Setting als auch für die Testosteron-gesteuerten, unnachgiebigen Charaktere.

Yves Swolfs: Durango Gesamtausgabe Band 2. Splitter Verlag, Bielefeld 2017. 144 Seiten, 29,80 Euro