NICK CAVE: Zwei Bände über den australischen Ausnahme-Musiker

Mit dem Duett „Where The Wild Roses Grow“ vom Konzept-Album „Murder Ballads“ landeten Nick Cave, seine Band „The Bad Seeds“ und Gesangspartnerin Kylie Minogue einen weltweiten, kommerziellen Hit, dessen erzählerischem Sog sich auch gestandene Indie-Polizisten und Mainstream-Verweigerer nicht entziehen konnten. Doch die Geschichte von Nick Cave begann viele Jahre vor diesem Punkt, führte ihn aus seiner Heimat Australien erst nach London, dann nach Berlin, wo er neben einer besorgniserregenden Drogenkarriere auch seine „Bad Seeds“ kultivierte, die er mit Blixa Bargeld, dem Frontmann der avantgardistischen Krachmacher der „Einstürzenden Neubauten“ gründete.

Heute lebt Cave nicht mehr in Berlin, der mit Auszeichnungen nur so überhäufte Comic-Künstler Reinhard Kleist aber sehr wohl. Kleist machte vor allem als aufmerksamer und treffsicherer Comic-Biograph von sich reden. Neben Boxer Harry Haft, Leichtathletin Samia Yusuf oder Revolutionsführer Fidel Castro, scheinen vor allem Musiker Kleist zu faszinieren. Nach Elvis Presley und Johnny Cash reiht der Künstler nun mit Nick Cave eine neue, scharf profilierte Musikerlegende mit vielen Ecken, Kannten und einer bewegten, dramatischen Vergangenheit in seine Galerie der in Tusche verewigten Rebellen ein.

Eine chronologische, steif erzählte Aufzählung von Lebensstationen macht noch lange keine gute Biographie aus, schon gar nicht dann, wenn sie, wie im Medium Comic noch so viele weitere Möglichkeiten der künstlerischen Ausgestaltung und Interpretation bietet. Wie gut, dass „Mercy on Me“ deshalb pünktlich zum sechzigsten Geburtstag von Ausnahme-Künstler Cave keinen solchen angestaubten Versuchunternimmt, seine Meilensteine einfach nur Revue passieren zu lassen. Vielmehr ist die Graphic Novel eine Art Schlüssel zur von Cave erschaffenen Mythologie, verbindet seine persönlichen Erlebnisse durch surreale, fesselnde Rauschsequenzen mit Songtexten oder Caves zu großen Teilen unter Drogeneinfluss verfasstem Roman „Und die Eselin sah den Engel“.

Wer bislang nicht das Verlangen verspürt hat, tiefer in die morbide Gedankenwelt von Cave einzutauchen, erkennt mit „Mercy on Me“ schnell zahllose und gute Gründe, diese Wissenslücken wie auch der Autor dieses Artikels schnell aufzuarbeiten. Langjährige Fans und Kenner des düsteren Singer-Songwriters erfreuen sich hingegen an zahlreichen Querbezügen und der atemberaubenden Visualisierung ikonischer Titel wie „Mercy Seat“, die Reinhard „King Ink“ Kleist in bizarr wenige, aber beeindruckend treffsichere Tuschelinien kleidet. Für genau diese Cave-Jünger stellt das begleitende Artbook „Nick Cave and the Bad Seeds“ im bombastischen LP-Format ein zusätzliches Bonbon dar, dass ohne die erzählerischen Ansprüche des monochrom-stimmungsvollen Hauptwerkes weitere, großartige Illustration, nun auch teilweise koloriert bietet.

Reinhard Kleist: Nick Cave – Mercy On Me. Carlsen, Hamburg 2017. 328 Seiten, 24,99 Euro.
Reinhard Kleist: Nick Cave and the Bad Seeds (Artbook). Carlsen, Hamburg 2017. 96 Seiten, 24,99 Euro.