THE COLDEST CITY – Kälter geht’s wirklich nicht!

November: 1989: Der Fall der Mauer ist absehbar, doch der Kalte Krieg dauert immer noch an. Lorraine Broughton, eine Agentin des MI6 wird nach Berlin geschickt um den Mord an einen Kollegen zu untersuchen, der in Besitz einer supergeheimen Liste mit Namen aller in Berlin stationierter Agenten war. Die Liste soll natürlich dringend gefunden werden, weshalb sich Lorraine wohl oder übel mit dem US-Agenten und Super-Chauvi David Perceval zusammenraufen muss…

Was sich in der Zusammenfassung fast schon wie eine dieser typischen Buddy-Actionkomödien anhört, entpuppt sich als verblüffend konsequente Rückkehr zum Spionagethriller der 1960er und 1970er-Jahre, dessen prominentester Vertreter natürlich die Reihe um den Superagenten James Bond 007 ist. Allerdings orientiert sich Anthony Johnstons knochentrockenes Ränkespiel nicht so sehr an der poppigeren Variante dieses Genres, sondern eher an bodenständigere Filme wie „Liebesgrüße aus Moskau“ (1963) oder „Der Spion, der aus der Kälte kam“ (1965), beziehungsweise den Romanen John le Carrés; ein klitzekleines bisschen lässt „The Coldest City“ in seiner distanzierten, sachlichen und unpathetischen Schilderung der Geschehnissen und vor allem in der extrem frostigen Stimmung auch Erinnerungen an den historisch sicherlich anders vororteten, aber trotzdem ähnlich gelagerten Film „Armee im Schatten“ (1969) von Jean-Pierre Melville wach werden.

Der Autor fächert eine Welt auf, in der jeder auf sich alleine gestellt ist; eine Welt, in der Freundschaften oder gar weitergehende Beziehungen nicht existieren; eine Welt, in der man selbst bei vermeintlich harmlosen Bar-Flirtereien auf der Hut sein muss, da keiner der ist, der er zu sein scheint und jeder Jeden übers Ohr haut. Das wird klassisch zweckgebunden, ziemlich geradeaus und knochentrocken erzählt, was dem ein oder anderen vielleicht auch den Zugang schwer macht, denn von den Charakteren erfährt man nur wenig, auch Hauptfigur Lorraine Broughton bleibt – eben ganz im Sinne ihres Jobs – eher undurchsichtig.

Dass das Ganze trotzdem nie leserunfreundlich wird, ist der tollen Umsetzung zu verdanken: Der gut konstruierte, wendungsreiche Plot fühlt sich realistisch an und perlt geschmeidig von der Kette, des weiteren ist das „Cold“ in „The Coldest City“ absolut ernst zu nehmen, denn Sam Hardt illustriert die Erzählung mit einer sagenhaften Schwarz-Weiß-Bilderflut, in der die Charaktere von den Farben oftmals regelrecht aufgelöst werden; einer Bilderflut, die die Kälte, Isolation und Paranoia des Agentendaseins perfekt transportiert, die die Geschichte regelrecht zu einer Art Totentanz umfunktioniert, den wie heißt es an einer Stelle treffend: „Lügen, Geheimnisse, noch mehr Lügen…Dafür leben wir, schätze ich.“ – der Mensch, die eigene Identität als solche, ist hinter all dem tief begraben und so steuert „The Coldest City“ auch auf eine konsequenten Schluss zu, der nachhallt. Eine tiefschwarze Perle im Comic-Ozean, Gourmets sollten abtauchen und sie sich schnappen!

Anthony Johnston, Sam Hart: The Coldest City. Cross Cult, Ludwigsburg 2017. 192 Seiten, € 25,00