„The Defenders“ – auch bekannt als „Die Labertaschen“

Marvel, Marvel, oh Marvel – ihr macht mich fertig. Nichts gegen die nach wie vor oft großartigen Comics, aber im Kino habt ihr euch nach einem viel versprechenden Start als Leinwand-Äquivalent zu McDonalds entpuppt. Egal, was man isst, schmeckt alles gleich, nicht gut, nicht mittel, einfach nur gleich, mit gelegentlichen Schlenker Richtung beschissen („Spider-Man: Homecoming“, der eindrucksvoll beweist, dass mittlerweile wohl auch die Figuren völlig egal sind). Natürlich, der Erfolg gibt euch Recht, aber wie lange noch? Der Fastfood-König jedenfalls hat seine Glanzzeiten längst hinter sich…

Hoffnung gab’s ab 2015 im Seriensektor: Was war ich begeistert von den jeweils ersten Staffeln von „Daredevil“, „Jessica Jones“ und „Luke Cage“! Die Figuren wurden mit Würde behandelt, die Storys waren fokussiert und durchaus vielschichtig, inszenatorisch setzte man Akzente. Doch mit der zweiten Staffel von „Daredevil“ kam schon der erste Tiefschlag, der „Game Of Thrones“-Virus machte sich breit: Viel zu viel von allem. Zu viele Figuren, zu viele Plotstränge, ein Brei, der nur durch gute Darsteller und viele gelungene Actionszenen noch halbwegs genießbar war, aber die Geduld schon merklich strapazierte. Der totale Absturz kam dann mit „Iron Fist“. Die Macher gingen hier ulkigerweise den umgekehrten Weg und breiteten viel zu wenig Inhalt auf viel zu viel Laufzeit aus, der blasse Hauptdarsteller, die uninspirierten Bilder und die schlappen Schauwerte gaben der Serie den Rest: Weder Presse, noch Fans fanden Gefallen an dem müden Geschehen.

Nun also „The Defenders“, eine achteilige Mini-Serie, die alle vier Vorgänger zusammenführt; eine Serie, in der die Figuren sich treffen um gemeinsame Sache zu machen.

Krysten Ritter (Jessica Jones), Finn Jones (Iron Fist), Charlie Cox (Daredevil) und Mike Colter (Luke Cage)

Die guten Nachrichten zuerst:

Die Action orientiert sich glücklicherweise wieder an „Daredevil“, es sind wieder knallige, schnelle Fights mit Druck angesagt und kein müdes Ringelpietz mit Anfassen, selbst die eiserne Faust macht eine etwas bessere Figur als zuvor. Aber auch sonst befinden sich die vier vorab gezeigten Folgen in inszenatorischer Hinsicht wieder auf gutem Niveau; die Charaktere, deren jeweilige Serien erstmal eine Weile in separaten Plotsträngen fortgeführt werden um dann langsam aber sicher zum eigentlichen Geschehen überzuleiten, bringen ihren jeweiligen visuellen Stil mit und der kann sich größtenteils sehen lassen.

Elodie Yung (als Elektra)

Nun die schlechten Nachrichten:

Als Showrunner fungieren Douglas Petrie und Marco Ramirez, das Duo hinter der zweiten Staffel von „Daredevil“ und die beiden wiederholen die alten Fehler in verschärfter Form, da man hier natürlich vor dem Problem stand nicht nur vier Figuren zusammenzubringen, sondern die jeweiligen Serien auch weiterzuerzählen und schlussendlich zu verschmelzen UND zudem mit Alexandra noch einen neuen Gegner einzuführen. Das endet genau so, wie erahnt: Voll ist gar kein Ausdruck. „The Defenders“ fühlt sich an wie der Kölner Hauptbahnhof zur Mittagszeit: An den fünf Hauptfiguren flattert eine Armada an Nebenfiguren vorbei (Trish Walker, Foggy Nelson, Gao, Malcolm Ducasse, Misty Knight, Claire Temple, Bakuto undundundund…), die alle mal kurz „Hallo!“ sagen dürfen und zusammen mit dem Umstand, dass die ersten drei Folgen in (inhaltlich wie optisch) unterschiedliche Plotstränge aufgeteilt sind, dafür sorgen, dass man den Eindruck hat, man guckt verschiedene Serien gleichzeitig.

Sigourney Weaver (als Alexandra)

Dank der im gefühlten Fünfminuten-Takt wechselnden Handlungsbröckchen entsteht natürlich keinerlei Dringlichkeit oder gar so was wie Spannung und leider sorgen ebenso wenig massig Actionszenen dafür, dass die Augen wenigstens zur Hälfte offen bleiben, denn die Defenders tun vor allem eins gerne: Reden. Ohne allerdings sonderlich viel zu sagen. Besonders gerne wird erklärt, was eh schon klar ist. Wo kommen wir her, wo gehen wir hin, was machen wir jetzt? Hitchcock hätte sich im Grab umgedreht, von „Show, don’t tell“ haben Petrie und Ramirez wohl noch nie was gehört. Ein einziger Labermarathon und das Beste: Nach rund 2 ½ Stunden treffen die Figuren am Ende der dritten Folge dann ENDLICH aufeinander, findet die Sendung ENDLICH zu sich und es gibt tatsächlich sogar etwas ansehnliche Team-Action: nur um praktisch die komplette vierte Folge im China-Restaurant zu lümmeln und zu REDEN. Aber es kommt noch besser: Irgendwann stößt Alexandra überraschend hinzu, man denkt, toll, fein, jetzt geht’s endlich los, aber was sagt die Frau? „Ich hielt es für eine gute Idee, wenn wir alle darüber reden…“. ARGH!

Natürlich, es kann schon sein, dass die Serie in den verbleibenden Folgen noch irgendwelche Qualitäten aufweist, aber noch mögliche Pluspunkte könnten ebenfalls nicht drüber hinwegtäuschen, dass Marvel auch im TV-Sektor so langsam sein Pulver verschossen hat.

„The Defenders“ startet am 18. August 2017 auf Netflix. Mit dabei sind Finn Jones (als Danny Rand), Mike Colter (als Luke Cage), Charlie Cox (als Daredevil) und Krysten Ritter als Jessica Jones.