BATMAN: NIEMANDSLAND – Finster, komplex, absolut packend

Bei „Niemandsland“ handelt es sich um ein groß angelegtes Epos, das 1999 in den USA während des ganzen Jahres von DC in Form von 80 regulären Heften, vier Specials und einer Graphic Novel die Fans zum Sabbern brachte und nun von Panini nach und nach in Form von Sammelbänden offeriert wird; die Vorgeschichten „Batman: Das Beben“ (1+2) und „Auf dem Weg ins Niemandsland“ (1+2) sind bereits erschienen, nun geht’s ans Eingemachte.

Die Story, oder vielmehr der „Basis-Plot“, man kann sich denken, dass bei solch einem, in verschiedene Story-Arcs unterteilten, mit diversen Spin-Offs gewürzten, Umfang eine auch nur annährend adäquate Zusammenfassung kaum möglich ist, geht so: Gotham City wurde von einem gigantischen Erdbeben verwüstet, in dessen Verlauf viele Einwohner Freunde, Verwandte oder gar ihr eigenes Leben verloren haben. Aber es kommt noch bitterer: die US-Regierung hat die Metropole aufgegeben und zum Sperrgebiet erklärt; die Stadt wird durch eine Militärblockade von der Außenwelt völlig abgeschnitten, weswegen natürlich Panik und Chaos ausbricht, was sich vor allem diverse Gangs und Megaschurken wie der Pinguin, der Joker oder Scarecrow zu Nutzen machen. Gotham hat Superhelden wie Batman und seine Freunde Jim Gordon, Azrael oder (das neue) Batgirl so notwendig wie nie zuvor, die drei Letztgenannten sind auch gleich zur Stelle, doch… wo ist eigentlich Batman?

Das Tolle am unter anderem von Bob Gale (Co-Drehbuchautor der für immer und ewig geliebten „Zurück In Die Zukunft“-Franchise) geschriebenen „Niemandsland“ ist, dass trotz anwesender Superhelden auf Superhelden-Konventionen weitestgehend verzichtet wird, sondern Realismus und Nachvollziehbarkeit im Vordergrund stehen. Ihr Anliegen machen die Schöpfer gleich von Start weg deutlich, denn man nimmt sich angenehm viel Zeit um unaufgeregt in die Geschichte einzuführen: So wird praktisch das ganze erste Heft „(Un)Recht und (Un)Ordnung , Teil 1: Werte“ dazu verwendet, um den dargestellten Kosmos – inkl. Landkarte der von Gangs und Verbrechern neu aufgegliederte Stadt! – aufzufächern: Es wird greifbar gemacht, wie kostbar selbst banalste Lebensmittel (ein Sandwich oder auch einfach nur ein Apfel) und wie überflüssig gleichzeitig einstmals begehrte Produkte wie Walkmen oder Rolex-Uhren geworden sind, denn man kann ja keine Musikkassetten mehr kaufen und die Uhrzeit interessiert in einer komplett zusammengebrochenen Zivilisation letztendlich auch nicht mehr wirklich. Genauso wird beschrieben, welche Bevölkerungsschichten nach solch einer Katastrophe zurückbleiben (natürlich in erster Linie die, die kein Geld zur Flucht hatten), wie die Menschen wieder zu ihren „Jäger und Sammler“-Wurzeln zurückkehren und wie in einer Welt, in der kein Nachschub kommt, handwerkliches Können (reparieren, nähen…) plötzlich am Wichtigsten wird (an dieser Stelle gibt es auch einen wahnsinnig komischen Gag, in dem ein Sozialarbeiter eine Rolle spielt…).

Dieser lange Atem hilft enorm ein Gefühl für das Geschehen und damit auch für die Figuren zu entwickeln, denn eine Bevölkerung, die sich soweit zurückentwickelt hat und die zudem in einem Gefühl permanenter Bedrohung lebt, ist natürlich empfänglich für die Machtspielchen eines Pinguin oder für die perfiden Intrigen eines Scarecrow. Genauso stellt, wie Jim Gordon feststellen muss, die Rückeroberung einer Stadt, in der praktisch nichts mehr gilt, den Glauben an Recht und Ordnung so manches Mal auf den Prüfstand. Und auch Batman, der natürlich wiederkehrt, muss sich in einer komplett veränderten Umgebung erstmal wieder zu Recht finden und nach der langen Abwesenheit seinen mittlerweile verblassten Mythos wieder herstellen, was gar nicht so einfach ist, wenn die technischen Hilfsmittel eingeschränkt sind und die Bürger Verbrechern plötzlich mehr Glauben schenken, als dem maskierten Kämpfer für das Gute; sich die Grenzen zwischen gut und böse aufgelöst haben…

„Niemandsland“ ist in seiner Komplexität und seiner Vielschichtigkeit (was allerdings niemals aufgesetzt wirkt) ein absolutes Highlight und stellt eindrucksvoll unter Beweis, was Superhelden-Comics leisten können – eine Story, die absolut süchtig macht, dankenswerterweise versorgen uns die Dealer von Panini bereits am 02.10.2017 mit Nachschub.

Eine Leseprobe gibt es hier.

Bob Gale, Dennis O’Neil, Devin Grayson, Alex Maleev, Roger Robinson, Dale Eaglesham : Batman: Niemandsland – Band 1. Panini,  Stuttgart 2017. 300 Seiten, € 26,99