Grimmig, grimmiger, KARNAK!

Beim 1965 von Stan Lee und Jack Kirby zum Leben erweckten Karnak Mander-Azur handelt es sich um ein Mitglied der Inhumans, das mit diesem Sammel-Band von Panini nun auch eine Solo-Story spendiert bekommt, was sich laut Ellis vermutlich so schnell nicht wiederholen wird, da die ursprünglich sechsteilige Mini-Serie in den USA eine etwas arg wackelige Veröffentlichungshistorie (es kam krankheitsbedingt zu mehreren größeren Verschiebungen) hinter sich hat, die auch den Abverkauf beeinträchtigte. Das ist ausgesprochen schade, denn „Der Makel in allen Dingen“ ist wirklich toll und installiert eine faszinierende, aber auch nicht gerade einfach zugängliche Hauptfigur, allerdings sind es doch gerade die kantigen Querköpfe, die uns besonders ans Herz wachsen, oder?

Erzählt wird jedenfalls von Karnak, ein Inhuman, dem als Kind die Terrigenese, ein Ritual im Terrige-Nebel, in dessen Verlauf die Inhumans ihre Superkräfte kriegen, verweigert wurde. Karnak wurde – aus eigener Kraft – allerdings trotzdem zum philosophierenden Kampfsport-Ass, das zudem die Gabe besitzt, auf Anhieb die Schwäche und den Makel in einfach allem zu erkennen und zu nutzen. Wie man sich vorstellen kann, eine Gabe, die einerseits ziemlich nützlich, anderseits aber auch ein Fluch ist. Wegen seiner erstaunlichen Fähigkeiten wird der Held, der mit seinem grünen Dress einen Tick an den Kollegen Green Arrow erinnert, von SHIELD engagiert um einen entführten Jungen zu suchen, der kurz zuvor die Terrigenese durchlaufen, aber seltsamerweise keine Superkräfte bekommen hatte…

Karnak dürfte wohl einer der mit Abstand grummeligsten Figuren in der vielfältigen Gallerie der Superhelden sein – man darf ihn nicht anlächeln, denn er empfinden Lächeln als Beleidigung und am liebsten erfreut er seine Umgebung mit herzerwärmenden Weisheiten à la „Liebe ist etwas für Jene, die an eine gnädigere Welt glauben!“ – doch Ellis, wäre nicht Ellis, würde Karnak nur bleischwer herumphilosophieren, so lässt er seinen ultra-nihilistische Miesepeter nach gewichtigen Ansagen gerne unvermittelt Sätze wie „Oh, und putzt mir ja die Latrinen!“ nachlegen oder es ist seine Umgebung, die pathetische Eigenauskünfte wie „Philosophisch gesehen bin ich bereits tot.“ mit einer entwaffnendem Geradeaus-Denke („Was tun Sie dann noch hier?“) zum implodieren bringt. Gerade dieser staubtrockene Witz gibt dem an sich sehr düsteren Stoff (der auch entsprechend konsequent endet) die richtige Würze und bewahrt vor dem Absturz in bedeutungsschwangeres Allerlei. Ellis ist einfach ein wahnsinnig begnadeter Erzähler, was sich auch darin zeigt, dass er seinen Zeichnern gerne großen Raum zum Austoben gibt, so gibt es hier ebenfalls – ähnlich wie bei der James-Bond-Reaktivierung – eine lange, wortlose, exzellent und vor allem sehr wuchtig-kompromisslos gezeichnete Sequenz (und gleichzeitig Hommage an den indonesischen Spielfilm „The Raid“ von 2011), in der Karnak in einer Berliner Fabrikhalle eine Horde böser Jungs brutal zerlegt

Ein durch und durch toller Comic, der den Marvel-Planeten auf wunderbarste Art und Weise bereichert, vor allem Superhelden-Fans mit Entdecker-Attitüde sollten schleunigst zugreifen!

Warren Ellis, Gerardo Zaffino, Roland Boschi: Karnak – Der Makel in allen Dingen. Panini, Stuttgart 2017- 140 Seiten, 16,99 EUR