KINGSMAN: THE GOLDEN CIRCLE – bunter, größer, aber leider auch nicht gut

„Kingman: The Secret Service“, teils Hommage an, teil Parodie auf (nicht nur, aber in erster Linie) die James-Bond-Reihe, sorgte 2014 für volle Kassen und verhältnismäßig gute Kritiken, konnte aber nicht ganz verbergen, dass sich hinter der flippigen Oberfläche ein arg biederer Kern verbirgt, der vermutlich auf den britischen, rechtskonservativen Regisseur Matthew Vaughn zurückzuführen ist. So krawallig man sich mit einer überlangen Metzelei in einer Kirche und reihenweise farbenprächtig explodierenden Köpfen auch gibt, so reaktionär auf der anderen Seite: Der Film hat nicht nur einen ausgesprochenen Oberklasse-Fetisch, ein Umwelt-Aktivist gibt zudem den Bösewicht, im Finale explodiert der Kopf eines Obama-Lookalikes und ein irrsinnig klemmiger und zudem auch nicht wirklich stimmig eingebauter Analsex-Witz sorgt für einen angemessen verstaubten Schlusspunkt oder vielmehr sollte für einen angemessen verstaubten Schlusspunkt sorgen, war aber anstatt dessen bizarrerweise der Anlass für tierische Aufregung und monatelange hitzige Diskussionen, zumindestens in diesem Punkt kann man dem Regisseur beipflichten, der nicht im Geringsten nachvollziehen konnte, dass nach blutigsten Provo-Metzeleien ausgerechnet ein Sexwitz für die meiste Empörung sorgte.

Natürlich wird von Vaughn und allen „Kingsman“-Fans der Film gerne mit „Ist ja alles nur Spaß!“ wegsortiert, okay, kann man vielleicht so sehen, vielleicht haben die Macher des Films tatsächlich nur rumgepoltert ohne sich viel dabei zu denken, aber die Fortsetzung „The Golden Circle“ lässt vermuten, dass der vermeintliche Wahnsinn eben doch Methode hat: In einer Sequenz des Films muss Held Eggsy einer Gangsterfreundin einen Peilsender in die Vagina schieben und das macht man natürlich am besten beim Sex. Als Eggsy meint, dass er vorher noch kurz aufs Klo muss, meint das Luder doch glatt – man will offenbar auf Biegen und Brechen den „Skandal“ aus dem Vorgänger noch mal provozieren – dass er ja auf sie pinkeln könne. Natürlich verneint Eggsy, verzieht sich aufs stille Örtchen und versucht dort ganz aufgeregt am Telefon von Freundin Tilde vorab Absolution für den anstehenden Geschlechtsverkehr zu bekommen, es ist ja nur beruflich. Tilde ist natürlich trotzdem nicht einverstanden und stinksauer, weswegen die Szene auf ein wenig Gefummel mit anschließendem Beziehungsstress hinausläuft. Das in einer sündhaft teuren Kinoproduktion natürlich nicht hemmungslos rumgeferkelt werden kann, ist klar, dass Eggsy und Tilde dann nicht nur wieder zueinander finden und in einem überflüssigen Nachklapp auch noch brav heiraten, während das „perverse“ Lotterlieschen für ihre vermeintliche Untreue in die Luft gesprengt wird, spricht Bände. Hier scheint auch ein obskures Missverhältnis zum Vorbild durch, obwohl Vaughn seinen Film als „postmodernen Liebesbrief an alte Agentenfilme“ sieht und 007-Klischees auf die Spitze treiben will, steht sein Film in dieser Abteilung ganz schön altbacken da; selbst die Bond-Macher sind sich der seit Jahrzehnten dampfenden, abgründigen Sexualität ihrer Figur bewusst (die wiederum auf Bond-Erfinder und Ladykiller Ian Fleming zurückzuführen ist) und haben das in „Casino Royale“ (2006) mit der herrlichen, sehr lustigen Hodenfolter so wunderbar auf die Spitze getrieben.

„The Golden Circle“ mutet aber nicht nur an dieser Stelle erstaunlich altmodisch an, der Umweltaktivist aus dem ersten Teil wurde nun gegen Dealerin Poppy ausgetauscht, die nein, (auch) keine Welteroberungspläne hat, sondern mittels verseuchten Stoff, der alle Konsumenten mit blauen Adern und mehr überzieht, im Prinzip lediglich eine liberale Drogenpolitik erpressen will, dabei aber überraschenderweise dem US-Präsidenten in die Hände spielt, der eine Chance sieht die ganzen Junkies komplett loszuwerden (was natürlich nicht klappt). Freut man sich anfänglich noch über diese Spitze, nutzt das der Film dann doch bloß für eine Anti-Drogen-Botschaft, so blökt Eggys Kumpel im Finale demonstrativ: „Das Zeug rühr ich nie wieder an!“ Gleichzeitig hat man bei aller Biedermeierei, die für sich genommen gar nicht mal so schlimm wäre, aber – ebenso wie in Teil 1 – keinerlei Probleme mit Gewalt, egal ob Menschen bei lebendigem Leib durch den Fleischwolf gedreht werden oder blutigste Shoot-Outs, die Actionklamotte ist mit Freude bei der Sache und hinterlässt dadurch einen extrem ambivalenten, regelrecht bigotten Eindruck.

 Aber selbst wenn man mal über alle inhaltlichen Stolpersteine hinwegsieht und das Ganze tatsächlich nur aus der Spaß-Brille betrachtet: „The Golden Circle“ ist das, was man eine Blendgranate nennt. Die Agentenkomödie, die dieses Mal übrigens nicht auf einer Vorlage von Mark Millar basiert, macht anfangs durchaus Spaß, die Sets sind liebevoll designed und wirklich prächtig anzuschauen (Poppy haust in einer von 50’s-Nostalgie durchtränkten Festung tief im Dschungel), die Darsteller gut bis super (Julianne Moore könnte wohl auch „Transformers 23“ nach oben spielen), im Bereich Action ist alles im Grünen, aber mit zunehmender Laufzeit wird klar, dass dem mit satten 140 Minuten weit über Gebühr ausgewalzten Film nicht viel Neues einfällt, außer die im ersten Teil erschossene Figur Harry Hart (Colin Firth) auf eine etwas arg langwierige Art und Weise wieder in den Film rein zuschreiben und ein paar neue Figuren an den Start zu bringen (ein Trick, den vor allem TV-Serien gerne anwenden um Inhaltslosigkeit zu kaschieren). Der Rest sind größtenteils Szenen aus dem ersten Teil, die, wie bereits angesprochen, halt variiert dargeboten werden. Kein kompletter Reinfall, vor allem Moore-Fans werden auf ihre Kosten kommen, aber den offenbar bereits in den Startlöchern stehenden dritten Teil brauch’s echt nicht.

 Kingsman: The Golden Circle. Großbritannien/USA 2017. Regie: Matthew Vaughn. Darsteller: Taron Egerton, Colin Firth, Julianne Moore, Mark Strong. Twentieth Century Fox Of Germany. Ab 21. September im Kino.