LADY SNOWBLOOD – Unheimlich sexy, unglaublich tödlich!

Natürlich wird auch hier wieder mit dem Popkultur-Pastiche-Maestro schlechthin, Quentin Tarantino, geworben, denn der 1972 erstmals in Japan erschienene und 1973 auch gleich virtuos verfilmte Manga-Klassiker „Lady Snowblood“ gilt als Inspirationsquelle für dessen „Kill Bill“ (2003). Wobei „Inspirationsquelle“ fast schon ein wenig zu tief gestapelt ist, denn wer sich das von Großmeister Kazuo Koike (auch verantwortlich für das mindestens ebenso großartig Samurai-Abenteuer „Lone Wolf & Cub“, welches in Hollywood ebenso bereits mehrfach als „Inspirationsquelle“ herhalten durfte) geschriebene Rache-Epos zu Gemüte führt, wird sich schon mehr als deutlich an den Flickenteppich des ewig selbstbesoffenen Regisseurs mit dem drei-Meter-fünfzig Kinn erinnert fühlen, bekommt aber auch mit Nachdruck vor Augen geführt, was für ein grandioser Geschichtenerzähler Koike doch ist.

Die Prämisse ist dabei herrlich schlicht: Yukis Familie wurde noch vor ihrer Geburt praktisch ausgerottet, Vater und Sohn getötet, die Mutter vergewaltigt. Die Mama kann zwar einen ihrer Peiniger töten, wird dafür aber festgenommen und ins Zuchthaus geworfen, in dem sie mit der halben Belegschaft schläft um einen (weiteren) Sohn zu kriegen, der sie rächen soll. Doch Wünsche gehen selten in Erfüllung und so gebärt sie ein Mädchen, Yuki, dass in den folgenden Jahren, als bildschöner, aber eiskalter Rachengel, als Lady Snowblood, nicht nur im Schnee für reichlich herumspritzendes Blut sorgen wird…

Was auf dem ersten Blick wie klassische, zigfach durchexerzierte Genrekost klingt, entpuppt sich als über 1000-seitiges (der Plot erstreckt sich über Band 1 und 2, Band 3 spielt zu einem späteren Zeitpunkt und erzählt eine andere Geschichte), lyrisches, überraschend komplexes Epos, dass die im Grunde einfache, um 1890 spielende, Rachegeschichte in zahlreiche, tonal und strukturell unterschiedliche Episoden zersplittert. Diese erzählen nicht nur von Lady Snowbloods Suche nach Vergeltung, sondern auch von der historisch-politischen Entwicklung Japans, das sich zu dieser Zeit auf den schweren Weg zu einer Großmacht der Moderne befindet, was mit einer Öffnung zur Außenwelt verbunden ist, die allerhand Veränderungen und vor allem einen tiefen Konflikt zwischen Tradition und Neuem mit sich bringt. Dieser Konflikt spiegelt sich auch in der Hauptfigur wieder, denn so sehr Lady Snowblood einerseits im Dienst der Tradition steht, desto wenig passt sie in die klassische, der Frau zugedachten Opferrolle. Yuki setzt ihren perfekt proportionierten, von Männern umschwärmten, Körper vor allem als Waffe ein, schickt ihrer Widersacher mit tödlicher Erotik ins Jenseits, denn wer die nackte, zarte und verletzlich wirkende junge Frau sieht, hat praktisch schon ihre Klinge im Bauch. Natürlich wandelt Koike damit auch ein Stück weit am Rande einer Männerfantasie, stürzt aber nie ab, da seine faszinierende Figur fast durchweg etwas Fremdes, Kaltes, Außerweltliches hat; ein Todesengel auf den direkten Weg in die Hölle.

Ein unvergessliches Epos, das von Carlsen Manga dankenswerterweise in drei schicken Einzel-Bänden (die zusammen mit einem Triptychon auch im Sammelpack zu haben sind) neu aufgelegt wurde und in jeder, aber auch wirklich J.E.D.E.R gut sortierter Comic-Sammlung einen Ehrenplatz haben sollte.

Ebenfalls unbedingt empfehlenswert ist die bereits erwähnte Verfilmung von Toshiya Fujita, die den Manga natürlich nur in stark komprimierter Fassung wiedergibt, dafür aber mit erlesenen Bildern und einer absoluten Idealbesetzung besticht: Die Schauspielerin und Sängerin Meiko Kaji (ebenso verantwortlich für das feine Titellied „Shura No Hana“, das sich – na logo – als „Flower Of Carnage“ auf dem Soundtrack von „Kill Bill“ wieder findet) transportierte die gezeichnete Vorlage mit viel Ausstrahlung und schauspielerischer Subtilität absolut perfekt auf die Leinwand, selten wurde eine Comicfigur so derart lebendig – es wundert nicht, dass Kaji dank dieser und weiteren, artverwandten Rollen (wie zum Beispiel in den zwischen 1972 und 1973 entstandenen „Female Prisoner Scorpion“-Filmen) zur absoluten Ikone wurde und am 11.09.2017 auch endlich eine lang überfällige Biographie mit dem schöne Namen „Unchained Melody: The Films Of Meiko Kaji“, geschrieben von Japanfilm-Experte Tom Mes, spendiert bekommt, die mit Sicherheit auch ausführlich auf „Lady Snowblood“ eingehen, allerdings nur auf Englisch erhältlich sein wird, da der Filmbuchmarkt in Deutschland leider so gut wie tot ist.

Die Leinwand-Adaption und dessen etwas schwächere, aber nichtsdestotrotz sehenswerte Fortsetzung „Lady Snowblood 2 – Love Song of Vengeance“ von 1974 gehören dankenswerterweise auch zu den wenigen japanischen Klassikern die hierzulande (von Rapid Eye Movies) erschienen und somit problemlos erhältlich sind. Also, auf zu Amazon, ein Rundumsorglospaket (Manga, Filme, Bio) bestellen und ABTAUCHEN!