ANDROIDEN – Ewiges Leben – alter Traum oder neuer Albtraum?

Eigentlich scheint eines der ältesten Ziele der Menschheit erreicht: dank einer wundersamen Chemikalie ist man ohne Krankheit, altert nicht – kurzum, unsterblich. Die Kehrseite der Medaille: die Mischung, die in Form von blauen Pillen großzügig kostenfrei vom Konzern Microcorp verteilt wird, macht unfruchtbar. Dafür hat man sich praktische Helferlein geschaffen: eine Armada von Robotern mit durchaus beachtlicher künstlicher Intelligenz kümmert sich um die Drecksarbeit – wie etwa als Besatzung von Raumstationen wie der Tesla, die eines Tages in einen Meteoritenschauer gerät und zur Erde stürzt.

Die Polizistin Liv denkt sich dabei allerdings erst einmal nichts; wichtiger ist der Mordfall, zu dem sie mit ihrem Robot-Partner Job gerufen wird. Leonard Newman, Direktor des Museums für Comic-Kunst, wurde in seiner Wohnung erschossen. Die Überwachungskameras waren gezielt manipuliert, hier kennt sich also jemand aus mit der Technik. Auch einen Verdächtigen kann man fast noch schnappen, aber der macht sich fluchtartig vom Acker, als er die Bullen sieht.

Einstweilen trägt sich bei der Kunstrestauratorin Anna Seltsames zu: sie fühlt sich irgendwie voluminös und leidet unter Übelkeitsattacken. Professor Castle eröffnet ihr, dass sie schwanger ist – und zwar als erste Frau seit 500 Jahren, obwohl das doch eigentlich unmöglich sein sollte. Liv nimmt inzwischen die Spur der Täter im Fall Newman auf und schnappt sich den flüchtigen Brian Miller, den man schon am Tatort gesehen hatte. Liv rettet den Verzweifelten knapp vor der Attacke eines Killer-Robots – irgendjemand, der künstliche Intelligenz manipulieren kann, scheint Miller ans Leder zu wollen.

Der Romanautor lässt sich von Liv zur Aussage überreden: am Tag, als die Tesla abstürzte, waren Newman, er und eine mysteriöse Dame, deren Identität er nicht preisgeben will, am Strand und untersuchten das Wrack. Etwas Unglaubliches, was das Trio an Bord fand, schweißte sie schicksalshaft zusammen – aber bevor er das Geheimnis verraten kann, wird er von dem plötzlich durchdrehenden Job erschossen, gegen jedes eigentlich zutiefst verdrahtete Gesetz der Robotik. Liv setzt sich umso hartnäckiger auf die Fährte der letzten Überlebenden der bahnbrechenden Entdeckung, während Anna immer tiefer in die Fänge der finsteren Hintermänner einer gewaltigen Verschwörung gerät, die sie nur als Instrument benutzt…

Vier Autoren, vier abgeschlossene Geschichten, ein Thema – Androiden! Den Auftakt dieses Robotik-Quartetts macht eine Kriminalstory aus der Feder von Jean-Luc Istin, der schon in „Alice Matheson“ und „Die Meister der Inquisition“ zweifelhafte Charaktere auf Ermittlungsarbeit schickte. Dabei bietet Istin an der Oberfläche eine gewiefte Detektiv-Geschichte, die ganz im Stile eines Raymond Chandler im inneren Monolog der Protagonistin erzählt wird, vor allem aber in der Tradition der wegweisenden Robot-SF-Krimis von Isaac Asimov steht. Schon zu Beginn werden dessen Drei Gesetze der Robotik als Hintergrund aufgerufen, und auch die Handlungsführung im Zusammenspiel zwischen menschlichen und künstlichen Ermittlern in einer alles andere als erfreulichen Zukunft entfaltet sich ganz so, wie wir das aus klassischen dystopischen Whodunits „The Caves Of Steel“ und „The Naked Sun“ von Herrn Asimov kennen.

Aber Istin lädt die Geschichte zudem mit existentialistischen Fragestellungen auf: wie schon in Philip K. Dicks Werk schwebt über allem hier die Frage danach, ob künstliche Intelligenz eine Seele haben kann (oder in Blade Runner Rick Deckards Worten, ob Androiden von elektrischen Schafen träumen), ob eine unsterbliche, nach einer Droge süchtige Menschheit dagegen nicht längst ihre Seele verloren hat und wer in einer Zukunft, in der von Menschenhand erschaffene Androiden selbst zu Schöpfern werden, denn eigentlich auf der Spitze der Evolutionsleiter steht. All das verpackt Istin in einer flotten, eilenden Handlungsführung, die von Jesus Hervás Millán wunderbar energisch mit klarem Strich und einem Schuss Erotik umgesetzt wird. Spannend, intelligent, fesselnd. Die nächsten drei Bände („Glücklich wie Odysseus“, „Invasion“ und „Kielkos Tränen“ ) sind bereits in Vorbereitung.

Eine Leseprobe findet sich hier.

Jean-Luc Istin, Jesús Hervás Millán: Androiden Bd. 1: Wiederauferstehung. Splitter, Bielefeld 2017. 64 Seiten, 15,80 EUR