SAVING SALLY – Grandioser Leinwand-Comic!

Zwischen dem 28.09. und 01.10.2017 fand im Regensburger Ostentorkino das fünfte, wirklich urgemütliche HARD:LINE Film Festival statt, ein stark horrorlastiges Event, dass allerdings nach allen Seiten offen ist und in diesem Jahr für eine Überraschung der ganz besonderen Art sorgte, denn zwischen mit Psychokillern, Monstern und Kannibalinnen bevölkerten Schockern wurde doch tatsächlich ein philippinischer Liebesfilm platziert, was natürlich für Verwunderung beim Publikum sorgte, dass dann wiederum zur Überraschung der Veranstalter „Saving Sally“ bei der Publikumsabstimmung tatsächlich auf Platz 1 wählte. Es handelt sich hierbei laut Regisseur Avid Liongoren um eine „ganz normale Liebesgeschichte“, was aber nur die halbe Wahrheit ist.

Marty und Sally leben im futuristischen Manila und sind durch und durch Nerds. Marty zeichnet und schreibt Comics und ist so versunken in seiner Leidenschaft, dass er das echte Leben aus regelrechten „Comic-Augen“ betrachtet, vor allem unliebsame Mitmenschen (also praktisch alle) werden von ihm als Monster unterschiedlichster Ausprägungen wahrgenommen. Sally erfindet gerne abenteuerliche Apparaturen und hat Marty einst vor einem fiesen High-School-Schlägern gerettet. Seitdem sind die beiden dick befreundet, blöderweise hat sich Marty im Laufe der Zeit heimlich schwer in Sally verliebt, traut sich allerdings nicht zu seinen Gefühlen zu stehen. Als er dann doch endlich den Mut findet, teilt seine Angebetete urplötzlich mit, dass sie mit dem schnöseligen Nick angebandelt hat. Ein weiteres, noch etwas größeres Problem offenbart sich in Form von Sallys Adoptiveltern, die nicht nur übertrieben streng sind, sondern die junge Frau misshandeln …

Klar, der Plot hebt die Welt nicht gerade aus den Angeln, allerdings platziert Liongoren seine Akteure in eine kunterbunte 2D-Comicumgebung, in der alles möglich ist. Und gerade diese tolle, herrlich verspielte visuelle Seite des Films (wenn Marty sein Mädel anschaut fliegen zum Beispiel Herzchen durchs Bild), die direkt in Verbindung mit dem Hauptcharakter steht, macht klar, wieso der Plot einfach und vor allem geerdet gehalten wurde, denn es ist gerade diese lebensnahe Basis, die den Zuschauern die Möglichkeit zur emotionalen Verankerung im ausgeflippten Treiben gibt, oder anders formuliert: Wäre auch die Geschichte drüber, würde der Film dem Zuschauer schlichtweg entgleiten. Die formale Seite wird zudem dazu genutzt, die alltägliche Geschichte auf fantasievolle Weise zu erweitern und zu intensivieren: Wenn Marty sich in seinen Tagträumen in einen unbesiegbaren Comic-Superhelden verwandelt, der sein Mädel retten will, dabei in der Realität aber von seinem Mädel vor einem herannahenden Bus gerettet wird, ist das optisch absolut bezaubernd umgesetzt und sehr komisch, allerdings nicht herabsetzend, man kann Emotionen dieser Art wohl problemlos nachvollziehen.

Was auch daherkommt, weil „Saving Sally“ seinen beiden Hauptfiguren jederzeit auf Augenhöhe begegnet, er beutet die Nerd-Kultur, anders als so viele US-Produktionen, wie zum Beispiel „The Big Bang Theory“, nicht aus, sondern fühlt sich ihr ehrlich verbunden, der Film mag seine Protagonisten aufrichtig und diese „reine“, ehrliche Natur des Films, der ebenso keine zynischen oder dreckigen Witze notwendig hat, um über die Runde zu kommen, macht ihn einfach so wahnsinnig sympathisch.

Liongoren hat mit seinem in wahnwitzigen 12 Jahren (!) entstanden Werk zudem noch was anderes fertig gebracht: Während Marvel & Co. das Medium Comic dem Medium Spielfilm unterwerfen, lediglich Comic-Elemente in konventionelle Spielfilme packen, findet der Regisseur eine ideale Verschmelzung, ein Spielfilm, der sich das Medium Comic regelrecht überstülpt, ein – im wahrsten Sinne des Wortes – „Comic-Film“. „Saving Sally“ fühlt sich, obwohl keine gedruckte Vorlage existiert, wie die Adaption eines Comics an, die tatsächlich auch das adaptierte Medium, beziehungsweise dessen Charakteristika, mittransferiert. Ein erfrischend anderer, kreativer Umgang mit dem Medium Comic, der sich deutlich vom erstarrten und oftmals unwürdigen Einheitsbrei abgrenzt.

Nach dem Abspann wurde als Bonus noch der ebenso zauberhafte, zweiminütige „The Girl and the World“ gezeigt, den man sich unterhalb dieses Beitrags online anschauen kann – wer danach Bock auf mehr hat, steuert die offizielle Webseite von Avid Liongoren an, denn da gibt’s allerhand zu entdecken!

Saving Sally. Philippinen 2016. Regie: Avid Liongoren. Darsteller: Rhian Ramos, Enzo Marcos, TJ Trinidad, Archie Adamos. Bisher leider kein Start in Deutschland in Sicht!