Archaische Sci-Fi-Welten – „Die Ausgestoßenen von Orion“

Übel hat man ihm mitgespielt, dem Krieger Kolhen: Seine Kontrahenten locken ihn mithilfe einer angeblich willigen Holden in einen Hinterhalt – mit dem Ergebnis, dass er aus seiner Kaste ausgeschlossen und als Ausgestoßener gebrandmarkt wird. In der Gefängnisfeste von Augheen lernt er die schöne Tryana kennen, der es ähnlich ergangen ist. Nebenbei hält Tryana auch noch eine unglaubliche Geschichte bereit: Heimlich habe sie im Dschungel beobachtet, wie ein offenbar mit magischen Kräften gesegneter blonder Hüne aus einem fliegenden Wagen ausstieg, sich mit einem Priester traf und in einem Tempel der Stadt eine Zauberwaffe demonstrierte, die per Lichtstrahl alles und jeden vernichtet. Als unliebsame Mitwisserin wird auch sie als Ausgestoßene in den Kerker geworfen und bittet Kolhen, ihr bei der Flucht zu helfen. Die gelingt schon bald auf dem Marsch zu den Minen, in denen die Sträflinge Zwangsarbeit leisten sollen: Die beiden ungleichen Abenteurer machen sich aus dem Staub und schließen sich einer fahrenden Artistentruppe an.

Bei einem großen Auftritt in der Stadt Engaalf erkennt Tryana in einem Gast des Kaufmanns, der sie engagiert hat, den blonden Magier wieder, den sie im Dschungel bei seinen mysteriösen Geschäften beobachtet hatte. Dem dubiosen Fettsack ringen sie hochnotpeinlich ab, dass der geheimnisvolle Fremde mächtige Waffen feilbietet und dafür kein Geld, sondern wertvolle Mineralien verlangt. Kolhen und Tryana setzen sich auf die Fersen des Magiers, geraten allerdings in die Hände von Sklavenjägern, die Tryana an ein Freudenhaus und Kolhen auf die Galeeren verkaufen. Dort lacht dem Ex-Krieger allerdings das Glück im Unglück in Person des Piraten Draan, der das Schiff überfällt und den Sklaven die Chance gibt, als freie Männer bei ihm anzuheuern. Mehr zufällig kommt man über den blonden Magier ins Gespräch, worauf Draan dem staunenden Kolhen eröffnet, seine Leute hätten vor einigen Tagen eine ebenfalls blonde, genauso seltsam gekleidete Frau gefangen genommen, die ihm vielleicht weiterhelfen könnte. Was ihm die Dame dann eröffnet, raubt Kolhen allerdings schier den Atem und erschüttert sein Weltbild in den Grundfesten…

Eric Corbeyran (Text), Jorge Miguel (Zeichnungen): „Die Ausgestoßenen von Orion“ Bd. 1.
Aus dem Französischen von Resel Rebiersch. Splitter, Bielefeld 2017. 48 Seiten. 14,80 Euro

Was Julia Verlanger (eines der Pseudonyme, unter denen die Französin Éliane Grimaître ihre SF-Werke veröffentlichte) mit ihrem Roman „La Croix des décastés“ 1977 vorlegte, spielt mit ebenjener spannungsgeladenen anachronistischen Vermischung von mittelalterlicher Welt (strenge Kasten-Ordnung, religiös-feudal geprägte Herrschaft) und futuristischer Hochtechnologie, die auch den 1976 gestarteten „Storm“ und noch stärker „Trigan“ kennzeichnet. Im Gegensatz zu der Welt von Don Lawrence, in der die hochentwickelte Phase durch eine Katastrophe weggefegt wurde und nur noch in Ruinen besteht (Storm) oder eine Art römisches Reich und Laserwaffen parallel existieren (Trigan), skizziert Verlanger eine Vision, die auch einem Erich von Däniken gefallen haben dürfte: Wie die Götter aus dem All kommen die Menschen auf den Planeten Orion zurück, den sie vor langer Zeit versuchten zu besiedeln – als der Kontakt wie zu vielen Außenwelten abriss, entwickelten sich die ehemaligen Kolonien nicht weiter, man vergaß die eigentliche Herkunft und verfiel in archaische Strukturen, gegen die die mittlerweile fortgeschrittene Technik der Erde wie Zauberei wirken muss.

Dieses Konzept, das Vielschreiber Éric Corbeyran (u. a. „Unter schwarzer Flagge“, „Doppelgänger“) hier schmissig umsetzt, kennen wir in umgekehrter Form nicht zuletzt aus dem ebenfalls Ende der 70er erstmals gestarteten Kampfstern Galactica, wo sich das letzte Häuflein Menschen aus allen Kolonien aufmacht, um die nur noch in Mythen überlieferte eigentliche Heimat Erde zu suchen – und auch in der ebenfalls neu erschienenen „Rückkehr nach Belzagor“ (auf Basis eines Romans von Robert Silverberg von 1969) geht es ums Motiv der verlassenen, dann wieder aufgesuchten Weltraum-Kolonie. Dieses Thema, das die Dekade der 70er offenbar schwer beschäftigte, wird wie bei Silverberg angereichert um den Konflikt der schnöden Profitgier der ehemaligen Herren – wie gewissenlose Waffenschieber im „wilden“ Westen Gewehre an die Indianer verscherbelten, bietet der blonde Rodrick hier überlegene Strahlenpistolen feil, die in der mittelalterlichen Kastenwelt ihren Besitzer unschlagbar machen. Der knorrige Held Kolhen wirkt dabei jedem Sword & Sorcery-Helden aus der Feder eines Robert E. Howard wie aus dem Gesicht geschnitten, und auch Tryana ist durchaus eine angenehm aktive Frau der Tat. Malerisch, großflächig, hinlänglich exotisch inszeniert von Jorge Miguel, entfaltet sich hier ein faszinierendes Panorama des Zusammenstoßes zweier Kulturen, das vor allem in lyrischen Panels überzeugt, in denen die Akteure vor Ruinen vorbeiziehen, die sich bei genauerem Hinsehen als Relikte der alten Herrscher deuten lassen. Band 2 ist in Vorbereitung.

Dieser Text erschien zuerst auf Comicleser.de.

Holger Bachmann ist Autor diverser Bücher und Aufsätze zur Film- und Literaturgeschichte. Neben dem Comicleser.de schreibt er auf kühleszeug.de über Konzerte und geistvolle Getränke.